Afghanistan: USA unterstützt Gegenoffensive zur Vertreibung der Taliban

30. September 2015, 06:21
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Kabul – Nach dem Fall von Kunduz hat die afghanische Regierung eine Gegenoffensive zur Vertreibung der Taliban aus der Provinzhauptstadt begonnen. Die Armee sei Dienstagfrüh in die nordafghanische Stadt eingedrungen, sagte ein Polizeisprecher. "Wir haben das Polizeihauptquartier und das Provinzgefängnis zurückerobert." Unterstützt wurden die Truppen durch US-Kampfflugzeuge.

Mit etwa 2.000 Kämpfern hatten die radikalislamischen Taliban am Montag das rund 250 Kilometer von Kabul entfernte Kunduz erobert. Es war das erste Mal seit ihrer Entmachtung im Jahr 2001 durch internationale Truppen, dass die Taliban die Kontrolle über eine größere afghanische Stadt übernehmen konnten. Für den vor einem Jahr ins Amt gekommenen Präsidenten Ashraf Ghani markiert ihr Einmarsch in die Stadt einen herben Rückschlag.

Strom und Telefone ausgefallen

Ein Regierungsvertreter am Flughafen berichtete von heftigen Kämpfen. Strom und Telefone seien fast überall ausgefallen: "Die Sicherheitskräfte haben die meisten strategisch wichtigen Plätze zurückgewonnen, in vielen Stadtteilen ist Gewehrfeuer zu hören."

Ein Taliban-Kommandant namens Mullah Usman in Kunduz sagte, die Aufständischen durchsuchten Häuser nach Regierungsmitarbeitern und regierungsfreundlichen Milizionären. "Wir sammeln außerdem Waffen und Munition von den Bewohnern der Stadt ein und aus den Regierungsgebäuden und Polizeiposten, die wir eingenommen haben." Ein afghanischer Mitarbeiter eines Hilfswerks in Kunduz sagte am Dienstag, die Taliban hätten Fahrzeuge internationaler Hilfsorganisationen in ihre Gewalt gebracht.

US-Armee unterstütze Gegenoffensive

Die US-Armee griff ebenfalls in die Gefechte ein. "US-Streitkräfte haben einen Luftangriff in Kunduz geflogen", sagte ein US-Militärsprecher am Dienstag in Kabul. Ziel sei es gewesen, eine Bedrohung der Sicherheitskräfte zu "beseitigen".

Unklar war vorerst, wie viele Menschen bei den Gefechten getötet wurden. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Kabul sagte, 16 Leichen seien in Krankenhäuser gebracht worden. 172 Menschen seien verletzt worden. "Wir wissen nicht, ob das Zivilisten oder Taliban sind."

Taliban-Chef Mullah Akhtar Mohammad Mansour versicherte indes, die Aufständischen würden "Leben, Besitz und Ehre der respektierten Bürger der Stadt Kunduz schützen." In einer Mitteilung Mansours zur "Befreiung" der Stadt hieß es, die Menschen dort könnten ihr Leben "in absoluter Sicherheit" weiterführen.

"Die Mujaheddin denken nicht an Rache, sondern sind mit einer Botschaft des Friedens gekommen", teilte Mansour mit. Er rief Mitarbeiter der "Invasoren und ihres Handlanger-Regimes" dazu auf, überzulaufen, um ihr Leben und ihren Besitz zu schützen.

NATO zog 2013 ab

Die NATO beendete ihren 13 Jahr andauernden Kampfeinsatz in Afghanistan im vergangenen Jahr. Der Nachfolgeeinsatz "Resolute Support" dient vor allem der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte. Die im Land verbliebenen gut 13.000 ausländischen Soldaten sollen den bisherigen Plänen zufolge bis Ende 2016 vollständig vom Hindukusch abgezogen werden.

Die Eroberung von Kunduz durch die Taliban löste in Berlin eine Debatte um den geplanten Abzug der deutschen Bundeswehr aus Nordafghanistan aus. Diese war im Rahmen des von der NATO geführten ISAF-Einsatzes von 2003 bis 2013 für die an Tadschikistan grenzende Provinz verantwortlich. Mit insgesamt 850 Soldaten ist die deutsche Bundeswehr von der Stadt Mazar-i-Sharif aus weiter für den Norden Afghanistans zuständig.

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte am Wochenende vor einem zu frühen Truppenabzug gewarnt. Auch die SPD zeigte sich besorgt. "Angesichts der Situation in Afghanistan wäre es falsch, die Afghanen völlig alleine zu lassen", sagte ein verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Seit mehr als drei Jahrzehnten gehören Krieg und Gewalt zum afghanischen Alltag. In den 80er-Jahren kämpften die Afghanen gegen die Sowjetunion, nach deren Abzug versank das Land in den 90er-Jahren im Bürgerkrieg und erlebte den Aufstieg der radikalislamischen Taliban. Die Taliban-Herrschaft zeichnete sich durch schwere Menschenrechtsverletzungen, öffentliche Hinrichtungen und Unterdrückung der Frauen sowie Mädchen aus. (APA, 29.9.2015)

  • DIe afghanische Armee hat am Dienstagmorgen ihre Gegenoffensive begonnen.
    foto: reuters/stringer

    DIe afghanische Armee hat am Dienstagmorgen ihre Gegenoffensive begonnen.

  • Aus dem Gefängnis befreite Taliban in einer Straße in Kunduz am Montag.
    foto: ap photo/hekmat aimaq

    Aus dem Gefängnis befreite Taliban in einer Straße in Kunduz am Montag.

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    quelle: apa
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