Ein Nachtrag zur Hadsch

Analyse27. September 2015, 12:00
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Nach der Massenpanik mit fast 800 Toten fallen Äußerungen wie "Gottes Wille" und "Fehler der Pilger" – diese sind auch schon früher getätigt worden

Der Ärger über das saudische Missmanagement wuchs nach dem Statement eines saudischen Offiziellen, der die Verantwortung seiner Regierung an der Massenpanik bei der Hadsch mit 800 Toten zu negieren schien: Es sei "Gottes nicht zu ändernder Wille" gewesen, hatte er gesagt. Gleichzeitig stellte er in den Raum, dass die Pilger selbst schuld gewesen seien, weil sie die "offiziellen Anweisungen" nicht befolgt hätten. Diese Aussage zog, wie vorauszusehen, eine Antwort aus dem Iran nach sich, wo der religiöse Führer Ayatollah Khamenei die saudische Führung beschuldigte, dass ihr muslimische Leben völlig egal seien.

Bei diesem Text handelt es sich nicht um einen Bericht vom Hadsch-Unglück am Donnerstag, dessen Opferbilanz sich inzwischen bereits den 800 nähert (manche Verletzte werden noch sterben), sondern um einen Buchausschnitt aus "Islam in the World" von Malise Ruthven (3. Ausgabe). Er behandelt das große Hadsch-Unglück von 1990 mit mehr als 1.400 Toten. Der "saudische Offizielle", wie ich ihn genannt (und deshalb in Klammern gesetzt habe) war König Fahd, während der religiöse Führer des Iran damals wie heute der gleiche ist (Ayatollah Khomeini war 1989 gestorben). Der heutige saudische König, Salman, reagierte zwar anders, versprach Aufklärung und eine Revision der Hadsch-Regeln, aber die Statements von "Gottes Willen" und "Pilger haben sich falsch verhalten" sind von anderen gefallen.

Die Hadsch-Katastrophe von 1990 zog auch eine Verstimmung zwischen Saudi-Arabien und Indonesien nach sich, woher besonders viele verunglückte Pilger stammten. Die Saudis haben seitdem tatsächlich Unsummen in Ausbau und Logistik gesteckt. Oft – auch von Ruthven – wird darauf verwiesen, dass etwa das Maha Kumbh Mela Fest am Ganges bis zu zehn Millionen Hindu-Pilger involviert und solche Unglücke nicht vorkommen. Aber der Knackpunkt an der Hadsch sind eben die im Ritual vorgesehen Abläufe und Ortswechsel, besonders gegen Ende der Hadsch bei der bis zu zwei Millionen Menschen gleichzeitig bewegt werden.

Unklare Herkunft

Wer – als Nichtmuslim – über die Abläufe und ihre Bedeutung mehr wissen will, ist bei Ruthven gut aufgehoben. Das Ritual der Teufelssteinigung hat unklare und wohl heidnische Ursprünge, im Koran kommt es nicht vor. Auch die Deutung, dass das Bewerfen der drei Säulen mit Kieseln die Steinigung Satans darstellt, wird zwar nicht in Frage gestellt, ist aber eigentlich kanonisch nicht belegt.

Populär ist auch der Glaube, dass man, wenn man im Zustand der rituellen Reinheit (ihram) stirbt, die für die Vollziehung der Hadsch nötig ist, schon besonders nah am Paradies ist. Es ist aber keineswegs so, dass dieser fromme Glaube etwas mit "Todessehnsucht" oder gar Fanatismus zu tun hat. Das ist ganz normale Volksfrömmigkeit. Wohl niemand will auf der Hadsch sterben (und bei einem Unglück schon gar nicht), auch wenn das alte oder kranke Leute in ihrer Volksfrömmigkeit zu Hadsch-Antritt sogar proklamieren mögen.

Gefährliche Reise

Wie wichtig der Gedanke des besonderen Stands der Gnade ist zeigt, dass manche Gelehrte auch den Zustand eines Pilgers, der auf dem Weg zur Hadsch oder auf dem Rückweg von der Hadsch stirbt, als gesegnet anrechnen – obwohl sich der Pilger ja da nicht im Zustand der rituellen Reinheit befindet. Das hat natürlich historische Gründe: Die Reise nach Mekka war in früheren Zeiten tatsächlich mörderisch, dass man dabei umkam, war nicht so unwahrscheinlich. Im 19. Jahrhundert wurde die Reise zwar langsam leichter – aber damit stiegen die Pilgermassen und die Frequenz der Cholera-Epidemien in Mekka.

Zum Zustand der Gnade ist noch zu sagen, dass religiöse Lehrer im Allgemeinen betonen, dass die Hadsch keineswegs – wie es offenbar immer wieder geglaubt wird – Sünden auslöscht, also eine Art Ablass darstellt. Das wäre dann doch zu katholisch. (Gudrun Harrer, 27.9.2015)

  • Muslimische Pilger umkreisen die Kaaba in der Großen Moschee in Mekka.
    foto: apa/epa/amel pain

    Muslimische Pilger umkreisen die Kaaba in der Großen Moschee in Mekka.

  • Die im Ritual vorgesehen Abläufe und Ortswechsel – hier begeben sich die Pilger auf dem Weg zu einer Zeremonie in Mina – machen die Pilgerfahrt besonders gefährlich.
    foto: apa/epa/amel pain

    Die im Ritual vorgesehen Abläufe und Ortswechsel – hier begeben sich die Pilger auf dem Weg zu einer Zeremonie in Mina – machen die Pilgerfahrt besonders gefährlich.

  • Bereits im Jahr 2006 kam es in Mina zu einer Massenpanik mit mehr als 360 Toten, das schlimmste Unglück ereignete sich aber 1990, als in einem Tunnel zwischen Mekka und Mina ein tödliches Gedränge entsteht und mehr als 1.400 Pilger ersticken oder zu Tode getrampelt werden.
    foto: ap photo/muhammed muheisen

    Bereits im Jahr 2006 kam es in Mina zu einer Massenpanik mit mehr als 360 Toten, das schlimmste Unglück ereignete sich aber 1990, als in einem Tunnel zwischen Mekka und Mina ein tödliches Gedränge entsteht und mehr als 1.400 Pilger ersticken oder zu Tode getrampelt werden.

  • Der saudische König Salman in der Großen Moschee in Mekka Mitte September.
    foto: apa/epa/saudi press agency

    Der saudische König Salman in der Großen Moschee in Mekka Mitte September.

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