"Ich habe den Respekt vermisst"

Interview2. Oktober 2015, 07:03
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Ex-Skispringer Thomas Morgenstern ist unter die Buchautoren gegangen. Ein Gespräch über Gregor Schlierenzauer, beleidigte Leberwürste und die Angst auf der Schanze

Eine Biografie im klassischen Sinn wollte Thomas Morgenstern nicht schreiben. Also widmete sich der ehemalige Skispringer in seinem eben erschienenen Buch "Über meinen Schatten. Eine Reise zu mir selbst" der Lebensphase zwischen seinem Sturz am Kulm und den Olympischen Spielen von Sotschi 2014. Ohne Rückblenden geht es aber nicht. Im Interview spricht der 28-Jährige über Ängste und ungelöste Konflikte.

STANDARD: Sie waren Olympiasieger und Weltmeister, haben die Vierschanzentournee und den Gesamtweltcup gewonnen. Trotzdem klingt in Ihrem Buch mitunter die beleidigte Leberwurst durch, weil nicht alles zu Ihrer Zufriedenheit verlief. Hat der Erfolgshunger am Ende die Demut überlagert?

Morgenstern: Nein, ich war immer dankbar. Meine Siege fühlten sich oft nicht real an. Tief in mir drin war ich noch der Bursche, der als Fan bewundernd an der Schanze von Planica stand. Aber einiges hat mich die letzten Jahre belastet. Das Schreiben war auch eine Möglichkeit, das ganze Zeug loszuwerden, eine Art Therapie. Vielleicht klinge ich zwischendurch beleidigt, aber ich wollte der Beste sein, das war mein Ansporn.

STANDARD: Der Beste war oft auch Gregor Schlierenzauer. Sie schreiben, dass Sie mit seinen Erfolgen nie umgehen konnten.

Morgenstern: Ich habe neidisch gesehen, wie sich alles um Gregor dreht. Wie er das Trainerteam auf sich ziehen konnte. Er hat mehr verlangt als ich.

STANDARD: Das kann man auch als Qualität betrachten. Hat Ihnen das Durchsetzungsvermögen gefehlt?

Morgenstern: Ich habe gewisse Hierarchien akzeptiert, war weniger bestimmend. Vielleicht hätte ich öfters über den Dingen stehen müssen. Es war aber nicht einfach.

foto: apa/gindl
Thomas Morgenstern und Dauerkonkurrent Schlierenzauer: "Er hat sein Selbstbewusstsein zur Schau gestellt. Das hat mich gestört."

STANDARD: Sie waren der Doppel-Olympiasieger von Turin, ein Nationalheld. Und trotzdem hat die Ankunft des jungen Schlierenzauer Sie aus dem Konzept gebracht. Wie hat er das bloß angestellt?

Morgenstern: Er hat mich nicht aus dem Konzept gebracht, aber doch irritiert. Als ich 2002 bei der Tournee mein Debüt gab, waren da Andreas Goldberger, Martin Höllwarth und Andreas Widhölzl. Sie waren Idole. Ich war 16 Jahre alt und habe mich untergeordnet. Als Gregor in den Weltcup kam, habe ich den Respekt vermisst. Er hat sich verhalten, als wäre er schon immer da gewesen. Er hat sein Selbstbewusstsein zur Schau gestellt. Das hat mich gestört.

STANDARD: Am notwendigen Selbstvertrauen kann es ja auch Ihnen nicht gemangelt haben. Sie waren als Youngster auf Anhieb in den Top Ten, vor einem Goldberger oder Widhölzl.

Morgenstern: Ich wusste, dass ich mit ihnen konkurrieren kann. Aber ich hätte diese Gewissheit nicht auf diese Art und Weise nach außen getragen.

STANDARD: Große Zweikämpfe prägen die Geschichte des Sports. Haben Sie trotz aller Konflikte nicht auch von Schlierenzauers Konkurrenz profitiert?

Morgenstern: Kein Zweifel. Man muss dankbar sein, dass er in der Mannschaft war. Er hat mir die Grenzen aufgezeigt. Wenn man mit ihm mithalten konnte, war man mit Sicherheit auch international gut dabei.

STANDARD: Seit einem Jahr sind Sie in Sportpension. Wäre der Rücktritt auch ohne Ihre beiden schweren Stürze in der Saison 2014 erfolgt?

Morgenstern: Nein. Das war zuvor gar kein Thema. Aber nach der Vorbereitung im Sommer wusste ich, dass es mit meiner Karriere vorbei ist.

STANDARD: Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Morgenstern: Angst. Was passiert, wenn ich mich das nächste Mal überschlage? Wache ich dann schon wieder im Krankenhaus auf? Sitze ich dann im Rollstuhl? Oder wache ich gar nicht mehr auf? Mit solchen Gedanken kann man nicht springen.

STANDARD: Gestürzt sind Sie zuvor auch. Warum waren die psychologischen Konsequenzen diesmal gravierender?

Morgenstern: Am Anfang ist man jung, fühlt sich unverwundbar. Aber die Angst hat mit jedem Sturz zugenommen. Von Jahr zu Jahr denkt man mehr nach. Ich bin etwa 10.000-mal gesprungen und viermal schwer gestürzt. Es ist unwahrscheinlich, aber irgendwann passiert es wieder.

STANDARD: Jetzt fliegen Sie sportliche Wettkämpfe mit dem Hubschrauber, davon ist auch schon der eine oder andere von Himmel gefallen.

Morgenstern: Meine Ängste sind vorwiegend mit der Schanze assoziiert. Daran habe ich schlechte Erinnerungen. Die Fliegerei ist noch immer meine Leidenschaft.

foto: apa/epa/zakrzewski
Thomas Morgenstern und der Hubschrauber: "Meine Ängste sind mit der Schanze assoziiert. Die Fliegerei bleibt meine Leidenschaft."

