Prozess: Vier Messer und ein Mordversuch

28. September 2015, 16:07
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Ein 57-Jähriger soll die Mutter seines Sohnes aus Eifersucht mit einem Messer attackiert haben. Der elfjährige Bub rettete die Frau

Wien – Warum er seiner Freundin mindestens dreimal mit einem Küchenmesser in den Kopf gestochen hat? "Ich war total außer mir. Ich habe den Boden verloren und war verzweifelt, da ich vielleicht meinen Sohn verliere", erklärt Luka B. dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Georg Olschak. Der verlorene Boden brachte dem 57-Jährigen eine Anklage wegen Mordversuchs ein, er bekennt sich aber nicht schuldig.

Sein Verteidiger Rudolf Mayer begründet warum: B. sei nämlich selbst ein Opfer. Und tatsächlich: Er erlitt zwei Stiche in Brust und Schulter sowie zwei in den Rücken, verlor viel Blut und musste in künstlichen Tiefschlaf versetzt werden. Was diesen Fall so besonders macht: In den Rücken hat ihn sein elfjähriger Sohn gestochen.

Aber der Reihe nach. Staatsanwalt Markus Göschl wirft dem Taxifahrer vor, aus krankhafter Eifersucht am 16. April seine 35 Jahre alte Lebensgefährtin in der gemeinsamen Wohnung bei einem Streit attackiert zu haben.

Messerklinge brach ab

Erst mit einem Faustschlag, der sie zu Boden warf, dann stellte er sich über sie, schnappte sich ein Messer mit einer 13-Zentimeter-Klinge und stach zu. So fest, dass am Ende die Klinge abbrach und ein Stück im Kopf des Opfers steckenblieb. Erst nachdem ihn sein Sohn gestochen hatte, ließ er von der Frau ab, sagt der Ankläger.

Der äußerst engagiert plädierende Verteidiger Mayer weist dagegen auf Widersprüche hin und geißelt die Polizeiarbeit: "Es ist nicht so wie im Fernsehen, wo die Tatortgruppe kommt und jedes kleinste Detail analysiert."

Im Gegenteil: Es wurden nur zwei Messer sichergestellt, jenes des Vaters und jenes des Elfjährigen. Ein Obstmesser, das die Wunden auf der Brust des Mannes verursacht haben könnte, wurde ignoriert: "Das hat sauber ausgeschaut, daher haben sie es zurückgelegt, haben die Polizisten gesagt", kritisiert Mayer. Es kommt sogar noch ein viertes Messer ins Spiel: Der Nachbar, zu dem sich der Bub geflüchtet hatte, ist fest überzeugt, dass der Angeklagte ein Keramikmesser in der Hand hielt, als er ihn sah.

35 Minuten Verspätung

Vorsitzender Olschak kocht während der Eröffnungsplädoyers ganz sicher innerlich. Was aber nicht an den Reden liegt, sondern an der Tatsache, dass die Verhandlung mit 35 Minuten Verspätung begonnen hat. Die Justizwachebeamten hatten den Prozess vergessen, mussten erst Verstärkung auftreiben und trafen samt Luka B. erst nach vier zusehends gereizten Anrufen Olschaks im Großen Schwurgerichtssaal ein.

Schließlich kann der Vorsitzende aber doch mit den Fragen an den Angeklagten beginnen. Und lässt ihn erzählen, wie er das Opfer kennengelernt hat. "Sie ist als Kindermädchen zu meiner ersten Frau und mir gekommen", verrät er. Nach zwei Jahren war sie, 24 Jahre alt, von ihm schwanger.

Zunächst verlief die Beziehung relativ normal. "Wann fingen Sie an, eifersüchtig zu werden?", interessiert Olschak. Im Sommer 2014, da soll er den ersten Faustschlag gesetzt haben – man bezog getrennte Zimmer. Spätestens im Oktober, als er im Internet Fotos von seiner Partnerin und einem anderen Mann entdeckte, eskalierte die Situation.

Die Eifersucht steigerte sich immer weiter: Er kontrollierte ihr Telefon, rief sie an, um ihren Aufenthaltsort zu kontrollieren, untersuchte sogar ihre Unterwäsche auf außereheliche Spuren.

In psychiatrischer Ambulanz

Tatsächlich dürfte er aber selbst gemerkt haben, dass er zu weit ging. Er besuchte im November 2014 eine psychiatrische Ambulanz, bekam Medikamente verschrieben, ließ sich sogar einige Tage stationär aufnehmen. Er sagt, die Ärztin habe auch mit seiner Partnerin gesprochen und dieser eine Therapie empfohlen, was diese aber ablehnte.

Eine knappe Woche vor der angeklagten Tat schien er einen Beweis für ihre Untreue gefunden zu haben. Beim Durchstöbern des Kalenders der Frau entdeckte er den Eintrag "Feier" samt rotem Herz daneben.

Am Tattag wollte sie, dass er aus der Wohnung ausziehe, behauptet der Angeklagte. Er fühlte sich auch ausgenutzt: "Sie war mit der Krankenschwesternschule fertig und dachte, sie braucht mich nicht mehr."

Am Abend konfrontierte er sie mit dem Kalendereintrag und geriet in Wut, wie er selbst zugibt. Die Folge war ein Faustschlag gegen ihren Kopf. "Aber sie ist nicht umgefallen", beteuert er. Im Gegenteil: "Sie hatte plötzlich ein Messer in der Hand." Mit dem sie ihn gestochen habe, was wiederum ihn zur Waffe greifen ließ.

Frau als Angreiferin beschuldigt

Laut Verteidiger habe er später sogar, schwer verletzt und kurz vor seiner Ohnmacht, zu zwei Nachbarn gesagt: "Sie hat mich abgestochen" beziehungsweise "Die Frau hat zugestochen."

"Und warum sagen Sie das alles erst jetzt?", versucht Olschak zu ergründen, warum sich B. bisher überhaupt nicht zu den Vorwürfen geäußert hat. Er habe gehofft, sich mit seiner Partnerin zu versöhnen, lautet die Antwort. "Sie haben ihr mit einem Messer in den Kopf gestochen – wie soll sich die denn mit Ihnen versöhnen?", fragt der Vorsitzende ungläubig.

Wegen erkrankter Zeugen wird schließlich vertagt. (Michael Möseneder, 28.9.2015)

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