Freiheitliche bauen Stammwählerschaft auf

28. September 2015, 17:49
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Meinungsforscher sehen Unzufriedenheit der Wähler nicht nur in Asylfragen, sondern auch mit "Reformbremsern"

Wien – Wahlkämpfe der Freiheitlichen hatten in den vergangenen Jahrzehnten stets besonders viele Wähler zu bewegen: Unter Jörg Haider mussten immer neue Unzufriedene gefunden werden, die FPÖ zu wählen bereit waren, weil sich die Wählerschaft der jeweils vorigen Wahl wieder verlaufen hatte.

Haider verlor seine Wechselwähler

Das habe sich fundamental geändert, erklärt der Wiener Statistikprofessor Erich Neuwirth: "Unter Haider hatte die FPÖ Haltequoten von etwas über 50 Prozent, sie ist mit immer neuen Wählern dennoch gewachsen. Unter Strache ist das anders geworden. In Oberösterreich können wir von einer 100-prozentigen Haltequote ausgehen – das heißt: Praktisch alle Wähler der Wahl vor sechs Jahren haben diesmal wieder die FPÖ gewählt. Und zu den 130.000 Wählern von damals hat sie 75.000 Wähler von der ÖVP, 20.000 von der SPÖ und 12.000 Nichtwähler für sich gewinnen können." Auch die BZÖ-Wähler – vor sechs Jahren gab es deren noch über 24.000 – seien praktisch komplett zur FPÖ gewandert.

Dieser Befund unterscheidet sich deutlich von jenem, den Sora am Sonntag im ORF veröffentlicht hat. Demnach hätte die FPÖ nur eine Haltequote von 83 Prozent, und nur sieben von zehn ehemaligen BZÖ-Wählern wären von der FPÖ aufgesogen worden.

Rote Pühringer-Wähler

Neuwirth, der ein Experte für Wahlhochrechnungen und Wählerstromanalysen ist, weist im Gespräch mit dem STANDARD aber noch auf einen weiteren Wählerstrom hin: "Im Unterschied zu den bisher veröffentlichten Berechnungen sind mir eine hohe Zahl von früheren SPÖ-Wählern und zudem einige KPÖ-Wähler aufgefallen, die bei dieser Wahl die ÖVP gewählt haben."

Dies könne bedeuten, dass viele Pühringer-Wähler aus dem linken Lager ihre Stimme beim Landeshauptmann besser aufgehoben gesehen haben als bei ihrer eigentlich präferierten Partei – weil mit dieser Stimme dann ein Gegengewicht zur FPÖ erzeugt worden wäre.

Statistische Unschärfen bei der KPÖ

Aufgrund der geringen Wählerzahlen würde das gleichzeitig bedeuten, dass die KPÖ nur statistisch unbedeutende Teile ihrer bisherigen Wählerschaft halten konnte – die 6.512 KPÖ-Stimmen wären demnach vor allem von neu gewonnenen früheren Sozialdemokraten und Nichtwählern gekommen. Ein Rechenergebnis, das mit statistischen Unschärfen und Rundungsfehlern zusammenhängen dürfte.

Die Arge Wahlen kommt aber auch sonst zu anderen Einschätzungen: Sie sieht einen wesentlich größeren Strom von SPÖ-Wählern direkt zur FPÖ (nämlich 31.000, bei Neuwirth wären es nur 20.000), einen deutlich kleineren Wechsel von der ÖVP zur FPÖ und eben kaum Wechselwähler von SPÖ zur ÖVP.

Unterschiedliche Einschätzung der Motive

Ebenso wie die Experten mit verschiedenen statistischen Methoden zu unterschiedlichen Wählerströmen kommen, sehen die Demoskopen unterschiedliche Motive der Wähler. Schon bei der (allerdings in unterschiedlicher Formulierung gestellten) Frage, wie zufrieden die Oberösterreicher sind, gab es Unterschiede: Sora hatte erhoben, dass ein Drittel der Oberösterreicher eine positive Entwicklung des Landes seit der letzten Wahl beobachtet habe, ein Drittel habe eine negative Entwicklung wahrgenommen.

Market hat für den STANDARD allerdings erhoben, dass "das Leben alles in allem in Oberösterreich" nur von zehn Prozent besser als vor fünf Jahren, von 20 Prozent dagegen als schlechter erlebt würde. Market-Chef Werner Beutelmeyer hält auch das von den meisten anderen Instituten vertretene Argument für überzogen, dass vor allem das Flüchtlingsthema die Wahlen entschieden habe. Vielmehr gebe es eine generelle Unzufriedenheit mit "Reformbremsern" – und damit seien auch die Landeshauptleute gemeint. (Conrad Seidl, 28.9.2015)

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