Veredelungsprozesse in stalinistischem Ambiente

28. September 2015, 17:19
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Sechste Moskauer Biennale setzt auf Work in Progress, Fragen zum aktuellen Russland blendet sie weitgehend aus

Vor dem spätstalinistischen Zentralen Pavillon auf dem Areal der Ausstellung der Errungenschaft der Volkswirtschaft (WDNCh) steht ein frisch renoviertes Lenin-Denkmal. Im Bau selbst arbeiten Restaurateure im Schichtbetrieb: Das 1954 finalisierte Hochrelief Ruhm dem Sowjetvolk! des sowjetischen Bildhauers Jewgeni Wutschetschitsch soll wieder auf Hochglanz gebracht werden.

Zehn Tage lang ist dieser Zentrale Pavillon nun Austragungsort für das Hauptprojekt der sechsten Moskauer Biennale. Nicht zuletzt wegen einer dem Rubelverfall geschuldeten Budgetreduktion verzichtet das Kuratorenteam auf eine konventionelle Ausstellung: Unter dem Titel Wie zusammen leben? Ein Blick aus der Stadt im Herzen der Insel Eurasien baten Defne Ayas (Center for Contemporary Art, Rotterdam), Bart De Baere (Museum moderner Kunst, Antwerpen) und Nicolaus Schafhausen (Kunsthalle Wien) Künstler, Arbeiten vor Ort zu realisieren, gewannen internationale Kapazunder als Vortragende.

Der französische Künstler Fabrice Hybert porträtiert mit russischem Rohöl auf Papier Biennale-Besucher: Der Veredelungsprozess ist ein subtiler Hinweis auf ein Hauptproblem der rohstoffdominierten russischen Wirtschaft. Nebenan werkt die in Wien lebende Ukrainerin Anastasija Jarowenko an einer riesigen Mausefalle, bespannt mit einem spätsowjetischen Teppich – als Anspielung auf die in Russland grassierende Sowjetnostalgie und deren Gefahren.

Auf mehr als 40 Quadratmetern produziert der Chinese Qiu Zhijie das größte Kunstwerk dieser Biennale – er malt die Landkarte eines imaginierten Eurasien, dessen Ortsbezeichnungen geopolitische Schlagwörter sind. Eurasien und das vom 1938 in Wien verstorbenen Linguisten Nikolaj Trubezkoj geprägte Eurasiertum, das von einem zivilisatorischen Sonderweg Russlands in Opposition zum Westen kündet, hätte ursprünglich zentrales Thema der Biennale werden sollen. Zugunsten des "Zusammenlebens" beschränkt es sich nun auf sporadische Verweise und einen Katalogbeitrag von Kokurator De Baere.

Für Andrang sorgen punktuelle Performances: Das russische Künstlerkollektiv u/n multitude etwa veranstaltet einen Tanzkurs. Und die aus der russischen Teilrepublik Dagestan stammende Taus Machatschewa lässt Artisten mit Reproduktionen von Ölbildern des Sozialistischen Realismus posieren. Diese Arbeit präsentiert sie übrigens auch bei der parallel laufenden Kiewer Biennale, die unter der Leitung der Wiener Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer politischer als ihr Moskauer Gegenstück ausfällt.

Auffällige Lücken

Kein Beitrag, der sich in diesem Stalintempel mit der Restauration totalitärer Ästhetiken oder neoimperialen Tendenzen der Kreml-Politik beschäftigt; kein Verweis auf die reaktionäre Ausstellung über das russische Rurikiden-Herrschergeschlecht, die demnächst ein paar Pavillons weiter eröffnet wird; abgesehen von spielerischen Videos der Ukrainerin Alewtina Kachidse keine klare Haltung bezüglich Russlands hybrider Kriege. Das läge nahe – im Frühjahr wurden Waffensysteme just über das WDNCh-Areal verteilt. Nur wenige Hundert Meter vom Biennale-Schauplatz steht eine Buk-M1-Abschussvorrichtung. Ein Flugabwehrsystem dieses Typs dürfte im Juli 2014 die Passagiere einer malaysischen Boeing über der Ostukraine in den Tod befördert haben.

Im hochkarätig besetzten Diskursprogramm, das am 1. Oktober mit dem griechischen Exfinanzminister Yanis Varoufakis endet, könnte manches davon angesprochen werden. Doch offiziell, so heißt es in einem erstaunlichen Subventionsansuchen der Biennale, sollen Diskussionen Russlands Führungsposition im eurasischen Kulturraum verdeutlichen, die "patriotische Verbindung der Generationen" festigen und seien eine "Maßnahme gegen Falsifizierung der Geschichte".

Das Problem dieser Biennale sei, dass es keine klare Position der Kuratoren gebe, monierte der Moskauer Kunstkritiker Walentin Djakanow. Die Kuratoren hätten zugeben sollen, dass die Intellektuellenparade in Gemäuern des reifen Stalinismus lediglich dazu diene, das Gesicht zu wahren. (Herwig Höller, 28.9.2015)

  • Der Zentrale Pavillon auf dem Areal des WDNCh:  ein Stalintempel als Schauplatz der sechsten Moskauer Biennale.
    foto: ekaterina allenova, artguide

    Der Zentrale Pavillon auf dem Areal des WDNCh: ein Stalintempel als Schauplatz der sechsten Moskauer Biennale.


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