Abgasskandal: VW soll ein Dutzend Mitarbeiter beurlaubt haben

30. September 2015, 14:56
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Medienberichten zufolge wurden ein Dutzend in den Skandal Involvierte beurlaubt. Oliver Blume neuer Porsche-Chef

Wolfsburg – Im Zuge der Manipulationsaffäre hat Volkswagen einem Bericht zufolge rund ein Dutzend Mitarbeiter beurlaubt. Wie das "Manager-Magazin" am Mittwoch online berichtete, werden die Betroffenen verdächtigt, an Entwicklung und Einsatz der zur Manipulation von Abgaswerten genutzten Software beteiligt gewesen zu sein – oder zumindest frühzeitig davon gewusst zu haben.

Der Großteil der beurlaubten Mitarbeiter sei in der Motorenentwicklung und Abgasnachbehandlung tätig gewesen. Unter den beurlaubten Mitarbeitern sind dem Bericht zufolge "Entwickler und Manager auch höherer Hierarchieebenen in Deutschland und den USA".

Der Rechercheverbund von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR hatte am Dienstag berichtet, dass der ranghohe VW-Manager Heinz-Jakob Neußer in den Fokus des Skandals geraten sei. Interne Untersuchungen hätten ergeben, dass der inzwischen beurlaubte Manager 2011 den Hinweis eines Motorentechnikers auf möglicherweise illegale Praktiken abgetan habe.

Klagen stehen an

Dem Konzern stehen wegen des Abgas-Skandals außerdem hohe Schadenersatzforderungen von Aktionären ins Haus. "Wir haben zahlreiche Anfragen wegen Schadenersatzklagen von Anwälten erhalten, die größere institutionelle Anleger in den USA vertreten", sagt Peter Dreier von der auf Kapitalmarktrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Dreier Riedel. Er rechnet wie auch andere Experten mit einem jahrelangen Prozessmarathon.

Alleine in Großbritannien sollen fast 1,2 Millionen Fahrzeuge betroffen sein. VW hat zugegeben, dass bis zu 11 Millionen Autos weltweit von den Abgastest-Manipulationen tangiert sein könnten.

Frankreich überlegt, Förderungen zurückzuverlangen

Die französische Regierung erwägt bereits, öffentliche Förderungen zurückzufordern. Wenn der Verkauf angeblich sauberer Fahrzeuge mit Fördergeldern zusammenhänge, "dann müssen diese öffentlichen Hilfen zurückgezahlt werden", sagte Umweltministerin Segolene Royal am Mittwoch. Nähere Angaben zur möglichen Höhe von Forderungen machte Royal nicht. In Frankreich sind rund eine Millionen Fahrzeuge betroffen.

Anzeige von und gegen Audi

Die VW-Tochter Audi hat Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Ingolstadt gestellt. "Damit wollen wir den Prozess der Aufklärung unterstützen", erklärte ein Audi-Sprecher am Mittwoch. Das Unternehmen arbeite eng mit den ermittelnden Behörden zusammen.

"Wir dulden keine Geschäftspraktiken, die gegen geltendes Recht oder grundlegende Werte verstoßen", erklärte der Sprecher. Die Anzeige habe man "wegen sämtlicher nach deutschem Strafrecht in Betracht kommender Delikte" erstattet.

Zuvor hatten die Zeitungen der Funke Mediengruppe (Mittwoch) berichtet, dass die Staatsanwaltschaft Ingolstadt ein Prüfverfahren gegen Audi aufgenommen hat. "Wir prüfen derzeit alle Fakten, um entscheiden zu können, ob ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden muss", wurde Oberstaatsanwalt Wolfram Herrle zitiert.

Neuer Porsche-Chef

Der Sportwagenbauer Porsche hat indessen einen neuen Chef. Der bisherige Produktionsvorstand Oliver Blume übernimmt zum 1. Oktober den Chefsessel bei der VW-Tochter, wie die Porsche AG am Mittwoch nach einer Sitzung ihres Aufsichtsrats mitteilte. Damit folgt der 47-Jährige auf Matthias Müller, der vergangene Woche als Folge des Dieselskandals an die Spitze des Volkswagen-Konzerns gerückt war.

