Der "Nato-Zaun" als Symbol für die Festung Europa

27. September 2015, 10:34
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Nach dem Draht mit den scharfen Klingen herrscht große Nachfrage, doch Anbieter scheuen das Licht der Öffentlichkeit – Kostenschätzung: Bis zu 100.000 Euro pro Kilometer

Wien – Erst war es die Finanz- und Schuldenkrise, die früher undenkbare Regelverstöße in der EU salonfähig gemacht hat, nun hat die Flüchtlingskrise einen weiteren Tabubruch zur Folge: Mitten in Europa werden neue Zäune errichtet. Die Nachfrage nach dem berüchtigten "Nato-Draht" mit messerscharfen Klingen ist groß, aber viele Anbieter fürchten negative Berichterstattung und verzichten auf das Geschäft.

In Österreich hat FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache vor kurzem einen Grenzzaun nach ungarischem Vorbild gefordert. Zäune seien notwendig, weil die EU beim Schutz der EU-Außengrenzen versage, erklärte Strache in einem Zeitungsinterview.

Der ungarische Premier Viktor Orbán sorgt sich unterdessen um den Nachschub an Nato-Draht. Ungarn müsse bereits Draht aus China importieren, denn "es gibt in Europa nicht so viel Draht, wie wir benötigen", erklärte er bei seinem Besuch in Wien.

Das liegt aber nicht etwa an fehlenden Produktionskapazitäten, vielmehr befürchten Hersteller und Händler eine negative Berichterstattung. So hatte der deutsche Draht-Großhändler Mutanox medienwirksam erklärt, auf eine Anfrage aus Ungarn kein Angebot gelegt zu haben, weil man den geplanten Einsatz beim Grenzschutz ablehne.

Die Schätzungen, was die Errichtung eines Nato-Zauns an der österreichischen Grenze kosten würde, gehen stark auseinander. Ein österreichischer Zaunanbieter bezifferte auf APA-Anfrage die Kosten je nach Ausführung und Gesamtlänge mit 60.000 bis 100.000 Euro je Kilometer – "aber eher an der oberen Grenze dieser Bandbreite". Wegen der hohen Verletzungsgefahr für die Arbeiter sei die Montage deutlich teurer als bei herkömmlichen Zäunen. Man wäre durchaus bereit, einen Grenzzaun zu errichten, erklärte der Anbieter der APA – "aber bitte erwähnen Sie den Namen unseres Unternehmens unter keinen Umständen. Das Thema ist politisch sehr heikel."

Nato-Draht (die offizielle deutsche Bezeichnung ist "Widerhaken-Sperrdraht") ist eine besondere Variante des Stacheldrahts. Dabei werden mit kleinen Klingen bestückte Drähte in Rollen gedreht, die als Zaunelemente verwendet werden. Solche Nato-Zäune sind sehr schwer zu durchsteigen, weil man an den scharfen Klingen hängen bleibt. Der Name "Nato-Draht" stammt daher, dass der Draht vom deutschen Nato-verbündeten USA nach Deutschland eingeführt wurde und lange nur im Militärbereich verwendet wurde. Heute wird Nato-Draht auch im privaten Bereich eingesetzt, allerdings ist die Verletzungsgefahr vor allem für Kinder sehr groß. (APA, 27.9.2015)

  • "Widerhaken-Sperrdraht"
    foto: epa/zoltan mathe

    "Widerhaken-Sperrdraht"

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