Der Antarktis droht Invasion gefräßiger Königskrabben

29. September 2015, 18:12
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Bislang war es den Königskrabben am antarktischen Schelf zu kalt. Höhere Temperaturen könnten eine Besiedelung aber bald ermöglichen

Melbourne – Mit Königskrabben ist nicht zu spaßen, gehören sich doch zu den größten Krabbenarten weltweit und zu den sogenannten Panzerknackern, also jenen räuberischen Meerestieren, deren Kiefer oder Scheren in der Lage sind, die Schalen und Panzer anderer Meeresbewohner aufzubrechen und zu zerstören. Beide Eigenschaften haben ihnen wohl auch den weniger schmeichelhaften Beinamen "Mörderkrabbe" eingebracht. Obwohl die großen Krebstiere in fast allen kalten Meeren weltweit anzutreffen sind, stellten die extrem niedrigen Wassertemperaturen des antarktischen Kontinentalschelfs bis vor kurzem eine Verbreitungsbarriere dar. Aus diesem Grund konnten sich diese seichten Meeresgebiete über Jahrmillionen hinweg zu einem diversen und weltweit einzigartigen Ökosystem entwickeln.

Durch die fortschreitende Klimaerwärmung könnten die wehrhaften Krabben ihre bisherigen Verbreitungsgrenzen aber bald überwinden, erklären nun Forscher um Richard B. Aronson in einer kürzlich in der Fachzeitschrift "PNAS" veröffentlichten Studie. Da die Königskrabben bereits seit den 1990er-Jahren verstärkt in den tieferen Meeresgebieten um den antarktischen Kontinent gesichtet wurden, wollten die Wissenschafter nun herausfinden, ob sich bereits etablierte Populationen im Südpolarmeer herausgebildet haben.

Eine gut gedeihende Population im Süden

Und tatsächlich: Im antarktischen Sommer 2010/11 beobachtete das internationale Forscherteam eine Population der Königskrabbenart Paralomis birsteini in Marguerite Bay, einer Bucht am westlichen Kontinentalhang der antarktischen Halbinsel. Die Auswertung der Bilddaten und der Fallen aus Tiefen zwischen 800 und 2.200 Metern ergab zahlreiche Nachweise von Jungtieren, trächtigen Weibchen und Häutungen: Faktoren, die auf eine aktiv reproduzierende Krabbenbevölkerung hindeuten.

Doch können die Krabben auch den Festlandsockel erreichen? Zum Zeitpunkt der Studie haben die Forscher weder eine thermische noch eine andere physikalische oder ökologische Grenze festgestellt, die die Krabben an einer weiteren Expansion hangaufwärts oder sogar bis zum äußeren Schelf in 400 bis 550 Metern gehindert hätte. Nur die Temperaturen in den seichten Küstengebieten unter 200 Meter seien derzeit noch zu niedrig, um ein Überleben der Krabben zu ermöglichen, erklären die Wissenschafter. Doch auch diese letzte Grenze könnte bereits in den nächsten Jahrzehnten fallen.

Ungebremste Verbreitung im Norden

Am entgegengesetzten Pol des Planeten, in der Barentssee, wurden in den 1960er-Jahren tausende Exemplare der wegen ihres schmackhaften Fleisches sehr geschätzten Roten Königskrabbe Paralithodes camtschaticus ausgesetzt. Die Tiere, die als ausgewachsene Exemplare keine natürlichen Feinde mehr haben, haben sich seither ungebremst vermehrt und verbreitet. Jüngste Studien zeigen, dass sich die Lebensgemeinschaften der Meeresküsten durch den gefräßigen Einwanderer bereits stark verändert haben. Durch die Erwärmung der Barentssee breiten sich die Krabben mittlerweile auch noch weiter in nördlicher Richtung aus.

Wird das auch die Zukunft der antarktischen Schelf-Ökosysteme sein? Aufgrund der Jahrmillionen andauernden Isolation könnte es sogar noch schlimmer kommen: In Abwesenheit großer Räuber wie Krabben, Haie und Rochen haben die antarktischen Bodenlebewesen zum großen Teil sehr dünne Skelette und eine oberirdische, sesshafte Lebensweise entwickelt. Aronson geht daher davon aus, dass die Ausbreitung der räuberischen Königskrabben verheerende Konsequenzen für das einzigartige Ökosystem der antarktischen Küsten haben wird. (Renate Degen, 30.9.2015)

  • Rote Königskrabben können beachtliche Größen erreichen. Sollten die gefräßigen Räuber den antarktischen Festlandsockel erreichen, dürfte das verheerende Folgen für das dortige Ökosystem haben.
    foto: noaa

    Rote Königskrabben können beachtliche Größen erreichen. Sollten die gefräßigen Räuber den antarktischen Festlandsockel erreichen, dürfte das verheerende Folgen für das dortige Ökosystem haben.

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