In der Erde schlummernde Hinterlassenschaften

29. September 2015, 17:02
posten

Gedankenschweres Leichtgewicht: die von Tessa Giblin kuratierte Hauptausstellung des Steirischen Herbstes, "Hall of Half-Life"

Graz – Es gibt Irrtümer, die sind von einer Bitterkeit, deretwegen man sich lieber auf ewig unter der Bettdecke verstecken wollen würde. Darunter etwa einer von Finnur Magnusson, einem isländischen Philologen des 19. Jahrhunderts. Magnusson übersetzte die – vermeintlichen – Runen auf einem Felsen in Schweden, den man mit einer Schlacht des Königs Harald Hildetand im 7. Jahrhundert verknüpfte. An der Deutung der Schriftzeichen hatte man sich bereits im 17. und 18. Jahrhundert versucht, und so erregte seine Übersetzung 1841 in der Wissenschaft einiges Aufsehen – bis 1844. Da bewies der Archäologe Worsaae, dass es sich nicht um Runen, sondern um ganz normale Risse und Schichtverschiebungen im Basalt handelte.

Eine Anekdote, die Tessa Giblin, Kuratorin der Hauptausstellung des Steirischen Herbstes Hall of Half-Life in Erinnerung ruft. Wir, die Menschen des sogenannten Anthropozän, blicken zurück auf neolithische Stätten und versuchen uns einen Reim auf sie zu machen; etwa auf die Menhire von Stonehenge – Mahnmal? Parlament? Nekropole? – oder auf die Venus von Willendorf, von der man übrigens derzeit annimmt, sie sei eine Art Schutzgeistfigur für ein Haus und nicht Fruchtbarkeitssymbol gewesen. Heutige Entschlüsselungen nur wenige Tausend Jahre zurückliegender Dinge, sie sind völlig relativ.

Zeitsprung! Zurück in die Zukunft, wie es das Festivalmotto nahelegt! In 240.000 Jahren wird Plutonium für das Leben auf der Erde nicht mehr gefährlich oder gar schädlich sein. Aber wer wird sich später daran erinnern können? Wem – oder vielmehr wie – werden wir in 24.000 Jahren, zur Halbwertszeit des radioaktiven Schwermetalls, kommuniziert haben, dass im Jahr 2030 das Atommüllendlager in New Mexico versiegelt wurde?

Dann, in einer Zukunft, die wir uns nicht einmal vorzustellen vermögen, sollte man nicht einfach mehr so Löcher in die Erde bohren, um Erkenntnisse zu gewinnen, so wie wir es tun und getan haben, um Wissen über die Zeiten zu gewinnen, die wir nach Stein, Kupfer, Bronze, Eisen benannt haben. Wer doch, und zwar an der falschen Stelle bohrt, wird den ganzen Dreck ans Licht befördern. Aber dann wird's zappenduster.

Solche Bohrverbotsschilder tauchen – freilich als absurdes Moment – in der Arbeit von Peter Galison und Rob Moss auf. Ihre Filminstallation Landscapes of Stopped Time (2015) greift das Thema des Halbwertes am unmittelbarsten auf: Sie zeigt neben Fukushima als Schauplatz eines radioaktiven Desasters eine Dekontaminationszone und ein Endlager und baut daraus eine durchaus poetische Collage. Ein japanischer Bauer, der sich weigert, seine verseuchten Kühe zu töten, nur weil sie keinen ökonomischen Wert mehr haben, sagt: "Ich bin ein Cowboy. Ich bin der Widerstand."

Von Harun Farocki stammt ein wunderschönes Filmessay über die spirituelle Kraft, die Menschen steinernen Artefakten zusprechen. Abseits dieser Arbeiten allerdings rettet sich das im Essay errichtete schöne und gewaltige Gedankengebäude zur "Archäologie der Zukunft", zu dem, was wir dann in der Erde vorfinden werden und was es uns über die Gegenwart sagt, nur als laues und insbesondere diffuses Lüftchen in die Schau hinüber. Geoffrey Farmer philosophiert darin etwa über die Unmöglichkeit, der Zeit einen Anfang und ein Ende zu verpassen und hängt deswegen lauter Besen unter die Decke? Die Geste des Zusammenkehrens als einzige Möglichkeit, im Anschluss neu zu beginnen? (Anne Katrin Feßler, 29.9.2015)

Bis 11.1.2016

  • Malerei der Sedimentschichten und Meteoriten: Mikala Dwyer.
    foto: gudrun becker

    Malerei der Sedimentschichten und Meteoriten: Mikala Dwyer.

Share if you care.