Wer Esoterik kritisiert, hat Angst vor der Wahrheit!

29. September 2015, 07:00
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Allzu oft sehen sich Esoteriker und Pseudowissenschafter in der Tradition Galileo Galileis – der wurde schließlich auch kritisiert, obwohl er recht hatte

"Diejenigen die vor dem Klimawandel warnen sind vergleichbar mit denen, die früher daran geglaubt haben, dass die Erde flach ist. Damals war es wissenschaftlich anerkannt, dass die Erde flach ist, und dieser Häretiker mit dem Namen Galileo wurde als Leugner gebrandmarkt."

Das sagte Anfang des Jahres Ted Cruz, Senator für den US-Bundesstaat Texas und einer der republikanischen Kandidaten für die amerikanische Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr. Er gehört zu denjenigen Politikern, die behaupten, es gäbe keinen Klimawandel, und gefällt sich angesichts der ihm deswegen entgegengebrachten Kritik in der Rolle eines "Häretikers", so wie Galileo Galilei einer war.

Galileo Gambit

Sieht man einmal davon ab, dass Cruz nicht viel Ahnung von Wissenschaftsgeschichte zu haben scheint (weder glaubte man im Mittelalter daran, dass die Erde flach ist, noch stand Galilei aus diesem Grund mit irgendwem in Konflikt), nutzt er hier eine beliebte Taktik, auf die man in der Auseinandersetzung mit Anhängern von Pseudowissenschaft und Esoterik immer wieder trifft: Das sogenannte "Galileo Gambit".

Es funktioniert so: "Galileo Galilei wurde für seine wissenschaftliche Arbeit kritisiert und verfolgt, obwohl er recht hatte. Ich werde für meine Arbeit kritisiert. Also muss ich recht haben!" Man findet es auch gerne in Variationen, in denen statt Galilei andere "verkannte Genies" auftauchen: Alfred Wegener, Ignaz Semmelweis, Giordono Bruno, Nikolaus Kopernikus, etc. Sie alle wurden hart und heftig kritisiert – obwohl sie mit ihren Thesen richtig lagen. Aber daraus folgt natürlich nicht, dass jeder, der heftig kritisiert wird, ebenso recht hat!

Daten statt Behauptungen

Beim Galileo-Gambit handelt es sich um einen logischen Fehlschluss ("Non sequitur"), der eigentlich recht offensichtlich scheint, dem zu erliegen aber immer wieder verlockend ist. Galileo Galilei wurde tatsächlich kritisiert und verfolgt, weil er behauptete, dass sich die Erde um die Sonne bewegt und nicht die Sonne um die Erde. Aber was viele, die sich – wie Ted Cruz – mit ihm vergleichen gerne vergessen: Galilei hat das nicht einfach nur behauptet!

Es war das, was er aus seiner wissenschaftlichen Forschung gefolgert hatte. Galileis Behauptungen basierten auf Daten, Beobachtungen und Berechnungen. Auf Messungen, die nachvollziehbar und reproduzierbar waren, weswegen sich seine Hypothesen ja auch trotz aller ideologischen Angriffe von Seiten der Kirche durchgesetzt haben.

Es reicht eben nicht aus, kritisiert zu werden, um recht zu haben. Recht hat man dann, wenn sich die eigene Behauptung belegen lässt. Bei Galileo war das der Fall, genau so wie bei Alfred Wegener, Ignaz Semmelweis und all den anderen Wissenschaftern, deren Hypothesen anfangs auf Kritik stießen und erst später anerkannt wurden. Und eben weil sie recht hatten, erinnern wir uns heute noch an ihre Leistungen. Im Gegensatz zu denjenigen, die nicht recht hatten, bei denen die Kritik völlig gerechtfertigt war.

Kritik als Qualitätsmerkmal

Trotzdem ist die Versuchung groß, Kritik als Bestätigung aufzufassen. In der Diskussion mit Pseudowissenschaftern und Esoterikern wird das Galileo-Gambit auch immer wieder gerne mit vagen Verschwörungstheorien über die "Schulwissenschaft" kombiniert, die neue Erkenntnisse unterdrücken will: "Wenn an meiner Behauptung nichts dran wäre, dann würde ich deswegen ja nicht so heftig angegriffen werden. Dass man mich kritisiert, kann nur ein Zeichen dafür sein, dass ich der Wahrheit zu nahe gekommen bin und dafür diskreditiert werden soll."

Der Vorstellung, Kritik wäre ein Qualitätsmerkmal, liegt allerdings ein grundlegendes Unverständnis über die Arbeitsweisen der Forschung zugrunde. Dort geht es in den seltensten Fällen darum, den kompletten Status Quo der Wissenschaft über den Haufen zu werfen. Auch große Genies wie zum Beispiel Albert Einstein haben sich immer innerhalb des bestehenden Wissens bewegt und darauf aufgebaut.

