Die neue Mailänder Zuckerbäckermode

30. September 2015, 13:03
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Endlich gibt es in der italienischen Mode neue Kräfte: Die vielversprechendste ist Alessandro Michele, der sich als Chefdesigner bei Gucci von der "Sex ist geil"-Ästhetik verabschiedet hat

Die Mode steht neuerdings auf Süßigkeiten. Mitten unter all den Luxusboutiquen an der Mailänder Via Monte Napoleone hat Prada einen Tempel voll mit Schokolade, Pralinen und Zuckerln aufgesperrt. Pasticceria Marchesi nennt er sich und ist die Antwort auf die Pasticceria Cova, einen ebenso eleganten und vor süßen Versuchungen strotzenden Treffpunkt des mondänen Mailand. Nur dass die Pasticceria Cova dem Erzrivalen LVMH gehört, dem französischen Luxuskonglomerat, das Marken wie Louis Vuitton, Fendi oder Bulgari vereint.

Auf der Suche nach neuen Märkten ist die Mode auf das Essen gekommen. Eine unwahrscheinliche Verbindung, die zeigt, wie stark die Notwendigkeit einer Ausweitung der traditionellen Kampfzonen (Mode, Accessoires, Parfums) geworden ist. Immer mehr Marken buhlen um ein Stück Kuchen, der – seitdem Märkte wie Russland und China schwächeln – nicht größer wird.

In Italien kommt mit der Überalterung der Modebranche ein hausgemachtes Problem dazu. Noch immer sind die großen Marken in der Hand der Patriarchen und Familien und ästhetische Revolutionen wie jene bei Gucci eine Seltenheit. Das Florentiner Label (das sich schon lange in der Hand des französischen Kering-Konzerns befindet) hat bereits in der vorigen Saison mit der Ernennung von Alessandro Michele zum Chefdesigner eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen. Die Sex-ist-geil-Ästhethik ist einem verträumten Alice-im-Wunderland-Stil gewichen.

Poesie und Ironie bei Gucci

Statt auf hautenge Busen-Bein-Po-Kleider steht Michele auf blümerante Rüschenblusen. Dazu kombiniert er Kastenbrillen und artig über die Knie reichende Faltenröcke. Die Poesie und Ironie seiner Kleider und ihr spektakulärer Farben- und Materialreichtum dürften sowohl die modebewusste Oma als auch die Vintage-faszinierte Enkelin begeistern. Und für den schwulen Nachbarssohn gibt es flamboyante, mit Obst bedruckte Anzüge.

foto: ap/luca bruno

Mit seinen gerade einmal drei Kollektionen ist Michele zum Ober-Zuckerbäcker der Mode aufgestiegen, der genauso mit Genderthemen wie mit modehistorischen Einflüssen spielt. Schon wird von einer Renaissance des italienischen Designs gesprochen, dabei aber vergessen, dass die meisten einflussreichen jüngeren Italo-Designer bei französischen Konzernen unter Vertrag stehen. Der Sizilianer Riccardo Tisci, der bei Givenchy einen der einflussreichsten Stile der letzten Jahre prägte, kehrte diese Saison zumindest mit einer megalomanischen Zehn-Jahres-Party zurück.

foto: apa/epa/peter foley

Die genuin italienischen Stimmen, die an die großen Zeiten der italienischen Mode anknüpfen, sind weiterhin rar. Einer der Hoffnungsträger ist Massimo Giorgetti, der mit seinem eigenen Label MSGM eine poppige, mit Logos und Mustern spielende Ästhetik entwickelt hat. Bei Pucci stellte er jetzt seine erste Kollektion für einen breiteren Markt vor, Netztops mit aufgestickten Muscheln, flattrige Seidenmäntel mit Fischmotiven, Plisseekleider mit Meerjungfrauen. Da hat jemand noch nicht seinen Weg gefunden.

foto: apa/epa/matteo bazzi

Bei Designer Peter Dundas (ehemals Pucci) ist das noch augenscheinlicher. Er hat bereits vor zehn Jahren für Roberto Cavalli gearbeitet, nach dem Verkauf der Marke an eine Beteiligungsgesellschaft kehrte der Norweger jetzt zum Florentiner Modehaus zurück – allerdings nicht, ohne mit seiner eigenen und Cavallis Vergangenheit zu brechen. Gegen die (immer etwas ordinäre) Sexiness der Marke hat zwar auch Dundas nichts, er drückt ihr mithilfe ausgewaschener Jeansshorts, gebatikter Vokuhila-Kleider und überweiter Silbertops aber einen etwas zu großen 80er-Jahre-Stempel auf.

