"Die Krebsindustrie": Unfeine Panikmache

Rezension12. Oktober 2015, 12:00
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Ein deutscher Gesundheitspolitiker hat ein Buch über Krebs geschrieben. Das Problem daran: Er ist Arzt

Wenn ein Politiker ein Buch über Gesundheit schreibt, ist das prinzipiell eine interessante Sache. Gesundheit ist ein wichtiges Gut, da herrscht große Einigkeit, doch ganz allgemein denkt man nicht so gerne drüber nach.

Gut also, wenn ein deutscher Politiker sich im Angesicht einer immer älter und damit automatisch immer kränker werdenden Bevölkerung mit dem Gesundheitssystem auseinandersetzt, und noch besser, dass Karl Lauterbach selbst Arzt und Gesundheitsökonom ist und damit also die besten Voraussetzungen hat, Einblick in eine überaus schwierige Materie zu geben.

Versatzstücke des Systems

Tatsächlich erklärt Lauterbach erst einmal, was Krebs eigentlich ist. Dabei erzählt er aus der eigenen Praxis. Und ganz schnell wird klar, dass die Erkrankung nicht nur eine Herausforderung für Betroffene ist, sondern auch fürs Gesundheitssystem. Sie fordert sämtliche Strukturen: Spitäler gleichermaßen wie niedergelassene Ärzte in der Therapiebegleitung und Nachbetreuung. Krebs fordert aber genauso die Wissenschafter, die seit Jahrzehnten den Mechanismen der Krebszellen auf der Spur sind, jedoch nur in sehr kleinen Schritten vorankommen. Krebs fordert auch Ärzte und Pflegepersonal und nicht zuletzt die Krankenversicherungen, die die immer teurer werdenden Krebsmedikamente bezahlen müssen.

Durchaus also keine einfache Situation, doch Lauterbach findet eine angeblich einfache Lösung: Er identifiziert die Medikamentenhersteller als Kostentreiber. Pharma-Bashing ist schließlich eine überaus publikumswirksame Schiene und haut hin. "Die Krebsindustrie" ist der überaus reißerische Titel, der suggeriert, dass die Herausforderung Krebs menschengemacht ist.

Insgesamt grast der SPD-Politiker das gesamte Gesundheitssystem nach Fehlern ab, da bekommen auch die Krebszentren und die Ärzte ihr Fett ab, und Lesern und Leserinnen, die sich vielleicht nicht so gut wie der Autor mit der Erkrankung auskennen, kann bei der Lektüre himmelangst werden.

Falsche Behauptungen

Das Problem daran: Mitunter liegt der Buchautor falsch. Ein Großteil der Forschungen, behauptet er, würde an den Universitäten passieren, das Entwickeln von Medikamenten sei keine teure Angelegenheit und die hohen Preise nur einem Wucher geschuldet.

Lösungen, und das ist vielleicht der größte Vorwurf, bleibt Lauterbach schuldig. Vielmehr verlagert er Verantwortungen auf EU-Ebene, so als ob dort alle brennenden Fragen beantwortet werden könnten.

Gegen Ende des Buches schlüpft Lauterbach wieder in die Rolle des Arztes und verabsäumt es nicht, gute Tipps zur Vermeidung von Krebs zu geben. Dass ihm abgesehen vom Verzicht auf Nikotin und Alkohol auch Heidelbeeren einfallen, ist fast ärgerlich. Dass er im Rahmen dieses Buches auf die Eigenverantwortung von Patienten pocht und damit suggeriert, jeder Einzelne habe auch selbst Verantwortung für eine Erkrankung, ist eine doch recht neoliberale Sicht, die einem SPD-Politiker nicht gut zu Gesicht steht.

Das Fazit: Leser, die sich bislang wenig mit Krankheiten auseinandergesetzt haben, werden durch Lauterbachs Ausführungen mehr verwirrt als beruhigt. Denn wer würde im Falle einer Erkrankung nicht auch selbst alle zur Verfügung stehenden Medikamente haben wollen? Insofern: Als Politiker war Panikmache doch eigentlich noch nie eine gute Sache, oder? (Karin Pollack, 12.10.2015)

  • Der SPD-Abgeordnete Lauterbach wettert gegen die Pharmaindustrie. Er will die Medikamentenpreise drücken.
    foto: imago

    Der SPD-Abgeordnete Lauterbach wettert gegen die Pharmaindustrie. Er will die Medikamentenpreise drücken.

  • Karl LauterbachDie KrebsindustrieWie eine Krankheit Deutschland erobertRowohlt 2015288 Seiten, 20,60 Euro
    foto: rowohlt

    Karl Lauterbach
    Die Krebsindustrie

    Wie eine Krankheit Deutschland erobert
    Rowohlt 2015
    288 Seiten, 20,60 Euro

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