Wissenschaftliche Revolution

Einstein hat ohne Zweifel einen völlig neuen und revolutionären Weg gefunden, das Universum zu betrachten. Aber seine Relativitätstheorie war eine Erweiterung des existierenden Wissens; die klassische Mechanik und die Newtonsche Gravitationstheorie werden heute noch genau so angewandt wie sie es damals wurden. Dank Albert Einstein kennen wir nun eben die Grenzen dieser älteren Theorien und haben neue Werkzeuge, um Phänomene zu beschreiben die außerhalb davon liegen.

All die Perpetuum-Mobile-Bauer, Weltformel-Finder, Quantenheiler oder Homöopathen setzen aber bei ihren Hypothesen im Allgemeinen voraus, dass die ganze moderne Wissenschaft von Grund auf fehlerhaft ist und durch die jeweils eigene Theorie komplett ersetzt werden muss. Würde beispielsweise die Homöopathie tatsächlich so funktionieren, wie es von ihren Vertretern behauptet wird, stünde das in einem völligen Widerspruch zu den gesamten Erkenntnissen von Biologie, Medizin, Chemie und Physik.

Erkenntnisse, deren Übereinstimmung mit der Realität durch unzählige Experimente, Beobachtungen und Vorhersagen aber mehr als nur gut belegt ist. Die Ursache der Kritik ist hier keine "Angst" der Wissenschafter vor der "Wahrheit" (ganz im Gegenteil, auch wenn es selten vorkommt: Die Chance einer kompletten Revolution eines ganzen Fachgebiets mit all den daraus folgenden neuen Möglichkeiten und Erkenntnissen ist das, was die meisten Wissenschafter antreibt). Die Kritik findet statt, weil die kritisierten Behauptungen falsch sind.

Kein Fortschritt ohne Kritik

Fehler zu machen und dafür kritisiert zu werden, ist ein fundamentaler Bestandteil der wissenschaftlichen Methode. Forscher setzen ihre Arbeit absichtlich und freiwillig immer wieder Beurteilung und Kritik aus. Jede Veröffentlichung wird vor der Publikation von Gutachtern geprüft, kritisiert und auch schon mal abgelehnt. Bei jeder wissenschaftlichen Konferenz bekommt man es im Anschluss an einen Fachvortrag normalerweise mit vielen Fragen der Kollegen zu tun, die durchaus auch kritisch und unangenehmen sein können. Und wenn das der Fall ist, dann sollte man nach Möglichkeit eine bessere Antwort parat haben als: "Über Galilei haben sie ja auch zuerst alle gelacht!"

Ohne beständige Kritik gäbe es keinen wissenschaftlichen Fortschritt. Und wer kritisiert wird, sollte das – im Idealfall – nicht als persönlichen Angriff sehen. Oder sich dadurch gar in eine Märtyrer-Rolle drängen lassen und mit Galileo Galilei vergleichen (obwohl so etwas auch unter Wissenschaftern leider immer wieder mal vorkommt). Man sollte es als Ansporn nehmen, seine Arbeit zu überdenken, zu korrigieren, zu verbessern oder eben auch zu verwerfen, wenn es gar nicht anders geht.

Berechtigter Spott

Wissenschaft ist eben nicht der lineare Prozess vom Geistesblitz zur fertig ausformulierten genialen Theorie, wie er in den Lehrbüchern immer noch viel zu oft angedeutet wird. In der Schule und auch auf den Universitäten lernt man meistens nur die Ergebnisse der Forschung kennen, aber kaum, wie es dazu gekommen ist. Man erfährt wenig über all die Fehlschläge, all die Kritik und die vielen Umwege, die auch große Wissenschafter auf sich nehmen mussten, bevor sie mit ihrer Arbeit am Ende "recht gehabt" haben.

Kritik ist immer unangenehm. Aber wer sie einfach ignoriert, anstatt sie zu nutzen, um die eigenen Thesen zu überdenken, und sich lieber mit den großen Geistern der Vergangenheit vergleicht, könnte kaum weiter von diesen Revolutionären entfernt sein. Und darf zurecht mit dem Spott der anderen rechnen.

So wie Ted Cruz, für dessen Aussage der aktuelle US-Präsident Barack Obama nur folgende Worte übrig hatte: "Ted Cruz sagte, indem er die Existenz des Klimawandels leugne, sei er vergleichbar mit Galileo. Das ist aber kein wirklich passender Vergleich. Galileo glaubte, die Erde drehe sich um die Sonne. Ted Cruz glaubt, sie drehe sich um Ted Cruz." (Florian Freistetter, 29.9.2015)

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