"Fifa 16" im Test: Hauptsache Lizenzen, alles andere ist primär

4. Oktober 2015, 10:00
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Die Qualität stimmt, doch mehr als ein kleines Upgrade ist auch der diesjährige Ableger nicht

Wenn sich mehr Trauben an Jugendlichen als sonst vor Probier-Konsolen in Elektromärkten tummeln, die Anzahl an Sehnenscheidenentzündungen steil nach oben geht und Fußballstars auf Instagram stolz mit ihren Konsolen posieren – ja dann steht wohl das alljährliche "Fifa"-Update bevor. Wie jeden Herbst bringt EA eine neue Version, diesmal mit der Jahresnummer 16. Und wie beinahe jedes Jahr sind die Änderungen in Gameplay und Grafik erst mit der Lupe zu finden.

Hier kommen die Frauen

Als größte Sensation gilt da die Einbindung von Frauenteams, die einige dümmliche Proteste männlicher Fans auslösten (keine Sorge, mann kann immer noch 650 männliche Teams steuern). Tatsächlich hat sich EA viel Mühe bei der Authentizität gegeben: Die weiblichen Fußballstars steuern sich "weicher", schöne Ballkombinationen stehen noch mehr im Fokus als bei ihren Kollegen – das ist übrigens auch der Grund, warum Frauenfußball berechtigterweise an Fans gewinnt.

Soccer Girls als Auslöser

Allzu emanzipatorische Beweggründe sollte man EA übrigens nicht zuschreiben. Der Konzern will damit vor allem in den USA für erhöhten Umsatz sorgen. Das dortige Damenfußballteam wurde vergangenen Juli ja Weltmeister und löste damit Euphorie im Mutterland von Baseball, Basketball und Football aus. Deshalb wollen viele US-Fans mit ihrem weiblichen Nationalteam spielen. Ansonsten sind noch elf andere Damenfußballteams spielbar, wenngleich Japan und Norwegen fehlen. Spieler können mit den Frauschaften in einem Länderpokal antreten oder Online-Freundschaftsspiele absolvieren.

Feinschliff

Bei den Männern stehen zahlreiche andere Modi zur Verfügung, die im Vergleich zu den Vorgängern optimiert wurden: Etwa der Karriere-Modus, in dem Nutzer einzelne Spieler begleiten können. Nun gibt es zwischen einzelnen Matchtagen leichte Übungen zu absolvieren. Auch das "Fifa Ultimate Team" wurde verbessert. Nutzer können sich hier ein Traumteam zusammenbasteln, indem etwa Cristiano Ronaldo neben Lionel Messi und Mario Götze aufspielt. Dazu muss man "Fifa Points" kaufen oder "Münzen" sammeln und die dann eintauschen. Also ein klassischer Free 2 Play-Modus, der in ein Vollpreisspiel eingespeist wird. Neu ist, dass im "Draft"-Modus eine Auslosung für Spitzenspieler stattfindet, wodurch man schneller zu einer guten Mannschaft kommt.

Gameplay bleibt gleich

Wenig verändert hat sich beim Gameplay (getestet wurde auf einer PS4): Für erfahrene Fifa-Veteranen braucht es höchsten vier, fünf Matches, bis sie sich an die Änderungen gewöhnt haben. Prinzipiell lässt sich sagen, dass die Torhüter wie versprochen um einiges klüger sind – wenngleich sie nicht wie Manuel Neuer (FC Bayern) oder Andre ter Stegen (FC Barcelona) als Libero fungieren. Außerdem ist es nun noch schwieriger, ein Tor zu erzielen. Das macht das Spiel durchaus realistischer. Die Passstärke wurde heraufgesetzt, den Ball haut man schnell einmal mit viel zu viel Druck in Richtung Gegenspieler. Auch bei den Schüssen muss man besser zielen und seinem Gefühl freien Lauf lassen (getestet mit Semi-Automatik in den Einstellungen).

ea sports fifa

Lizenzen als Hauptargument

Extrem viele Punkte sammelt EA natürlich durch die Masse an Lizenzen, die in Fifa Verwendung finden. Über 650 Teams aus 30 Ligen sind dabei, dazu wurden viele Spieler und Stadien detailgetreu modelliert. Hat man das neue Fifa 16 einige Stunden gespielt, bleibt einem der Eindruck nicht verwehrt, dass man als Kunde vor allem für diese Lizenzen gezahlt hat. Denn das Fifa-Grundgerüst bleibt – mit Ausnahme der Einführung des Tactical Defending in "Fifa 14" – über viele Jahre gleich. Auch die Grafik verändert sich innerhalb einer Konsolengeneration nur unmerklich.

