"Balkanische Zustände" an der Grenze

27. September 2015, 17:49
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Vermeintliche Missverständnisse prägen die Beziehung Ungarns zu den Nachbarn

Den Zaun zu Slowenien ließ Ungarn bereits wenige Stunden nach Baubeginn wieder abreißen. Drei Lagen Stacheldrahtzaun hatten die ungarischen Soldaten begonnen. Der Grund: Am Mittwoch waren mehr Flüchtlinge als je zuvor über die Grenzen gekommen. Die Erklärung für den Abbruch des Baus: Es handle sich um ein Missverständnis. "Der Zaun wurde rein für Versuchszwecke aufgestellt", so Ungarns Innenminister Sándor Pintér am Samstag.

Am Montagmorgen werde er zur besseren Abstimmung mit seiner slowenischen Kollegin Vesna Györkös Znidar an der Grenze über gemeinsame Kontrollen beraten. Weniger versöhnliche Töne schlägt Ungarn in Richtung Kroatien ein. "Hören Sie auf, Ungarn und das ungarische Volk zu kritisieren", forderte Außenminister Péter Szijjártó den kroatischen Premierminister Zoran Milanovic am Samstag auf. Milanovic hatte sich erneut sehr kritisch über Ungarns Grenzzaunpolitik geäußert. Ungarische Sonderzüge befördern nach wie vor täglich tausende Flüchtlinge ohne Registrierung von der kroatisch-ungarischen zur ungarisch-österreichischen Grenze.

Funkstille zwischen Einsatzkräften

Von "balkanischen Zuständen" an den Grenzen berichtet András Siewert von Migration Aid dem STANDARD. "Die Behörden wissen genauso wenig wie wir", so der Flüchtlingshelfer. Die Kommunikation zwischen Helfern und Polizei sei in Ordnung. Zwischen den ungarischen und kroatischen Einsatzkräften herrsche jedoch "offenbar Funkstille".

Ungarns Südgrenze zu Serbien ist seit zwei Wochen für durchziehende Flüchtlinge de facto gesperrt. Dennoch kamen am Wochenende nach Angaben der ungarischen Polizei etwa 200 über die serbische Grenze. Der kroatische Innenminister Ranko Ostojic hatte am Samstag von geänderten Fluchtrouten in Richtung Horgos/Röszke gesprochen. Sogleich folgte das Dementi von Serbien: Es gebe keinen Korridor nach Ungarn, die Flüchtlinge würden selbst entscheiden, wohin sie von Belgrad aus reisen. (Daniela Neubacher aus Budapest, 28.9.2015)

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