Österreichs Herren erstmals Tischtennis-Europameister

29. September 2015, 14:57
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Robert Gardos, Stefan Fegerl und Daniel Habesohn ringen Deutschland im Finale mit 3:2 nieder – Gardos nach dem 4,5-Stunden-Marathon: "Wir wollten diesen Erfolg einfach unbedingt"

Jekaterinburg – Nach Jahren der Zugehörigkeit zur absoluten Europa- und auch Weltspitze hat sich das österreichische Tischtennis-Herrenteam am Dienstag quasi als Belohnung dafür bei den Europameisterschaften in Jekaterinburg erstmals Mannschafts-Gold geholt. In einem packenden Final-Duell mit Favorit Deutschland steuerten Robert Gardos, Daniel Habesohn und Stefan Fegerl je einen Punkt zum 3:2-Triumph bei.

"Wir wollten diesen Erfolg einfach unbedingt, hatten einen großen Willen", sagte Gardos nach der Siegerehrung bei der Pressekonferenz. "Wir wussten, es wird ein hartes und langes Match. Wir waren darauf eingestellt, und haben bis zum letzten Ball gekämpft." Viereinhalb Stunden hat die Auseinandersetzung mit dem sechsfachen Europameister gedauert.

Schwerarbeit für Robert Gardos

Gardos, als 26. bester Österreicher in der Weltrangliste, hatte zu Beginn des Duells mit dem Erzrivalen gegen Linkshänder Patrick Baum (Nummer 31) einen schweren Stand, handelte sich gegen den Ex-Vize-Europameister einen 0:2-Satzrückstand ein. Doch Österreichs Nummer eins fand ins Spiel, erkämpfte einen fünften Satz und entschied diesen nach Abwehr eines Matchballs mit seinem zweiten knapp für sich.

Danach folgte eine Klassepartie. Stefan Fegerl (43) zog gegen den Weltranglisten-Fünften Dimitrij Ovtcharov ein tolles Angriffsspiel auf, ging 1:0 in Sätzen in Front. In Satz zwei holte er ein 4:9 auf und vergab mehrere Satzbälle, ehe Ovtcharov doch in der Verlängerung noch ausglich. Bei einem 1:2 lieferte Fegerl in Satz vier ein Husarenstück, als er vier Matchbälle in Serie und später noch einen abwehrte. In Satz fünf vergab er einen Matchball und verlor.

Daniel Habesohn (63) hielt in Folge dem Druck stand, führte gegen Patrick Franzsika (42) mit 2:0 und 10:8. Der Wiener vergab aber beide Matchbälle, diesmal glich Franziska nach Sätzen aus. Im fünften Satz ließ Habesohn mit taktisch klugem Spiel aber nichts mehr anbrennen, stellte auf 2:1 und bewies, dass das ÖTTV-Team ausgeglichener ist. "Mir war klar, wenn ich verliere sind wir in großen Schwierigkeiten", sagte der 29-Jährige.

Jubel-Traube mit Werner Schlager

Der 36-jährige Gardos gewann danach gegen Ovtcharov zwar den Eröffnungssatz, musste sich aber schließlich dem Deutschen beugen. Dann schloss Fegerl an die starke Leistung gegen Ovtcharov nahtlos an und fertigte Baum 3:0 ab. In der Jubel-Traube nach dem verwerteten Matchball mischte sich u.a. auch der seit Montag 43-jährige Werner Schlager, der 2003 Einzel-Weltmeister war.

Fegerl hatte mehrmals im Turnierverlauf den österreichischen Sieg fixiert oder zumindest entscheidend dazu beigetragen. In der Gruppenphase glich der 27-Jährige gegen Rumänien zum 2:2 aus. Beim hauchdünnen, den Aufstieg bringenden 3:2 gegen Russland wie auch im Viertelfinale gegen Titelverteidiger Portugal punktete er zum 3:2. Schließlich setzte er auch den Schlusspunkt, nachdem er gegen Ovtcharov Satzball gehabt hatte.

Dass es der Niederösterreicher einmal mehr richten musste, störte ihn gar nicht: "Es war ein super Gefühl. Aber heute war es ein bisschen leichter als gegen Portugal und Russland. Wir waren die Außenseiter, ich war extrem relaxed. Wir sind im Vorfeld davon ausgegangen, das Ovtcharov vermutlich zwei Punkte holen wird", erklärte Fegerl. "Aber auf die übrigen Spiele waren wir perfekt vorbereitet und gut auf unsere Gegner eingestellt."

Deutschland ohne Rekord-Europameister Timo Boll

Den Österreichern gelang damit heuer der dritte Sieg über die Deutschen nach jenem im Jänner in Dubai im Semifinale des World-Team-Cups sowie im Juni im Bronze-Match bei den Europaspielen in Baku. Beide Male wie auch diesmal traten die Deutschen aber ohne Rekord-Europameister Timo Boll an. Der 34-Jährige wurde in der vergangenen Woche in Bad Nauheim erfolgreich am Knie operiert.

Es ist die sechste EM-Goldmedaille für das österreichische Tischtennis, die erste seit Doppel-Gold 2012 in Herning von Gardos/Habesohn. Schon mit dem Semifinaleinzug war die Serie prolongiert worden, wonach es bei jedem EM-Turnier seit 1998 zumindest eine österreichische Medaille gegeben hat, insgesamt nun 14-mal in Folge. Und von Mittwoch bis Sonntag folgen noch insgesamt vier Chancen im Einzel und Doppel.

Die Deutschen sind nach sechs EM-Titeln in Folge so wie im Vorjahr im Finale (gegen Portugal) gescheitert. "Das ist schon sehr enttäuschend. Wir hatten uns gut vorbereitet, aber es haben wohl etwas die Nerven und Kondition gefehlt. Gratulation an Österreich und Hut ab", sagte Einzel-Europameister Ovtcharov. Deutschlands Coach Jörg Roßkopf resümierte goldrichtig: "Letztlich war Österreich einen Tick besser." (APA/red, 29.9.2015)

Tischtennis-EM-Finale, Herren-Teambewerb, Dienstag

Österreich – Deutschland 3:2

Robert Gardos – Patrick Baum 3:2 (-7, -8, 8, 7, 11)
Stefan Fegerl – Dimitrij Ovtcharov 2:3 (10, -17, -7, 12, -10)
Daniel Habesohn – Patrick Franziska 3:2 (9, 7, -10, -10, 5)
Robert Gardos – Dimitrij Ovtcharov 1:3 (8, -8, -8, -5)
Stefan Fegerl – Patrick Baum 3:0 (9, 8, 6)

Herren-Endstand: 1. Österreich – 2. Deutschland – 3. Frankreich und Weißrussland – 5. Schweden – 6. Portugal – 7. Griechenland – 8. Polen

Damen-Endstand: 1. Deutschland – 2. Rumänien – 3. Ukraine und Russland – 5. Polen – 6. Österreich – 7. Tschechien – 8. Portugal

  • Große Aufholjagd von Robert Gardos gegen Patrick Baum.
    foto: epa/sergei ilnitsky

    Große Aufholjagd von Robert Gardos gegen Patrick Baum.

  • Daniel Habesohn durfte sich keine Niederlage leisten.
    foto: epa/sergei ilnitsky

    Daniel Habesohn durfte sich keine Niederlage leisten.

  • Stefan Fegerl behielt die Nerven und fixierte schließlich den Titel.
    foto: epa/sergei ilnitsky

    Stefan Fegerl behielt die Nerven und fixierte schließlich den Titel.

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