"Klartext": Viel Zeit und ein Zaubertisch für Strache

28. September 2015, 17:27
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Der FPÖ-Chef kämpft um rechte und bürgerliche Stimmen. ATV liefert die Sendeminuten dafür

Wien – Kommt man hier zum "Klartext"-Dreh? "Kommt drauf an, wer 'man' ist", antwortet der älteste und dickste der drei Polizisten, die vor dem ehemaligen Vergnügungsetablissement Gschwandner im 17. Wiener Gemeindebezirk stehen. Wenn Martin Thür für sein ATV-Interviewformat "Klartext" mit Heinz-Christian Strache einen der erfolgreichsten – und umstrittensten – Rechtspopulisten Europas interviewt, wird auch die Sicherheit hochgefahren. Die Pressesprecherin gewährt dann Einlass.

Eine verfallene Halle, einige Wände schon abgetragen, die vergilbten Fenster mit Folie bedeckt. In ihrer Mitte stehen zwei selbstbewusste Männer in eng geschnittenen Anzügen. Es könnte auch ein Drogendeal im großen Stil gewesen sein, der am Montag in Hernals vor sich ging. Dann wären aber wohl nicht vier Kameras und ein riesiger Tabletcomputer als Tisch dabei gewesen.

Strache bekommt eine ganze Folge

Über (möglicherweise) Kriminelles wurde nur im Konjunktiv gesprochen. Thema: Die Wien-Wahl. Und die "Kickl-Files", die der Wiener Spitzenkandidat der Freiheitlichen dank des Tablet-tischs überlebensgroß unterbreitet bekommt. Weil "Taferl sind ein bissl 90er", sagt Thür zu Strache. Der hielt die mitgebrachte Mappe daraufhin geschlossen. Drinnen sind beide Anzugträger betont entspannt, nur für die Pressefotos reißt Strache stets kurz die Augen zur Faltenreduktion auf.

Im heftig inszenierten "Duell um Wien" spielen Thür und ATV gerne mit. Die knapp 24 Minuten der vorangegangenen Sendung mussten sich Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne), der Wiener ÖVP-Chef Manfred Juraczka und Neos-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger teilen. Das 45-minütige Gespräch mit Strache muss dagegen nur auf die Hälfte eingedampft werden, er bekommt eine eigene Sendung. Da falle das Kürzen auch "deutlich weniger schmerzhaft" aus, sagt Thür.

foto: fellner
"Klartext"-Moderator Martin Thür zeigt, was sein Tisch alles kann.

Außerdem braucht es für eine Sendung mit nur einem Politiker einen halben statt einen ganzen Drehtag. Technisch kann Thür mit dem gesparten Geld schweres Gerät auffahren lassen: Eine Kamera filmt ihn, eine Strache, eine fährt auf Schienen, eine hängt am beweglichen Kran. Damit man auch den Zaubertisch gut sieht, der sich immerhin mit 1500 Euro pro Miettag aufs Sendungsbudget schlägt.

FP-Chef übt den Spagat

Journalisten und Strache-Mitarbeiter dürfen das Interview per Liveübertragung in einem Kammerl nebenan verfolgen – in der leeren Halle würde schließlich jedes Husten auf der Tonspur landen. Neben zwei ausgehängten Türen, die an der Wand lehnen, steht ein Fernseher, auf dem Strache lächelnd kopfschüttelt, wenn Thür ihn mit Vorwürfen konfrontiert: Die "Kickl-Files" (oder "Kicklfeilen", wie Strache sie – vielleicht vorausschauend? – nennt)? Lach, kopfschüttel, ein Fabrikat des Falter.

Ansonsten übt Strache den Spagat zwischen rechtsnational und bürgerlich. Die Genfer Konvention gilt. Wer Hilfe braucht, soll sie bekommen. Später: Wer weiß, ob die Flüchtlinge nicht Dschihadisten sind, Sicherheit der eigenen Bevölkerung, einen Grenzzaun braucht’s, Orban macht das eh gut.

Win-Win für ATV und FPÖ

Nach 45 Minuten hat Strache viele Vorwürfe bestritten und dem Journalisten schlechte Recherche vorgeworfen. Der ATV-Mann hat ein Gespräch im Kasten, das auch kurzweilig bleiben wird, wenn es dreimal so lang wie die üblichen Klartext-Interviews geschnitten ist. Und Quote verspricht. Denn spätestens seit den ORF Sommergesprächen 2015 ist klar:_Ob aus Sympathie oder Masochismus, wenn Strache im TV ist, schalten viele ihre Fernseher ein. Ein Win für ATV, ein Win für die FPÖ.

Entsprechend sportlich dann das Handshake zwischen Thür und Strache nach der Aufzeichnung. Bitte, Danke, nein, ich schminke mich im Büro ab. Bereits am kommenden Sonntag (21.50 Uhr, ATV) ist der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) zu Gast bei Klartext. (Sebastian Fellner, 28.9.2015)

"Klartext" mit Heinz-Christian Strache

Montag, 22.25 Uhr auf ATV und auf atv.at/klartext

  • 45 Minuten Gespräch, aufwendig produziert, um die Hälfte gekürzt: FP-Chef Heinz-Christian Strache bei "Klartext" auf ATV.
    foto: atv/novotny

    45 Minuten Gespräch, aufwendig produziert, um die Hälfte gekürzt: FP-Chef Heinz-Christian Strache bei "Klartext" auf ATV.

  • Gedreht wurde im ehemaligen Vergnügunsetablissement Gschwandner in Wien Hernals.
    foto: atv/novotny

    Gedreht wurde im ehemaligen Vergnügunsetablissement Gschwandner in Wien Hernals.

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