"7 pleasures": Vergnügen des feschen Dutzends

29. September 2015, 17:07
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Uraufführung des zweiten Teils der Serie "Red Pieces" der dänischen Choreografin Mette Ingvartsen beim Steirischen Herbst

Wien – Porno bringt Publikum. Diese Tatsache hat im Internet einen Boom einschlägiger Websites und Social-Media-Aktivitäten ausgelöst. Die weitreichende Folge: eine "sexuelle Revolution 2.0" auf Hardcore-Basis, Kinderpornokatastrophe und Sexting-Missbrauch inklusive.

Auf diese Welle reagierte in der zweiten Hälfte der Nullerjahre auch der zeitgenössische Tanz – affirmativ wie etwa François Chaignaud und Cecilia Bengloea oder Florentina Holzinger und Vincent Riebeek, aber auch kritisch wie zum Beispiel Ann Liv Young. Auf diesen Zug sind in der Folge auch zahlreiche weniger coole oder reflektierte Tanzschaffende gesprungen.

Wenn hier nun die zurzeit in Frankreich arbeitende dänische Choreografin Mette Ingvartsen mit ihrer neuen Serie Red Pieces eingreift, dann über einen Ansatz, der das Pornogeschäft ebenso auszuhebeln sucht wie prüde Political Correctness. Beim Steirischen Herbst hat Ingvartsen gerade den zweiten Teil dieser Reihe uraufgeführt: 7 pleasures. Er wird Ende Oktober zusammen mit Nummer eins, 69 positions, auch im Tanzquartier Wien zu sehen sein.

Ingvartsens sieben Vergnügen sind ein Tanz auf Messers Schneide. Zwölf Tänzerinnen und Tänzer bilden zu Beginn bei hartem, perkussivem Sound einen Berg aus nackten Leibern. Dieser "verflüssigt" sich und fließt wie eine Woge in Zeitlupe diagonal über die Bühne, eine Art überdimensionales Wohnzimmer mit Tisch, Sofa, Lampen und Zimmerpflanze. Sofort zeigt sich – und das bleibt auch so -, dass hier nicht mit Voyeurismus geflirtet wird. Und dass hinter der Darstellung Lust bereitender Handlungen ein Bewusstsein gegenüber all den unerfüllten Sehnsüchten steht, die das Geschäft mit dem Sex so erfolgreich machen.

So klug Ingvartsen auch mit den Repräsentationen erotischer Handlung, veröffentlichter Körperlichkeit und atmosphärischer Widersprüchlichkeit umgeht: Ihr nacktes Dutzend besteht doch nur aus attraktiven jungen Körpern. Damit sickert ein ödes Klischee in diese Arbeit. Die 7 pleasures bleiben jenen vorbehalten, die sich auch gut in diversen Sexvideos machen würden. (ploe, 29.9.2015)

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