Tschuris Evolution: Wie aus zwei Kometen einer wurde

28. September 2015, 17:24
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Italienische Forscher bestätigen Vermutung: Der Rosetta-Zielkomet entstand durch Kollision zweier kleinerer Kometen

Bern/Padua/Wien – Welche Faktoren an der Formung von Kometenkernen im frühen Sonnensystem beteiligt waren, ist noch weitgehend ungeklärt. Im Falle des Zielkometen der ESA-Mission Rosetta, 67P/Tschurjumow-Gerassimenko (kurz: "Tschuri"), ist zumindest das charakteristische Ergebnis bestens bekannt: So manchen erinnert der Komet mit seinen zwei unterschiedlich großen Teilen, die durch einen dünneren "Hals" verbunden sind, an eine Badeente.

foto: esa/rosetta/navcam
Aufnahme von "Tschuri" aus einer Entfernung von 171 Kilometern.

Kollision oder Erosion?

Handelt es sich aber ursprünglich um zwei Teile, die zusammenstießen, oder um nur einen Brocken, der im Lauf der Zeit lokal stark erodierte? Schon im Frühjahr berichteten Forscher, dass Tschuris charakteristische Form wohl eher das Ergebnis einer Kollision zweier Objekte sein dürfte.

Mithilfe eines Computermodells simulierten sie, dass ein – sehr gemächlicher – Zusammenstoß zweier eisiger Brocken vor rund 4,5 Milliarden Jahren erst zu einem Materialaustausch zwischen den beiden und schließlich zu deren Vereinigung geführt haben dürfte. Ohne große Objekte, deren Schwerkrafteinwirkung stark beschleunigend wirkt, dürften solche Kollisionen damals eher sanft abgelaufen sein – was auch mit der geringen Dichte des Kometen zusammenpassen würde.

Neue Anhaltspunkte

Wissenschafter der Universität Padua bestätigen diese Theorie nun im Fachblatt "Nature". Das Team um Matteo Massironi untersuchte mittels hochauflösender Bilddaten des Rosetta-Kamerasystems OSIRIS sowie mit lokalen Gravitationsdaten und 3-D-Modellen die Materialschichten der beiden Teile des Kometen – und entdeckte dabei deutliche Anhaltspunkte für eine parallele, aber nicht gemeinsame Entwicklung.

foto: esa/rosetta/mps for osiris team mps/upd/lam/iaa/sso/inta/upm/dasp/ida
Im Vordergrund der "Kopf" des Kometen mit runden Materialeinlagerungen und glatter Oberfläche, im Hintergrund die unregelmäßige und kantigere Oberfläche des "Körpers".

"Die Bilder zeigen, dass beide Teile jeweils eine äußere Materialhülle aufweisen, die sehr charakteristisch organisiert ist. Wir glauben, dass sich das bis auf mehrere hundert Meter unter der Oberfläche fortsetzt", sagt Massironi. Zwar würden die bis zu 650 Meter tiefen Schichten des "Kometenrumpfes" denen des kleineren "Kopfes" stark ähneln. Ihre jeweils eigene, zwiebelartige Anordnung zeige aber, dass sie voneinander unabhängig entstanden sind.

Parallele, unabhängige Entstehung

"Man kann sich diese Schichtungen ein bisschen wie bei einer Zwiebel vorstellen – nur, dass es sich in dem Fall eben um zwei separate Zwiebeln mit unterschiedlicher Größe handelt", so der Forscher. Die beiden kleineren Ursprungskometen hätten demnach eine parallele Entwicklung durchgemacht, ehe sie aufeinandertrafen. (David Rennert, 28.9.2015)

  • Die Schichten der Kometenoberfläche im Überblick.
    foto: esa/rosetta/mps for osiris team mps/upd/lam/iaa/sso/inta/upm/dasp/ida; m. massironi et al (2015)

    Die Schichten der Kometenoberfläche im Überblick.

  • "Kopf" und "Rumpf" im Vergleich.
    foto: esa/rosetta/mps for osiris team mps/upd/lam/iaa/sso/inta/upm/dasp/ida; m. massironi et al (2015)

    "Kopf" und "Rumpf" im Vergleich.

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