Primärversorgung: Lob für Wiener Pilotprojekt, Warten auf Nachfolger

30. September 2015, 12:01
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Zweiter Standort nahe Donauspital verzögert sich – Weiter Diskussion um Bundesgesetz – Wiener Ärztekammer trägt etwaigen Bundesprotest mit

Wien – Mitte Mai hat in Wien trotz fehlender legistischer Grundlagen das erste Primärversorgungszentrum als Pilotprojekt eröffnet. Nach vier Monaten Betrieb ziehen Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) und Stadt eine durchaus positive Bilanz. Der zweite Standort verzögert sich hingegen, während die Ärztekammer gegen das derzeit in Arbeit befindliche Primary-Health-Care-(PHC-)Gesetz rüstet.

In einer von der WGKK beauftragten Studie, bei der 203 Patienten des ersten PHC-Zentrums in Mariahilf befragt wurden, fiel das Resümee jedenfalls recht positiv aus: 93 Prozent waren mit ihrem Besuch in dem Zentrum sehr zufrieden. Allerdings scheint das Primärversorgungszentrum derzeit in erster Linie als erweiterte Arztpraxis wahrgenommen zu werden: 62 Prozent der Befragten gaben an, nicht über die Zusatzangebote – wie etwa psychologische Betreuung oder diplomierte Krankenpflege vor Ort – Bescheid zu wissen.

Die langen Öffnungszeiten (wochentags jeweils bis 19 Uhr) stießen dagegen auf Zuspruch: 94 Prozent zeigten sich sehr zufrieden. Grundsätzlich sollten die PHC-Zentren vor allem auch die Spitalsambulanzen entlasten – das gelang zumindest bei einigen Patienten: 13 Prozent gaben an, sie hätten – gäbe es das Zentrum nicht – mit akuten Beschwerden eine Ambulanz aufgesucht, 74 Prozent einen anderen praktischen Arzt, 8 Prozent hätten abgewartet, während 5 Prozent zum Facharzt gegangen wären.

Neuausschreibung "so schnell wie möglich"

Ebenfalls noch in diesem Jahr sollte eigentlich der zweite Wiener PHC-Versuchsstandort nahe dem Donauspital eröffnen. Das könnte nun knapp werden: Denn bei den ersten beiden Ausschreibungen, die – wie alle anderen – von der Ärztekammer durchgeführt werden, habe keine der Bewerbungen den Anforderungen entsprochen. Problematisch ist vor allem, dass die Ausschreibung eine gemeinsame Bewerbung von drei Ärzten vorsieht. Dennoch halte man an dem Standort fest und wolle eine neue Ausschreibung "so schnell wie möglich" durchführen, erklärt eine Sprecherin der Kammer.

Trotz der Verzögerung arbeite man weiter "mit Hochdruck" an der Realisierung weiterer Primärversorgungszentren – beispielsweise im 15. Bezirk, wie es aus dem Büro von Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) hieß. Auch die Wiener Ärztekammer zeigte sich grundsätzlich offen, weitere Zentren zu eröffnen.

"Die Primärversorgung kann nur bei einer möglichst breiten Beteiligung der Ärzteschaft ein Erfolg werden", findet Wehsely. Deshalb brauche es dringend das neue PHC-Gesetz, das interessierten Ärzten Rechts- und Planungssicherheit garantiere und die Zentren zu Teilen des Gesundheitssystems statt zu zeitlich befristeten Projekten mache. Auch WGKK-Obfrau Ingrid Reischl sprach sich für ein PHC-Gesetz aus, "an dem kein Weg vorbeiführt". "Wer PHC-Zentren verhindert, trägt dazu bei, dass Patientenströme falsch gelenkt werden", so Reischl, die vor allem auf die Entlastung der Spitalsambulanzen verwies.

Wiener Drohgebärden

Gerade bei der bundesgesetzlichen Grundlage gibt es jedoch noch Umstimmigkeiten zwischen Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) und der Ärztekammer. Diese fürchtet, dass durch das neue Gesetz das System der von Kammer und Krankenkasse verhandelten Gesamtverträge "ausgehöhlt" werde. Daher drohte die Kammer – sollte das Gesetz nicht abgeändert werden – mit einer Kündigung der Gesamtverträge mit den Gebietskrankenkassen.

Diese Vorgehensweise wird nun auch von der Wiener Ärztekammer mitgetragen, der entsprechende Antrag wurde bei einer Kuriensitzung am Dienstagabend mehrheitlich angenommen. Konkret heißt es da: "Sollten die Verhandlungen und Gespräche zu keinem Erfolg führen, trägt die Kurie der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer für Wien die angedachten Maßnahmen der Bundeskurie vollinhaltlich, bis hin zu einer möglichen Gesamtvertragskündigung, mit." Das Pilotprojekt in Mariahilf wird im Antrag hingegen als "Vorbild für ein gedeihliches Nebeneinander von klassischen Hausärzten und neuen Kooperationsformen" genannt. (APA, 30.9.2015)

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