Kunden in USA entrüstet über "Abzocke"

28. September 2015, 10:25
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Umweltbewegte Kalifornier fühlen sich betrogen, selbst Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger macht in der Abgas-Affäre seinem Ärger Luft

Wolfsburg/Los Angeles – Am vergangenen Freitag erfuhr Chris Weldon vom schmutzigen Geheimnis unter der Haube seines Jetta SportWagen TDI. Das Auto des VW-Fahrers aus dem US-Bundesstaat Kalifornien ist vom Abgas-Skandal betroffen. Dem Jetta wurde eine Software eingebaut, mit der die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests manipuliert wird.

Der 44-jährige Videoproduzent aus San Francisco ist wütend. "Ich fühle mich abgezockt und für dumm verkauft, wie alle anderen auch", sagt Weldon, während er in besagtem Auto durch San Francisco pendelt. "Wenn ich fahre, habe ich das Gefühl, die ganze Gegend zu verpesten", sagt er. Mit Weldons Wagen sind in den USA etwa 482.000 Autos der Marken VW und der Tochter Audi betroffen. Tatsächlich stoßen diese vermeintlich sauberen Dieselautos bis zum Vierzigfachen des erlaubten Stickstoffoxidwertes aus. Der Schadstoff verursacht bekanntermaßen Atemwegserkrankungen.

"Es ist abstoßend"

Bevor der Skandal ans Licht kam, seien die Autos im umweltbewussten San Francisco "unglaublich beliebt" gewesen, sagt Weldon. Für einen Wagen, der einen kleineren Kohlenstoff-Fußabdruck hinterlasse, sei er überraschend leistungsstark gewesen. "Jetzt wissen wir warum", fügt er hinzu.

Die "Dieselgate"-Affäre trifft die Kalifornier, die in den USA Vorreiter in puncto Klimaschutz sind, besonders hart. "Es ist abstoßend", sagt Jono Marcus. Der 48-Jährige fährt einen VW Jetta TDI von 2013. Er ärgert sich nicht nur wegen des Wertverlustes. "Es geht um unsere Umwelt und das ist ein viel größeres Vergehen", sagt er. Der Betrug empört auch die kalifornische Prominenz: Er sei "höllisch wütend" auf VW, schrieb Actionstar und Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger bei Facebook. "Verbraucher wollen sauberere Autos und werden sich nicht mit weniger zufriedengeben", wetterte er.

Forderung nach Schadensersatz

Der umweltbewusste Bundesstaat Kalifornien ist Heimat des US-Elektroautopioniers Tesla. Während landesweit der Ford F-150 Pickup-Truck die Bestsellerlisten anführt, gehört das Hybridauto Toyota Prius zu den Lieblingsautos der Kalifornier. Ihrer Enttäuschung über die Abgas-Affäre machen sie auch beim Kurzmitteilungsdienst Twitter Luft. Unter den Hashtags "#dirtydiesel" und "#dieselgate" fordern sie Schadenersatz oder machen bittere Witze.

Die Abkürzung TDI ("Turbo Diesel Injection") stehe eigentlich für "Trickserei Dargestellt als Innovation", twittern die Nutzer. Es sei eine "Total Dumme Investition", sagt dazu Weldon. Nach Angaben von US-Medien sank der Wiederverkaufswert der betroffenen Autos gen Null.

Doch noch hat der scharf kritisierte VW-Konzern die Fahrzeuge nicht zurückgerufen. Wenn das Unternehmen sich erstmal geäußert habe, wie mit den betroffenen Fahrzeugen verfahren werden soll, hätten die Wagenbesitzer sechs Monate Zeit, Reparaturen durchzuführen oder das Auto von der Straße zu nehmen, teilt die kalifornische Umweltbehörde mit. Es handle sich um einen Skandal von "beispiellosem" Ausmaß, sagt Jaime Garza vom kalifornischen Verkehrsministerium. Doch noch sei es zu früh, um sagen zu können, wie es für Kaliforniens VW-Besitzer weitergehen werde.

Sammelklagen

Einige von ihnen ergreifen selbst die Initiative und wollen vor Gericht. Die in Seattle sitzende Anwaltskanzlei Hagens Berman wurde bereits von Tausenden betroffenen Fahrzeugbesitzern kontaktiert. Das Anwaltsbüro reichte in den USA drei landesweite Sammelklagen gegen den Konzern ein. Die Vorwürfe lauten: Etikettenschwindel, Vertragsbruch sowie Verletzung von Landes- und Bundesrecht. "VW hat das System betrogen", schreibt die Kanzlei in einer Mitteilung. Marcus und seine Frau erwägen, sich den Klagen anzuschließen, sollte VW das Problem nicht beheben.

Weldon überlegt hingegen, wie der Autobauer das Wohlwollen der Kunden zurückgewinnen und den Klagen entgehen könnte. Nach Ansicht des Kaliforniers müsste Volkswagen die komplette Verantwortung für die Konsequenzen des Betrugs übernehmen. "Es ist ein europäisches Unternehmen, vielleicht verhalten sie sich dort etwas erwachsener als in einer typisch nordamerikanischen Firma", sagt er.

Wie alle anderen Volkswagenbesitzer will auch er wissen, wie es nun weitergeht. Um die Wartezeit zu überbrücken, hat Weldon bereits formuliert, wie eine Entschuldigung des Konzerns aussehen könnte. Der Betreff des Schreibens: "Es tut uns so verdammt leid". Ginge es nach Weldon, würde VW den betrogenen Kunden anbieten, ihr Auto reparieren zu lassen oder es zurückzukaufen. Doch selbst wenn tatsächlich solch ein Entschuldigungsschreiben in seinem Briefkasten landen sollte, könnte es bereits zu spät sein. "Ich will keinen VW mehr fahren", sagt er. "Es ist eine Sache des Vertrauens." (APA, 28.9.2015)

  • Volkswagen büßt viel an Vertrauen ein.
    foto: reuters/dado ruvic

    Volkswagen büßt viel an Vertrauen ein.

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