VW-Skandal: 360.000 Autos in Österreich betroffen

29. September 2015, 21:21
372 Postings

Weltweit will der deutsche Autohersteller fünf Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten holen

Wien/Wolfsburg – In Österreich sollen im Zuge des VW-Abgasskandals 363.400 Autos aller Konzernmarken nachgebessert werden. Das teilte die Porsche-Holding in Salzburg mit. VW hat am Dienstag seinen Plan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vorgestellt und will weltweit fünf Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten holen.

Die betroffenen Kunden sollen demnächst per Post informiert werden, wenn ihre Dieselfahrzeuge nachgebessert werden müssen. VW sprach von "Servicemaßnahmen". Es handle sich aber nicht um eine "Sicherheitsrückrufaktion", weil die Sicherheit der Fahrzeuge nicht betroffen sei, sagte ein Konzernsprecher. Die Kunden sollen in den nächsten Wochen und Monaten informiert werden. Ex-Konzernchef Bernd Pischetsrieder und der frühere VW-Markenchef Wolfgang Bernhard bestritten unterdessen, etwas vom Einbau der Manipulationssoftware bei den Fahrzeugen gewusst zu haben.

Kosten unklar

Zu der Serviceaktion für die Fahrzeuge sagte VW-Markenchef Herbert Diess: "Wir haben einige Lösungen erarbeitet, insbesondere stehen natürlich die Kunden im Fokus im Moment." Die Kosten könne VW noch nicht abschätzen. Diess sprach am Abend mit EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska, ein Sprecher der EU-Kommission erklärte danach: "Beide Teilnehmer waren sich einig, dass es äußerst wichtig ist, das Vertrauen in die europäische Autoindustrie wiederherzustellen."

VW hatte am Freitag mitgeteilt, dass von der Kernmarke VW fünf Millionen Fahrzeuge betroffen sind. Ebenfalls bereits bekannt ist, dass es insgesamt um elf Millionen Wagen geht, davon 2,8 Millionen in Deutschland.

Volkswagen und die weiteren betroffenen Marken des Konzerns wollen den zuständigen Behörden im Oktober die technischen Lösungen vorstellen. Die betroffenen Autos bestimmter Baujahre und Modelle – darunter der Golf 6, der Passat der siebenten Generation und die erste Generation des Tiguan – sind mit Dieselmotoren des Typs EA 189 ausgestattet. Dass diese Modelle den Motor enthalten, hatte VW am Freitag bekanntgegeben.

Krisentreffen am Mittwoch

Am Mittwochnachmittag steht nach dpa-Informationen erneut ein Krisentreffen des Aufsichtsratspräsidiums an. Dazu zählen Aufsichtsratschef Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, Aufsichtsrat Wolfgang Porsche, Betriebsratschef Bernd Osterloh und dessen Stellvertreter Stephan Wolf. Dem Gremium soll nach internen Ermittlungen ein erster Zwischenbericht vorgelegt werden. Demnach fiel die Entscheidung zum Einbau der manipulierten Software bereits in den Jahren 2005 und 2006, und zwar in der Motorenentwicklung in der VW-Zentrale.

Ehemalige Chefs wollen nichts gewusst haben

Der frühere VW-Chef Pischetsrieder und der ehemalige Markenchef Bernhard wussten eigenen Angaben nichts vom Einbau der Software. Beide hätten auch keine Entscheidungen zur Entwicklung oder zu deren Einsatz getroffen, teilten sie am Dienstagabend über die Rechtsanwaltskanzlei Schertz Bergmann mit.

Unterdessen wehrt sich die deutsche Gewerkschaft IG Metall gegen negative Folgen für die Belegschaft. Die Affäre bedeute einen "unendlichen Schaden" für das Produkt, den Konzern und den Standort Deutschland, sagte Gewerkschaftschef Detlef Wetzel. Aus deutscher Sicht sei der Skandal mit der Finanzkrise 2008/09 vergleichbar. Arbeitnehmer seien dafür nicht verantwortlich, sagte Wetzel am Montagabend. Er gab aber zu, dass sich auch die bei VW mächtige IG Metall Fragen zu ihrem Beitrag zur Unternehmenskultur stellen müsse. Es stehe ein großer Kulturwandel an. "Es ist kein Wert an sich, größer als Toyota zu sein", sagte Wetzel. Zudem müsse man fragen: "Wieso haben wir davon nichts gewusst?" Die Affäre hat aus Sicht der Gewerkschaft aber mit der besonders ausgeprägten Mitbestimmung im Konzern nichts zu tun.

Gewerkschaft kritisiert Unternehmenskultur bei VW

Betriebsratschef Osterloh sagte der "Wolfsburger Allgemeinen Zeitung" vom Mittwoch, der Betriebsrat habe nicht erst "seit gestern" Veränderungen in der Unternehmenskultur verlangt. "Wir haben neue Strukturen eingefordert, weil wir klar gesehen haben, dass Volkswagen so auf Dauer nicht mehr zu führen ist." Bisher hätten sich Mitarbeiter mit Verbesserungsvorschlägen nicht durchsetzen können, "weil ihnen keiner zugehört hat".

Die bisherigen finanziellen Rückstellungen wegen des Skandals dürften einem Bericht der "Automobilwoche" vom Dienstag zufolge nicht für die Lösung aller Probleme ausreichen. Das gehe aus einer Antwort von Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch auf entsprechende Fragen bei einer Managerversammlung hervor. Die dafür veranschlagten 6,5 Milliarden Euro sind demnach vor allem für technologische Lösungen und Serviceleistungen vorgesehen. Schadenersatz, Anwaltshonorare und andere Kosten kämen noch dazu. Ein VW-Sprecher verwies auf die Gewinnwarnung aus der vergangenen Woche für das dritte Geschäftsquartal, wonach der angenommene Betrag für Serviceleistungen "Einschätzungsrisiken" unterliege und auch bereits klar nur den Serviceleistungen zugeordnet worden sei.

Der neue VW-Konzernchef Matthias Müller versprach eine "schonungslose und konsequente Aufklärung". Volkswagen werde in den nächsten Tagen betroffene Kunden darüber informieren, dass das Abgasverhalten ihres Fahrzeugs in Kürze nachgebessert werden müsse, sagte Müller laut Mitteilung am Montagabend. VW stehe vor der "größten Bewährungsprobe" in der Unternehmensgeschichte. Müller ist Nachfolger von Martin Winterkorn, der im Zuge des Skandals seinen Posten räumen musste. (APA, 29.9.2015)

Share if you care.