Gewalt in der Familie: Wie über das Geschehene sprechen?

Kolumne27. September 2015, 17:00
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Wie kann man dem eigenen Kind helfen, das Opfer des anderen Elternteils wurde?

Frage

Ich bin Mutter eines kleinen Mädchens, das von seinem Vater missbraucht wurde. Es ist bereits seit längerer Zeit in therapeutischer Behandlung, wobei sich nach und nach herausstellt, dass es sich wohl um schwere Körperverletzung handelte.

Sie ist im Grunde ein sehr einfallsreiches Mädchen, das seine Probleme keinem zeigt und gute Ausreden findet, um in seiner eigenen gedanklichen Welt bleiben zu können, ohne dass es jemandem auffällt. Da sie noch keine zehn Jahre alt ist, ist es auch schwer für uns beide, gut über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Was mich so sehr überrascht, ist, dass es für mich so lange unentdeckt blieb. Denn immer, wenn meine Tochter ihren Vater sah, hat sie sich gefreut und ihn umarmt. Die Probleme tauchten erst schleichend, nachdem er wieder weg war, auf. Es war mir nicht bewusst, dass in dieser engen Beziehung Grenzen überschritten wurden.

Das war auch der Grund, warum es so lange (zu lange) gedauert hat, bis ich anfing, diese Beziehung zu hinterfragen und nachzuforschen. Ich war überzeugt: "Hier kann nichts Schlechtes passieren, wenn sie sich so freut, ihren Vater zu sehen."

Außerdem dachte ich von mir selbst, dass mein Verständnis der grundsätzlichen Werte in meinen Beziehungen zu Menschen in meinem Umfeld ganz gut wäre. Doch nun muss ich all das neu überdenken. Es fällt mir schwer, mich der Tatsache zu stellen, dass der Vater meiner Tochter sie mit ganz anderen Augen gesehen hat als ich.

Dass dieser Mann trotz seiner liebevollen Art, seiner Umarmungen und netten Geschenke für meine Tochter gefährlich ist, was sie auch noch nicht versteht – zumindest bis jetzt.

Meine Frage ist deshalb, ob Sie mir mit Ihren Überlegungen zum Thema Missbrauch in der Familie etwas mehr sagen können, das mir vielleicht weiterhilft.

Antwort

Kinder haben 290 Prozent Vertrauen in ihre Eltern. Wenn also ein Elternteil das Kind missbraucht und Kinder dabei ein "Papa liebt dich so sehr" im Zusammenhang mit einer Forderung nach einer missbräuchlichen Handlung hören, so unterdrücken die meisten Kinder ihre eigenen Gefühle und Instinkte. Sie glauben demnach fest daran, dass es sich dabei um Liebe handeln muss.

Das erklärt auch, warum relativ viele Missbrauchsopfer selbst als Jugendliche oder Erwachsene zu Übergriffen neigen. Näher betrachtet zeigt sich hier ein allgemeines Phänomen, nämlich jenes, dass wir in unserer Kindheit in unserer eigenen Familie lernen, wie wir liebevolle Gefühle in liebevolle Handlungen übersetzen.

Diese Tendenz, unsere eigenen Eltern zu kopieren – egal ob wir gute oder schlechte Erinnerungen daran haben –, ist eine der großen existenziellen Herausforderungen des Eltern-Seins. Es sei denn, man hatte Eltern als leuchtende Vorbilder.

Gerade deshalb ist es auch wichtig, dass Kinder, die Opfer von Gewalt oder Missbrauch wurden, Behandlungsmöglichkeiten erhalten und so das Risiko eines "Rückfalls" reduziert wird. Eine Therapie hilft nicht zuletzt auch, um in Kontakt mit den eigenen Gefühlen, Gedanken und Erfahren zu kommen und diese mit einem neutralen Erwachsenen aufzuarbeiten, dem vertraut wird.

Manche Kinder reagieren damit, "den eigenen Körper zu verlassen", um zu vermeiden, in Kontakt mit den eigenen Gefühlen zu kommen. Ein Drehknopf, der während des Missbrauchs betätigt wurde. Das ist für den Moment eine brillante Überlebensstrategie, aber auch eine Strategie, die man später im Leben teuer bezahlen muss, wenn es darum geht, Zugang zu den eigenen Gefühlen zu haben, die eigene Sexualität miteingeschlossen.

Ihre Tochter liebt ihren Vater bedingungslos und ist kaum alt genug, um ihn moralisch zu verurteilen. Für ihre Zukunft als Person und als Frau ist entscheidend, dass der Vater seine Schuld eingesteht. Wenn nicht, dann wird seine Tochter mit einer oft lebenslangen Last der Schuld konfrontiert sein. Selbst für einen sehr erfahrenen Therapeuten wird es so schwierig werden, ihr zu helfen. Eine Ihrer wichtigsten Aufgaben ist es nun, den größten Teil Ihrer Aufmerksamkeit darauf zu richten, was Ihre Tochter sonst alles ist – außer das Opfer ihres Vaters.

Je mehr Erfolg Sie dabei haben, umso mehr wird sie sich öffnen und in der Lage sein, über das Geschehene zu sprechen und dadurch auch über ihre Gefühle und Gedanken. Nach und nach wird sie dann aus gutem Grund anfangen, sich selbst zu fragen, ob und wie ihr ein Therapeut helfen kann oder nicht. (Jesper Juul, 27.9.2015)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

    <p>"Existentielle Einsamkeit" hängt nicht damit zusammen wie viele Freunde jemand hat, oder ob sich jemand von seinen (Adoptiv-) Eltern geliebt fühlt, sagt Jesper Juul</p>
  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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