Maly Trostinec: Die Toten haben ein Recht auf ihre Namen

27. September 2015, 09:00
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An keinem anderen Ort wurden so viele Jüdinnen und Juden aus Österreich gequält und ermordet. Bis heute erinnert kein Grabstein an sie

Er ist in demselben Bezirk Wiens aufgewachsen wie ich, ganz in der Nähe meiner Wohnung in die Schule gegangen, hat dieselben Parks durchstreift. Paul Czaczkes war ein Wiedner Bub, der in der Belvederegasse gelebt und die "Ressel-Realschule" besucht hat. Heute beherbergt die Schulanlage das BRG Waltergasse und bringt mit ihrem Baumbestand Grün ins Grätzl. Im Schatten dieser Bäume hat auch Paul einst gespielt, gerauft, geträumt – oder sich versteckt.

Als er nicht einmal zwölf war, im April 1938, wurde er aus der 2. Klasse seiner Schule ausgeschlossen. Er musste wie andere jüdische Kinder eine sogenannte Sammelschule besuchen, bis schließlich auch dort kein Bleiben mehr war. Paul Czaczkes, damals 15, seine verwitwete und wiederverheiratete Mutter Anna Rosenfeld und seine jüngere Schwester Anita Rosenfeld wurden im Juni 1942 nach Maly Trostinec deportiert. Das bedeutete: Sie wurden ermordet.

Aus Maly Trostinec gab es kein Entkommen. Zwischen Mai und Oktober 1942 trafen dort insgesamt 16 Züge mit mehr als 15.000 Menschen aus Wien, Theresienstadt, Köln, Berlin und Königsberg ein. Die meisten, an die 10.000 Männer, Frauen und Kinder, kamen aus Wien. Diejenigen, die den tagelangen Transport unter unmenschlichen Bedingungen überlebt hatten, wurden sofort nach dem Verlassen der Züge erschossen oder in mobilen Gaswägen erstickt. Das geschah gemäß einer Anordnung des Chefs des nationalsozialistischen Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich. Als "Exekutionsstätte" wurde ein Wäldchen in einiger Entfernung vom Gut Maly Trostinec, einer ehemaligen Kolchose, ausgewählt. Ein Massengrab im Südosten von Minsk, heutiges Weißrussland. An keinem anderen Ort wurden so viele Jüdinnen und Juden aus Österreich misshandelt, gequält und ihres Lebens beraubt. Kein Grabstein erinnert an sie.

Die Wienerin Waltraud Barton, die dort auch ihre ermordeten Verwandten Malvine Barton und Rosa, Viktor und Herta Ranzenhofer betrauert, kämpft seit Jahren gegen das Ignorieren dieser Tatsache: "Ohne Grabmal bleiben sie die, zu denen man sie vor über 70 Jahren gemacht hat: Ausgestoßene." Ende Mai dieses Jahres hat die Mediatorin und Gründerin des Vereins IM-MER (Initiative Malvine – Maly Trostinec erinnern) die siebente Gedenkreise nach Maly Trostinec unternommen, unterstützt vom Außenministerium und vom "Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus".

Menschen aus sechs Nationen sind ihr gefolgt: Sergio aus Chile, Asher und Jerry aus Israel, Eric und Michael aus der Schweiz, Marga aus den Niederlanden, Lynda aus den USA und sechs Österreicherinnen und Österreicher: Fiona, Enzo, Laura, Manfred, Waltraud und Doris. Zwischen 17 und 80 sind wir alt, viele von uns auf den Spuren von Vorfahren und Verwandten, alle im Bewusstsein, dass Erinnern wichtig für die Zukunft ist – und dass die Toten ein Recht auf ihre Namen haben.