Identifikation wichtig

EA profitiert davon, dass sich gerade im Fußball Fans stark mit ihren Idolen identifizieren. Während man sich ein alpines Ski- oder ein Formel 1-Rennspiel durchaus ohne Lizenzen vorstellen kann, lässt die Aussicht, auf Rapid oder Austria Wien, Chelsea, Bayern München, den FC Barcelona oder Real Madrid verzichten zu müssen, doch jeden Fußballfan erschaudern. Deshalb dürfte "Pro Evolution Soccer" auch immer nur der Underdog bleiben (obwohl Kritiker dem Spiel einen viel realistischeren Fußball bescheinigen).

Besseres Kaderupdate

Hans Krankl tätigte einst den legendären Ausspruch "wir müssen gewinnen, alles andere ist primär". Im Fußballspiel-Sektor dürfte das für Lizenzen gelten. Das Hauptargument für ein jährliches "Fifa"-Update sind aus Fanperspektive ja die aktualisierten Vereinskader. EA weiß schon, warum man keine Abo-Modelle mit aktuellen Kadern für ältere Versionen bereitstellt: Der Fan zahlt. Für Nutzer, die sich gern online matchen, lohnt sich die Investition zumindest in Punkto Spielzeit. Die Sache mit schlechten Serververbindungen hat EA übrigens immer noch nicht im Griff: Wer bei miserablen Verbindungen und massivem Ruckeln eine Partie abbricht, wird nach wie vor als Verlierer gewertet.

Der Online-Betrieb ist übrigens schon eine Woche nach Verkaufsstart voll im Laufen. Bei den wichtigen Champions League-Mannschaften findet man binnen weniger Sekunden einen Online-Gegner, bei Rapid Wien oder anderen kleineren Vereinen dauert es.

Fazit

Wie lange EA von Lizenzen und Online-Matches zehren kann, ist fraglich: Die ersten Meldungen wiesen "Fifa 16" ein Minus von sieben Prozent im Vergleich zu verkauften "Fifa 15"-Einheiten aus. Solange kein Konkurrent mit einem gewieften Lizenzpaket am Spielfeld auftaucht, dürfte EA jedoch noch klar im Vorteil sein – denn auch wenn die Änderungen bei neuen Versionen sehr gering ausfallen, stimmt das spielerische Grundgerüst. (Fabian Schmid, 4.10.2015)

  • Erstmals dürfen Frauenmannschaften an einem "Fifa"-Game teilnehmen.
    foto: ea sports

    Erstmals dürfen Frauenmannschaften an einem "Fifa"-Game teilnehmen.

  • "Fifa" bietet wieder mehr als 650 lizenzierte Teams – am Gameplay wurde nur wenig geschraubt.
    foto: ea sports

    "Fifa" bietet wieder mehr als 650 lizenzierte Teams – am Gameplay wurde nur wenig geschraubt.

  • "Fifa"-Neulinge erhalten durch den "Trainer" Anweisungen
    foto: ea sports

    "Fifa"-Neulinge erhalten durch den "Trainer" Anweisungen

  • Der Karrieremodus erhielt kleinere Updates, etwa Mini-Spiele zwischen zwei Spieltagen.
    foto: ea sports

    Der Karrieremodus erhielt kleinere Updates, etwa Mini-Spiele zwischen zwei Spieltagen.

  • Im "Ultimate Team" können Spieler künftig schneller eine gute Mannschaft zusammenstellen.
    foto: ea sports

    Im "Ultimate Team" können Spieler künftig schneller eine gute Mannschaft zusammenstellen.

  • Frauschaften spielen sich etwas "weicher" als ihre männlichen Pendants.
    foto: ea sports

    Frauschaften spielen sich etwas "weicher" als ihre männlichen Pendants.

  • Größter Pluspunkt von "Fifa" bleiben die Lizenzen samt detailliert nachmodellierter Spieler.
    foto: ea sports

    Größter Pluspunkt von "Fifa" bleiben die Lizenzen samt detailliert nachmodellierter Spieler.

  • Besonders die US "Soccer Girls" sollen Nutzerinnen zum Kauf motivieren.
    foto: ea sports

    Besonders die US "Soccer Girls" sollen Nutzerinnen zum Kauf motivieren.

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