STANDARD: Nach Ihrem fatalen Unfall beim Skifliegen am Kulm haben Sie sich zurückgekämpft, wenig später in Sotschi eine olympische Medaille gewonnen. Konnte dieser Kraftakt das Rad der Zeit nicht zurückdrehen?

Morgenstern: Sollte man annehmen. Aber Skispringen war für mich in dieser Phase mental so anstrengend wie nie zuvor. Ich war fertig, völlig ausgebrannt. Der Sport hat mich ausgesaugt. Da war nichts mehr übrig.

STANDARD: Es gab in Sotschi Diskussionen rund ums Material, Sie fühlten sich hintergangen. War auch das mitentscheidend?

Morgenstern: Nein. Mit Heinz Kuttin kam nach der Saison ein Trainer, der mein vollstes Vertrauen hat. Das hätte eher für ein Weitermachen gesprochen.

STANDARD: Mit seinem Vorgänger Alexander Pointner war die Situation angespannt.

Morgenstern: Alex war lange Zeit ein super Trainer für mich, ich habe ihm viel zu verdanken. Aber am Ende ist es für mich in die falsche Richtung gegangen. Da konnte ich von seinen Methoden nicht mehr profitieren.

STANDARD: Was hätte man aus Ihrer Sicht besser machen können?

Morgenstern: Ein Trainer muss mir verschiedene Möglichkeiten bieten. Neurocoaching mag als Ergänzung nicht schlecht sein, es hat mich aber nicht zu einem besseren Springer gemacht. Wenn darüber hinaus alles andere abgelehnt wird, habe ich ein Problem. Ich stehe nämlich dort oben und muss runterspringen.

STANDARD: Wurden die Konflikte im Team konstruktiv ausgetragen?

Morgenstern: Nein, die Gesprächskultur hat gefehlt. Alles lief über fünf Ecken, Lösungen blieben aus.

STANDARD: Auch bei Durchhängern hat Ihnen der Rückhalt gefehlt.

Morgenstern: Wenn du im Rampenlicht stehst, sind alle für dich da. Ist man das dritte Glied, sieht es anders aus. Nehmen wir 2009 her, das Jahr nach meinem Gesamtweltcupsieg. Keiner von den Führungskräften war da, um mir in der Krise zu helfen.

STANDARD: Sie waren auf sich allein gestellt?

Morgenstern: Mehr oder weniger. Soll ich meine Kniebeugen mit Gewichten allein machen? So kann man nicht professionell arbeiten. Erst später habe ich mit Kuttin einen Trainer in Kärnten bekommen. Es war immer schwierig, Sachen durchzukriegen, die andere vor der Haustüre hatten.

STANDARD: Ist das der natürliche Nachteil des Nichttirolers?

Morgenstern: In Tirol ist der Skiverband, in Tirol sind die Trainer. Das gibt es in Kärnten alles nicht. Ich frage mich, warum man da nicht ansetzt. Wir haben in Kärnten optimale Voraussetzungen. Es gibt das Zentrum in Villach, wir haben die Anlage von Planica vor der Türe. Man müsste Kräfte verschieben und neue Möglichkeiten schaffen. Aber da tut sich relativ wenig.

foto: benevento publishing/apa-fotoservice/hörmandinger
Das Schreiben als Therapie. Olympiasieger Thomas Morgenstern blickt auf eine erfolgreiche Karriere zurück – und auf deren Schattenseiten.

STANDARD: Sie hätten bereits als Schüler ins Skigymnasium Stams wechseln können.

Morgenstern: Für mich war die Familie wichtig. Ich brauche mein gewohntes Umfeld. Stams bietet Möglichkeiten. Aber aus der Masse dort ein paar herauszubringen, ist auch kein großes Kunststück.

STANDARD: Familie ist auch in Ihrem Buch ein Thema, vor allem Ihr Kind und die Trennung von dessen Mutter. Sie wollten nie, dass Privates in die Medien gerät, warum haben Sie diesen Teil dann nicht ausgespart?

Morgenstern: Es war eine Überlegung. Aber ich wollte einiges richtigstellen. Der Boulevard hat mich fertig gemacht. "Held ohne Herz" stand zu lesen, mit mir gesprochen wurde nicht. Es war ein Wahnsinn, man ist ja ohnehin in einer ganz miesen Situation. Sowas habe ich noch nie erlebt.

STANDARD: Angenommen, Ihre Tochter strebt in ein paar Jahren eine Karriere als Skispringerin an. Wie würden Sie reagieren?

Morgenstern: Ich würde Sie unterstützen. Skispringen ist ein wunderbarer Sport, ich hatte tolle Zeiten mit ein paar schlechten Momenten. Aber meine Ängste dürfen ihr Leben nicht beeinflussen. (Philip Bauer, 1.10.2015)

Thomas Morgenstern (28) aus Spittal an der Drau ist mit Espen Bredesen, Matti Nykänen und Jens Weißflog einer von nur vier Skispringern, die sich Weltmeister, Olympia-, Tournee- und Gesamtweltcupsieger nennen dürfen. Am 10. Jänner 2014 stürzte er im Training auf der Skiflugschanze Kulm und zog sich schwere Verletzungen an Kopf und Lunge zu. Nur einen Monat später gewann er mit dem Team Silber bei den Olympischen Spielen von Sotschi. Es sollte nach elf Jahren im Weltcup sein letzter Wettbewerb bleiben.

Thomas Morgenstern
Über meinen Schatten

Ein Reise zu mir selbst.
Ecowin-Verlag 2015
158 Seiten, 19,95 Euro

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