Die Prähistorie in neuem Licht betrachtet

29. September 2015, 16:43
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Das Naturhistorische Museum Wien hat seine prähistorische Sammlung herausgeputzt und macht die Urgeschichte mit modernen technischen Mitteln neu erlebbar

Wien – Die prähistorische Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien trug zuletzt ihren Namen im doppelten Sinne zu Recht. Im Vergleich zu anderen Bereichen herrschten in der Schausammlung geradezu prähistorische Zustände.

Seit 45 Jahren waren an der Dauerausstellung keine wesentlichen Änderungen mehr vorgenommen worden, und die technische Infrastruktur der Säle entsprach dem Standard der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts, als die Abteilung als erste im Haus am Ring mit elektrischem Licht ausgestattet wurde. Und weil auch die Forschung in den vergangenen Jahrzehnten großen Veränderungen unterworfen war, war folglich eine Generalsanierung und Neuaufstellung der Sammlung mehr als notwendig. Nach dem Umbau präsentieren sich die prähistorischen Schausäle nun als die modernsten des Museums.

Evolution der Kultur

Dass das Museum überhaupt eine Abteilung für Ur- und Frühgeschichte sein Eigen nennt, ist auf den ersten Blick überraschend und durch die Geschichte der Sammlung begründet. Schließlich haben die Ausstellungsstücke wenig mit der Naturkunde zu tun.

Da das Haus der Evolution gewidmet ist, folgt auch die prähistorische Sammlung diesem Thema. In einer "Evolution der Kulturgeschichte" des Menschen wird erzählt, wie sich die Vertreter der Spezies Homo sapiens verhielten, als sie sich von der Natur loslösten. Dabei wird ein Bogen von den Neandertalern vor 100.000 Jahren bis ins Frühmittelalter gespannt. Die Räume bilden daher eine Einheit mit der benachbarten Anthropologie, die grafische Gestaltung der Vitrinen wurde in die Hand derselben Künstler gelegt.

Bei der Neukonzeption wurden die fünf bisherigen Säle der Abteilung auf nunmehr drei kondensiert. Zwei davon führen auf eine Reise durch die Kulturen Mitteleuropas. Schließlich kann das Museum auf bedeutende Funde aus dem Großteil des Gebietes der Habsburgermonarchie zurückgreifen. Der dritte Saal befasst sich ausschließlich mit den Funden aus Hallstatt und seiner 7000-jährigen Geschichte des Salzabbaus. Zentrales Element ist dabei ein 3-D-Modell des Hallstätter Berges, auf dem mittels Videoprojektion die sieben Jahrtausende auf acht Minuten komprimiert werden. In speziellen Kühlvitrinen sind Stollengänge des Salzbergwerks nachgebaut, um die organischen Originalfunde wie einen ledernen Tragsack oder diverse Werkzeuge möglichst realitätsnah zeigen zu können. Auch die bunte Vielfalt der Hallstätter Mode ist an Stoffresten in einer klimatisierten Spezialvitrine zu erahnen. Seit langer Zeit pflegt das Museum eine enge Partnerschaft mit den Salinen Austria, welche auch den Umbau finanziell unterstützten.

Multimedia-Stationen

Während in sogenannten Zitatvitrinen die wichtigsten Fakten der jeweiligen Kulturepochen zusammengefasst werden, dient der gesamte rückwärtige Bereich der Säle der Präsentation hauseigener Forschungsprojekte. Dazu gehören die Ausgrabungen einer der ältesten bäuerlichen Ansiedlungen Europas in Brunn am Gebirge ebenso wie die Anlage keltischer Heiligtümer in Roseldorf, welche alle vergleichbaren Stätten in den Schatten stellt.

Zahlreiche Multimedia-Stationen sind versteckt in die Ausstellung eingebaut, die Monitore sind zum Teil in den Vitrinen versenkt und stören so nicht flimmernd den Gesamteindruck der Räume.

Nicht nur die Sammlung wurde auf den neuesten Stand gebracht, auch die Gebäudetechnik mit Heizung und Beleuchtung wurde komplett erneuert. LEDs statt bisher Neonröhren tauchen die Fundstücke in ein neues Licht: Sie bringen Kontraste und Details besser zur Geltung und sind gleichzeitig schonender für die sensiblen Objekte, da die Wärmeentwicklung nunmehr wegfällt.

Goldkabinett

Neu ist neben dem Venuskabinett für die berühmten Statuetten von Willendorf und Stratzing das Goldkabinett. In diesem Raum präsentiert das Museum seine archäologischen Goldschätze aus mehreren Jahrtausenden, darunter auch den Depotfund von Stollhof, der mit rund 6000 Jahren zu den ältesten Goldartefakten der Welt zählt.

Anlässlich der Neugestaltung werden Besucher übrigens von einer riesigen modernen Venus empfangen: Die Balloon Venus von Jeff Koons ist bis März in der Eingangshalle zu bewundern. (Michael Vosatka, 29.9.2015)

foto: apa/neubauer
  • Im Goldkabinett sind zum Großteil noch nie im Original gezeigte Schätze zu sehen. Dazu gehören die Goldscheiben von Stollhof (links), der Hort vom Arikogel (vorne) und der Goldschatz von Michalkow in der Ukraine.
    foto: nhm/alice schumacher

    Im Goldkabinett sind zum Großteil noch nie im Original gezeigte Schätze zu sehen. Dazu gehören die Goldscheiben von Stollhof (links), der Hort vom Arikogel (vorne) und der Goldschatz von Michalkow in der Ukraine.

  • Auf einem 3D-Modell können 7.000 Jahre Geschichte in acht Minuten erlebt werden.
    foto: nhm/kurt kracher

    Auf einem 3D-Modell können 7.000 Jahre Geschichte in acht Minuten erlebt werden.

  • Der Kopfschmuck eines keltischen Druiden aus Roseldorf in Niederösterreich.
    foto: nhm/alice schumacher

    Der Kopfschmuck eines keltischen Druiden aus Roseldorf in Niederösterreich.

  • An der interaktiven Bildschirmwand kann man die Höhlenmalereien von Altamira, Chauvet und Lascaux im Fackelschein sichtbar machen.
    foto: nhm/kurt kracher

    An der interaktiven Bildschirmwand kann man die Höhlenmalereien von Altamira, Chauvet und Lascaux im Fackelschein sichtbar machen.

  • Die Venus von Willendorf bekam mit dem Venuskabinett ein neues Heim neben den Schausälen.
    foto: nhm/alice schumacher

    Die Venus von Willendorf bekam mit dem Venuskabinett ein neues Heim neben den Schausälen.

  • Mitarbeiterinnen des Museums präsentieren Rekonstruktionen von Kleidung und Schmuck der Kelten, der Bronzezeit  vor 3.600 Jahren, der Hallstattzeit und der Bronzezeit vor 4.000 Jahren (von links nach rechts). Ganz rechts Karina Grömer, die Museumsexpertin für prähistorische Textilien.
    foto: nhm/kurt kracher

    Mitarbeiterinnen des Museums präsentieren Rekonstruktionen von Kleidung und Schmuck der Kelten, der Bronzezeit vor 3.600 Jahren, der Hallstattzeit und der Bronzezeit vor 4.000 Jahren (von links nach rechts). Ganz rechts Karina Grömer, die Museumsexpertin für prähistorische Textilien.

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