Grüne Zurückhaltung im Wiener Wahlkampf

Blog30. September 2015, 11:24
198 Postings

Während alle anderen Parteien im Wahlkampf fast penetrant ihre Spitzenkandidaten bewerben, wird Maria Vassilakou beinahe versteckt. Patschert oder Kalkül?

Häufig ist in diesen Tagen die Rede vom "Duell" Michael Häupls gegen Heinz-Christian Strache, vom "rot-blauen Kampf ums Wiener Rathaus". Und immer heißt es in einem Nebensatz dazu, diese Bipolarität drohe die kleineren Parteien, namentlich die Grünen, zu zerreiben. Ob das tatsächlich der Fall ist, ob die Menschen am Ende lieber "strategisch" wählen, als die bisherige rot-grüne Koalition aus Überzeugung zu stärken oder zu schwächen, wird man erst am Abend des 11. Oktober sehen.

Was man jetzt schon deutlich auf den Wahlplakaten sehen kann, ist ein offenbar etwas verzwicktes Verhältnis der bundesgrünen Wahlkampfstrategen zur Wiener Spitzenkandidatin und Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou. Wohl keine andere Partei zeigt ihre Nummer eins so selten (und so klein) her wie die Grünen. Nun ist es schon in Ordnung, mit Sachpolitik punkten zu wollen. Und es ist auch sinnvoll, in Farbgebung und Fotostilistik die Wahlkampfsprache der Partei zu vereinheitlichen, um ihren Wiedererkennungswert zu steigern.

Eigenes Großformat

Dass man allerdings anstelle von Vassilakou den jungen Nationalratsabgeordneten Julian Schmid in der zweiten Plakatierungswelle großformatig affichierte und auch noch "Öffi für alles" sein lässt, ist eher patschert als sexistisch. Schmid kandidiert nicht für den Gemeinderat, und die Grünen vergeben die Chance, sich auf die Fahnen zu heften, dass man immerhin die zweitmächtigste Politikerin Wiens an der Spitze der Partei hat. Das empfinden wohl auch die Jungen Grünen so, die sich vor kurzem in einer eigenen Publikation über die Werbelinie der Wahlstrategen im parteieigenen "Eva"-Magazin lustig machten.

Auch inhaltlich gibt es Verbesserungsbedarf: Natürlich sind Themen wie Bildung und Mietpreise wichtig für die Zukunft der Stadt. Allerdings hat sich spätestens seit Anfang August die Flüchtlingsmisere als das bestimmende Thema im Wahlkampf abgezeichnet. Dass dieses nicht stärker im grünen Wahlkampf vorkommt, wird wohl viele aus den eigenen Reihen herb enttäuschen. Gerade in diesem Bereich haben die Grünen seit jeher große Expertise und sind glaubwürdig engagiert – auch Vassilakou selbst hat sich in früheren Jahren vornehmlich um Integrationsagenden gekümmert.

Personenzentrierter Wahlkampf

Während die SPÖ "ihren" Bürgermeister Häupl als honorig-verlässlichen Troubleshooter für alle Problemlebenslagen inszeniert, die FPÖ sowieso kein anderes Thema als Strache hat und auch die Neos und die ÖVP sehr fokussiert mit ihren Spitzenkandidaten werben, hat man bei den Grünen ein wenig das Gefühl, die Spitzenkandidatin werde versteckt. Wenn das mit Absicht geschieht, wird es nach der Wahl Grünen-intern wohl einiges zu klären geben. Wien wäre wirklich ganz anders, wenn sich so viel Zurückhaltung am Wahltag auszahlen würde. (Petra Stuiber, 30.9.2015)

  • Die SPÖ wirbt groß mit Häupl, die Grünen eher nebenbei mit Vassilakou.
    apa/fohringer

    Die SPÖ wirbt groß mit Häupl, die Grünen eher nebenbei mit Vassilakou.

Share if you care.