Angeschlagen: Die Wiener Politikwissenschaft

Kommentar der anderen29. September 2015, 17:57
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Seit mehr als drei Jahren wird die Stelle des Professors für Politische Theorie in Wien nicht nachbesetzt. Ein skandalöser Zustand. Es wäre an der Zeit, das Bestellungsverfahren neu auszuschreiben

Professoren und Magnifizenzen bei der 650-Jahr-Feier der Universität Wien, die heuer schlechterdings ohne einen Professor für Politische Theorie abgehalten werden musste. Ganz generell werde über einen nicht vorteilhaften Evaluationsbericht des Instituts für Politikwissenschaften gemunkelt, heißt es. Foto: Cremer

Vor über drei Jahren – am 31. August 2012 – endete an der Universität Wien die Bewerbungsfrist für die Professur "Politische Theorie". Bis heute ist die Stelle unbesetzt. Wer seither sein Studium begonnen und auch innerhalb der Regelstudiendauer abgeschlossen hat, erhielt so seinen Bachelor (aber auch Master), ohne jemals mit einer ordentlichen Professur für politische Theorie auch nur in Kontakt gekommen zu sein. Man stelle sich das für andere Studienrichtungen vor: fertige Mediziner, die während ihres gesamten Studiums etwa keinen Ordinarius für Anatomie zu Gesicht bekommen hätten. An der Politikwissenschaft der Universität Wien scheint das hingegen kein wirkliches Problem zu sein.

Im nun beginnenden Wintersemester wird so die große Überblicksvorlesung zu politischer Theorie eben von einem fast 70-jährigen pensionierten Hofrat gehalten, der sich über Volksbildung im neuzeitlichen England habilitiert hat. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es handelt sich dabei um eine kompetente und ehrenwerte Persönlichkeit. Bloß nach über drei Jahren Vakanz in einem zentralen Fachbereich wäre es wohl an der Zeit, dass sich hier etwas ändert.

Die Verantwortlichen reagieren erwartungsgemäß: Man verschanzt sich unter dem Hinweis auf "ein laufendes Verfahren" hinter der üblichen Amtsverschwiegenheit. Der Pressereferent für Forschung und Lehre erklärt sich für Fragen der Besetzung einer Professur für unzuständig und verweist an den Rektor. Dessen Sprecherin verweist lediglich auf "den ungewöhnlich langen Meinungsbildungsprozess", ist jedoch stolz darauf, dass die Theorieprofes- sur natürlich voll finanziert ist. Nachfragen, was mit diesen offensichtlich budgetierten Finanzmitteln seit nun über drei Jahren eigentlich passiert, bleiben unbeantwortet.

Für eine facheinschlägige Brückenfinanzierung wird das Geld jedenfalls nicht verwendet. Mit dem Grundgehalt eines Professors könnte man immerhin etwa zehn Lehraufträge finanzieren. Ein Blick ins Vorlesungsverzeichnis stellt jedoch klar, dass eine solche (nötige und begrüßenswerte) Ausdehnung des Lehrbetriebs nicht in Sicht ist. Die (auch thematische) Ausdünnung wird klar, wenn man sich die Titel der diesjährigen Theorie-Lektürekurse (begleitend zur Theorievorlesung, vergleichbar etwa mit einem früheren Konversatorium) vor Augen führt: "Masse und Individualität: Das Subjekt zwischen Krise und Emanzipation", "Postkoloniale Kritik in der Politikwissenschaft" oder einfach "Politische Temporalitäten".

Never-ending Story

Die leidige Frage der Nachbesetzung der Theorieprofessur an der Wiener Politikwissenschaft ist zwischenzeitlich eine Never-ending Story. Langsam, aber sicher beschleicht den interessierten Beobachter die Vermutung, dass sich alle Beteiligten in diesem anhaltenden Schwebezustand inzwischen wohlig eingerichtet haben. Die Vertreter des Instituts für Politikwissenschaft können so an ihrem Narrativ des Unangepassten und des Ausgegrenztseins weiterbauen (nur wegen ihrer ach so kritischen Haltung werden sie bei der Postenbesetzung naturgemäß hingehalten). Die Universitätsleitung erspart sich nun seit über drei Jahren das Gehalt (und üppige Pensionskassenzahlungen von immerhin zusätzlich zehn Prozent des Bruttobezuges) für die Planstelle einer ordentlichen Professur und kann die so lukrierten Mittel in Zeiten allseits klammer Kassen sicher anderweitig zwischenverwenden. Dass dabei die Lehre und Forschung in einem zentralen Bereich des Studienfachs auf der Strecke bleiben, kümmert die wenigsten.

Verantwortlichkeiten

Dass es seit über drei Jahren am – nach Hörerzahlen – größten politikwissenschaftlichen Institut im deutschen Sprachraum keine Besetzung der Theorieprofessur gibt, ist skandalös. Wie lange darf eigentlich ein Berufungsverfahren dauern, bzw. wie lange gilt eine Stellenausschreibung? Wäre es nicht an der Zeit, das laufende Verfahren zu annullieren und neu zu beginnen? Gibt es eine (amtsmäßige) Verantwortung der Beteiligten, und wo liegen eigentlich die politischen Verantwortlichkeiten? Das wären alles Fragen, die längst offen und transparent diskutiert werden müssten.

Bloß der Wille dazu fehlt. Dieselben Personen, die sich in ihren Lehrveranstaltungen regelmäßig über die fehlende Transparenz (und Teilhabe) in politischen Entscheidungen beschweren, machen in klassischer Technokratenmanier bei diesen Fragen die Schotten dicht. Fragen sind unerwünscht. Kritiker werden umgehend als Denunzianten und Intriganten tituliert (so etwa in den Institutsreaktionen auf einen Kommentar an selber Stelle vor sechs Monaten).

Das alles stellt möglicherweise auch nur die Spitze eines Eisbergs dar. Seit geraumer Zeit wird über einen katastrophalen Evaluierungsbericht über das Institut für Politikwissenschaft gemunkelt. Wer das Thema auch nur ansatzweise erwähnt, trifft auf eine Mauer des Schweigens. Auch der Umgang mit einer parlamentarischen Anfrage im Frühjahr zum "Wert eines Studiumabschlusses der Politikwissenschaften an der Universität Wien" durch die FPÖ war mehr als suboptimal und keinesfalls ein Lehrbeispiel für erfolgreiche politische Krisenkommunikation. Die Wiener Politikwissenschaft ist angeschlagen, und offensichtlich kümmert es niemanden. (Stefan Brocza, 29.9.2015)

Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und Internationale Beziehungen. Er lehrt an der Universität Salzburg.

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