Ein Sack Reis fällt in China um oder: Pferd tritt BMW

Blog28. September 2015, 15:01
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Ein geringfügiger Unfall, bei dem ein Pferd dem hinter ihm fahrenden Auto einen blechschädigenden Tritt versetzt, erhitzt die Onlinegemüter

Chinas Zeichen "Ma" (马) steht für ein Pferd, die Marke BMW wird kostbares Pferd "baoma" (宝马) und ein richtiges Pferd "zhenma" (真马) genannt. Was passiert eigentlich, wenn ein BMW auf einer Stadtrandnebenstraße, die Chinesen auch "Malu" (Pferdestraße) nennen, auf ein richtiges Pferd stößt, das ihn partout nicht vorbeilässt? – so wie es sich vergangene Woche in Nanchang, der Provinzhauptstadt von Südwestchinas Provinz Jiangxi, ereignete.

Der stolze BMW-Besitzer Herr Lu stimmte ungeduldig ein ohrenbetäubendes Hupkonzert gegen das vierbeinige Verkehrshindernis an. Worauf sich wiederum das Pferd des Herrn Cui so erschreckte, dass es nach hinten kräftig austrat und eine dicke Beule im Vorderflügel des Premiumwagens verursachte. Der Vorfall löste darauf einen erregten Streit zwischen den Herren Lu und Cui aus. Gaffer liefen zusammen, die Polizei griff ein und verschaffte dem Vorfall online landesweite Beachtung.

Der Mikroblog unter der Überschrift "Zhenma tritt Baoma" (Pferd tritt BMW) wurde innerhalb von 48 Stunden mehr als vier Millionen Mal angeklickt. Tausendfach wurden Fragen wie "Wer ist Schuld?", "Wer zahlt den Schaden?", "Was sagt die Polizei?" kommentiert. Im Voraus darf verraten werden, dass das echte Pferd gewann.

Spott für den Tritt

Das ganze Land lacht über ein Malheur in der Provinz, das offensichtlich so wichtig ist, wie wenn ein Sack Reis in China umfällt. Absurde Zwischenfälle können indes rasch zu Massenprotesten eskalieren – besonders wenn neureiche Angeber, Behörden, die sich hinter sie stellen und Luxuskarossen wie BMW verwickelt sind. Doch der Straffall Pferd gegen BMW löste sich in harmlosen Spott auf.

Pferdenarr Cui gehört zur neuen Mittelklasse junger Stadtbürger, die dem Reithobby frönen. Er kaufte sich ein Pferd, stellte es bei Bauern unter, holte es ab und an ab und führte es, wenn es durch die Vorstadt ging, am Zügel über den Nebenweg. Auch BMW-Fahrer Lu nutzte diesen Weg, weil er auf die Hauptstraße abbiegen wollte, und traf auf das Pferd.

Das bockte gerade, worauf der BMW-Fahrer wie verrückt seine Hupe betätigte. Das Pferd trat prompt nach hinten aus. Lu verlangte von Pferdehalter Cui, seine Schuld anzuerkennen. Pferde hätten auf der Straße nichts zu suchen und schon gar nicht seinen BMW zu lädieren. Cui kläffte zurück: "Andere kaufen sich Autos, ich halte mir ein Pferd. Das ist viel umweltfreundlicher!" Er behielt sich rechtliche Schritte vor, falls sich sein Pferd beim Tritt am Huf verletzt haben sollte.

BMW-Fahrer muss Schaden selbst bezahlen

Der herbeigeeilte Polizist Yu Fengwu konnte mit weisen Entscheidungen schlichten, schrieb am Donnerstag die "Beijing Times", die der Geschichte eine halbe Seite widmete. Weil Polizist Yu an der Straße nur Verbotsschilder gegen Hupen entdeckte, aber keines gegen das Ausführen von Pferden, verdonnerte er erstmal den BMW-Fahrer zu einer Geldbuße von 100 Yuan (13 Euro) für seine Huperei.

Auch müsse er für den Schaden an seinem Auto allein aufkommen. Das Pferd sei schließlich nicht frei herumgelaufen, sondern vom Besitzer am Zügel geführt worden. Der BMW-Fahrer, der gewohnt war, überall Vorfahrt zu erhalten, rief darauf die Polizeidirektion zu Hilfe. Doch auch die stellte sich hinter die Entscheidung des Beamten. Sie habe zudem nachforschen lassen. In Chinas Rechtsordnung gebe es keine Präzedenzfälle für "Pferd tritt BMW". (Johnny Erling aus Peking, 28.9.2015)

  • Der Artikel der "Beijing Times" über den Zwischenfall.
    foto: erling

    Der Artikel der "Beijing Times" über den Zwischenfall.

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