In welche Richtung eine Marke nach dem Abgang seines Gründers geht, diese Frage wird sich in Italien in Zukunft noch oft stellen. Der 80-jährige Giorgio Armani sitzt zwar fest im Sattel, sein Formenvokabular ist aber genauso souverän wie vorhersehbar. Bei Emporio ließ er sich diesmal von Zuckerlrosa inspirieren, bei seiner Hauptlinie setzte er auf einen Mustermix. Etwas zu routiniert auch Dolce & Gabbana, die ohne jegliche Brüche auf Italo-Schmelz setzten. Alessandra Facchinetti hat es da einfacher. Die Designerin von Tod's kann ganz von vorn beginnen: Sie muss die Frage beantworten, wie die Mode zur Schuhmarke aussehen könnte.

foto: ap/antonio calanni,apa/epa/daniel dal zennaro,apa/epa/matteo bazzi
Bei Tod´s muss die Mode zu den Schuhen passen, bei Versace darf sie nicht zu viel verhüllen, bei Iceberg sollte sie eine neue Ära einläuten und bei Prada schlichtweg eine Alleskönnerin sein (v.li.).

Tod's ist mit seinen Noppenschuhen zum Synonym für das bürgerliche Italien geworden. Facchinetti gibt sich wild, beinahe rockig. Nadelstreifstoffe wirken maskulin, in hochgezogene Röcke lasert sie Löcher, lässige Lederkleider fallen von den Schultern. Das lässt sich ähnlich vielversprechend an wie Arthur Arbessers Beginn bei Iceberg, einer anderen uritalienischen Marke, die in der Vergangenheit von halbnackten Moderatorinnen in Berlusconis Privatsendern geschätzt wurde.

Arbessers Iceberg-Debüt

Der Wiener Designer, der für Armani arbeitete und seit einigen Saisonen seine eigene Linie entwirft, ist eine der großen Mailänder Nachwuchshoffnungen. Bei seinem Debüt setzte er in erster Linie auf enganliegenden Strick – wahlweise in poppiger Streifen- oder in psychedelischer Wellenoptik. Dreiviertelhosen mit applizierten Federn, silberne Tops und seidene Latzhosen unterstrichen gleichermaßen die Leichtigkeit wie die Straßentauglichkeit des beklatschten Debüts. Ähnliches lässt sich von Arbessers eigener Kollektion sagen, die dank Blumenprints und abgerundeter Formen etwas femininer ausfiel.

foto: ap/luca bruno

Und womit überraschten die Mailänder Platzhirsche? Bei Etro zeigte man ebenfalls eine Zuckerbäckerkollektion, allerdings in traditioneller Laura-Ashley-Optik, bei Prada waren die Pastellfarben dagegen bereits letzte Saison dran. Für kommendes Frühjahr setzt Miuccia Prada auf Interpretationen des in Verruf geratenen Kostüms, sie kombiniert Napa mit Lack und Tweed und durchsichtige Tüllkleider mit Strick und Plastikapplikationen. Eine wilde, vielleicht etwas zu wilde Mischung.

Eine der besten Mailänder Kollektionen lieferte dagegen Donatella Versace ab. Sie schickte enggegürtete Kriegerinnen in Tarnfarben und witzigen Camo-Prints auf den Laufsteg. Eine Kollektion, die genauso selbstbewusst wie sexy daherkam, vor Details und Materialien nur so strotzte – und bewies, dass es manche der Altvorderen durchaus noch draufhaben.

foto: apa/epa/matteo bazzi

(Stephan Hilpold aus Mailand, 30.9.2015)


Mehr zu den Fashion Weeks in New York, London und Mailand hier.

  • Busen-Bein-Po-Kleider waren einmal: Der neue Gucci-Designer Alessandro Michele steht auf eine Alice-im-Wunderland-Ästhetik.
    foto: apa/epa/daniel dal zennaro

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