Windows 10: Microsoft stellt sich Spionagevorwürfen

29. September 2015, 10:20
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Dokumente zu Datensammel-Funktionen sollen Anschuldigungen entkräften

Das im Juli in finaler Version erschienene Windows 10 stellt in vielerlei Hinsicht eine Verbesserung zu Windows 7 und dem oft gescholtenen Vorgänger Windows 8 dar. Das System, das für viele Nutzer als Gratisupdate zu haben ist, stand aber schon während seiner öffentlichen Testphase in der Kritik. Die Vorwürfe reichen von übertriebenem Datenhunger bis hin zur umfassenden Spionage für Nutzerdaten.

Feedback, auf das Microsoft offenbar in dieser Ausprägung nicht vorbereitet war. Mit der Veröffentlichung verschiedener Statements und technischer Dokumente wollen die Redmonder nun dagegen halten.

Schwer verdauliche Richtlinien

Windows-Experte Ed Bott hat für ZDNet die Veröffentlichungen gesichtet und gibt seinerseits Entwarnung. Seiner Ansicht nach entbehren die meisten, auch medial geäußerten, Anschuldigungen jeglicher Grundlage. Das Problem sei viel mehr darin zu verorten, dass die meisten Nutzer die Privatsphäre-Regeln nicht verstehen, da es sich um ein langes, von Anwälten verfasstes Dokument handelt, das schlichtweg verschiedene rechtliche Szenarien für Gesetzgebung in Ländern rund um den Globus abdeckt.

Die Organisation European Digital Rights (EDRi) hatte im Juni geschrieben, dass Windows 10 praktisch alles, was der Nutzer sagen oder schreiben würde aufzeichnet, um ihm personalisierte Werbung unterzuschieben und die Daten an Dritte zu verkaufen. Der Vorwurf eines "integrierten Keylogger" wurde auch von anderer Stelle geäußert.

Telemetrische Erfassung reduzierbar

Windows 10 läuft ab Start mit vollen Rechten zur Erfassung telemetrischer Daten. Erfasst werden dabei Sicherheitseinstellungen, Absturzmeldungen, Kompatibilitätsdaten, App-Performance, Nutzungsverhalten sowie bei Bedarf weitere Informationen, wenn Probleme auftreten sollten.

Ein Teil dessen wurde auch schon in früheren Windows-Ausgaben erfasst, neu ist, dass dies nun standardmäßig aktiviert ist. Der Nutzer kann den Datenhunger allerdings recht einfach auf ein Minimum (Sicherheitseinstellungen, Abstürze, Kompatibilität) reduzieren. Betriebe, die Business-Versionen von Windows 10 verwenden, können die Telemetrie-Funktionen komplett deaktivieren.

Keylogger?

Der Keylogger, der Nutzereingaben per Tastatur belauschen soll, ist freilich der stärkste aller Vorwürfe. Einen, den Bott ebenfalls nicht bestätigt sieht. Laut Microsofts Erklärung wird ein "persönliches Wörterbuch" aus eingetippten und handgeschriebenen Worten angelegt, um die Autokorrektur zu Verbessern und Eingabevorschläge liefern zu können. Informationen, die eine Identifizierung des Users ermöglichen könnten – etwa Passnummern oder IP-Adressen – werden dabei ausgespart. Ein "winziges Sample" aus der Stichprobe wird zudem auch für die Verbesserung Microsofts eigener Wörterbücher genutzt, um die Verlässlichkeit von Ergänzungsfunktionen im Allgemeinen zu verbessern.

"Das entspricht keiner Definition des Begriffes ‚Keylogger‘", erklärt Bott. Nichtsdestotrotz kann man dieser Arbeitsweise trotzdem skeptisch gegenüberstehen. Betrieben wird die Stichproben-Ziehung allerdings vom Cortana-Service in Windows 10. Und dieser wiederum muss erst vom User aktiviert werden.

Die Sprachassistentin kann auch Kontaktnamen und Ortsangaben aus dem persönlichen Wörterbuch des Nutzers fischen, auch hier dient es der Realisierung bestimmter Funktionen – etwa beim Anlegen eines Treffens an einem bestimmten Ort im Terminkalender.

Advertising ID

Microsoft betont, dass erfasste Eingaben des Nutzers nicht für die Auslieferung von Werbung herangezogen wird. Nutzer haben allerdings eine Advertising ID, die in Zusammenhang mit jener Schnittstelle steht, die App-Entwicklern die Anzeige von Werbung in ihren Programmen erlaubt. Über die ID wird festgehalten, welche Werbung bereits in welcher App gezeigt wurde, ohne dabei persönliche Daten an die Entwickler zu schicken. Die ID lässt sich vom Nutzer deaktivieren.

Bott erklärt hierzu, dass Microsoft selbst im Werbegeschäft keine gewichtige Rolle mehr spielt und demenentsprechend auch nichts davon hätte, Nutzerdaten für Anzeigen heranzuziehen.

Transparenz wichtig

Die Wachsamkeit von Datenschützern sei trotzdem wichtig, auch wenn es im Falle von Windows 10 zu Übertreibungen gekommen sei, meint Bott. Denn fast jeder arbeitet heute mit Geräten und Systemen, die vernetzt sind. Der Austausch von Daten zwischen Menschen und Organisationen würde das Internet prinzipiell verbessern, setzt aber auch Transparenz und Kontrolle voraus, um prüfen zu können, ob die gelebte Praxis von Firmen den selbst gesetzten Richtlinien auch entspricht. In jedem Fall sollte man das Thema sachlich und ohne Paranoia behandeln. (gpi, 29.09.2015)

  • Microsoft will Bedenken hinsichtlich des Umgangs von Windows 10 mit der Privatsphäre der User ausräumen.
    foto: reuters

    Microsoft will Bedenken hinsichtlich des Umgangs von Windows 10 mit der Privatsphäre der User ausräumen.

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