Blume ist schon seit gut zwei Jahrzehnten im VW-Konzern tätig, 2013 kam er als Produktionsvorstand zu Porsche. Damit geht zumindest ein Teil der Zuffenhausener Erfolgsgeschichte vergangener Jahre auch auf Blumes Konto. Seit 2010 hat die VW-Tochter Umsatz, Absatz und Mitarbeiterzahlen fast verdoppelt.

Der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller soll Insidern zufolge wiederum den Kommunikationschef des Konzerns auswechseln. "Müller bringt seinen Vertrauten von Porsche mit", sagte ein Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Er hole den Leiter der Porsche-Kommunikation, Hans-Gerd Bode, nach Wolfsburg.

Kolportierter Rücktritt

Kommunikationschef Stefan Grühsem scheidet Unternehmenskreisen zufolge bei Volkswagen aus. Es werde erwartet, dass der 53-Jährige diesen Rücktritt noch am Mittwoch bekanntgeben werde, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Grühsem ist enger Vertrauter des vergangene Woche in der Abgasaffäre zurückgetretenen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn.

Der 68-jährige Konzernchef hatte in einer Videobotschaft zunächst um sein Amt gekämpft, fand im Aufsichtsratspräsidium aber keine Rückendeckung.

Stichwort Aufsichtsrat: Angesichts von Spekulationen haben sich die Familien Porsche und Piech eindeutig hinter VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch als neuen VW-Aufsichtsratschef gestellt. Die Familien Piech und Porsche stünden unverändert hinter Pötsch als künftigem Chef des Volkswagen-Kontrollgremiums, sagte ein Sprecher der Dachgesellschaft Porsche SE am Mittwoch der dpa in Stuttgart.

Die Holding hält die Mehrheit an VW, die Familien Piech und Porsche wiederum spielen eine maßgebliche Rolle in der Porsche SE.

Umstrittener Aufklärer

Doch die Personalie Pötsch ist nicht unumstritten. In Konzernkreisen war nach einem Bericht des "Handelsblatts" Kritik laut geworden, weil Pötsch in seiner neuen Rolle die Aufklärung des Dieselskandals beaufsichtigen soll – für den er in seiner Zeit als VW-Vorstand aber möglicherweise eine Mitschuld tragen könnte, wie es in den Kreisen hieß. Auch im Präsidium selbst waren dem Vernehmen nach am Mittwoch Zweifel aufgekommen, ob Pötsch noch der richtige Mann an der Spitze des Aufsichtsrats sei. Nach dpa-Informationen gibt es hier etwa seitens des Landes Niedersachsen Klärungsbedarf.

Bei den für den Mittwochnachmittag angesetzten Beratungen dürfte es daher insbesondere auf die Positionierung des Interimsvorsitzenden des Gremiums, den früheren IG-Metallchef Berthold Huber, ankommen. Aber auch VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh und sein Vertreter Stefan Wolf haben in den Beratungen ein Wort mitzureden.

Der 20-köpfige VW-Aufsichtsrat hatte – auf Empfehlung des Präsidiums von Anfang September – erst in der vergangenen Woche beschlossen, dass Pötsch im November in den Aufsichtsrat wechseln soll. Die Personalie soll bei der außerordentlichen VW-Hauptversammlung am 9. November in Berlin von den Aktionären abgesegnet werden.

Umweltauszeichnungen aberkannt

Volkswagen und Audi müssen übrigens wegen der Abgasaffäre Preise für besonders umweltfreundliche Diesel-Modelle in den USA zurückgeben. Erstmals in der jahrzehntelangen Geschichte der Preisverleihungen des "Green Car Journal" seien Auszeichnungen aberkannt worden, teilte das Fachblatt am Mittwoch mit.(Reuters, APA, 30.9.2015)

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