Jeder und jede hat gelbe Namensschilder mit, einzeln und liebevoll laminiert von Waltraud Barton, versehen mit Geburts- und Todesdaten: Paul Czaczkes, Anna Rosenfeld, Anita Rosenfeld, Charlotte Engelberg ... Wir halten sie in unseren Armen, wir drücken sie an uns, bevor wir die Schilder zu den schon in den Jahren zuvor angebrachten an die Stämme der Bäume binden, die heute auf dem großen Grab der Ermordeten stehen. Fritz Meisel, Sophie Spitzer, Siegfried Reiss, Abraham Singer, Berta Andacht, Chaja Andacht ... ja, es soll eine Andacht hier sein, sagt der 80-jährige Jerry aus Israel. Chaja war seine Großmutter.

Nicht gleichgültig bleiben

Am nächsten Tag führt uns eine Trauerfeier an den Rand des ehemaligen Minsker Ghettos. Dort, wo einst der jüdische Friedhof war, erinnern Gedenksteine an die Jüdinnen und Juden, die im November 1941 aus deutschen Städten ins Minsker Ghetto deportiert und später ermordet worden sind. Unsere Jüngsten, 17, 20 und 24 Jahre alt, lehnen einen Kranz an den Stein, den 2009 die Republik Österreich gestiftet hat, und entzünden Kerzen.

"Man kann nicht hier sein und gleichgültig bleiben", ein katholischer, ein russisch-orthodoxer und ein protestantischer Geistlicher teilen ihre Gedanken mit. Rabbi Grigorij Abramovich spricht das jüdische Totengebet, das Kaddisch, und ruft damit den Namen Gottes an. "Sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen ..." Allein durch seine Anwesenheit schlägt der Rabbiner die Brücke zum lebendigen Judentum der Gegenwart. Die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten hat nicht das letzte Wort.

Am Abend ist unsere Reisegruppe in der progressiven jüdischen Gemeinde von Rabbi Abramovich "Cheled Simcha" zum Fest des Jom Jeruschalaim, des Jerusalem-Tages, eingeladen. Auch zwei Überlebende aus dem Minsker Ghetto feiern mit. Frida Reisman und Maja Lewina-Krapina waren Kinder, als sie in diversen Verstecken unter unglaublichen Bedingungen überlebten. Die kleine Maja ist mehrere Tage hindurch mit ihren Geschwistern zu jenem Galgen gelaufen, an dem ihre tote Mutter hing.

Tief berührende Monumente wie jenes von Elsa Pollack und Leonid Lewin erinnern an das verheerende und vernichtende Treiben der Nationalsozialisten im heutigen Weißrussland. Unsere Reiseführerin und Übersetzerin Tatjana zeigt auch diese Stätten; unter anderem die nationale Gedenkstätte Chatyn, die bezeugt, dass ganze Dörfer von der deutschen SS ausgelöscht wurden.

Andere Dörfer und Städtchen stehen noch, die kleinen farbigen Häuser umgeben von Birken, in ihrem Zentrum Kirchen mit goldenen Kuppeln neben alten Synagogen. Marc Chagalls Bilder – der Maler ist nicht weit entfernt im weißrussischen Witebsk aufgewachsen – erstehen aus dem Gedächtnis und vermischen sich mit der Realität.

Wir sind in Mir, einer Kleinstadt, die übersetzt sowohl "Frieden" als auch "Welt" heißt. Shmuel Oswald Rufeisen hat hier überlebt, weil sich der gebürtige und perfekt Deutsch sprechende jüdische Pole als Volksdeutscher ausgeben konnte. Er arbeitete für die deutsche Polizei und trug die Uniform der Gestapo. Gleichzeitig hielt er Kontakt zu jüdischen Partisanen in den Wäldern, informierte sie über die Pläne der NS-Deutschen und versorgte sie mit Waffen.

Die Unbeugsamen

Als im August 1942 das Ghetto im Schloss Mir liquidiert werden sollte, gelang es Rufeisen, die dortigen Jüdinnen und Juden zu warnen. Auch er selbst floh und konnte sich in einem Nonnenkloster verstecken. Die Erfahrungen, die er dort machte, bewegten ihn dazu, Christ zu werden. Später schloss er sich den Partisanen an. Nach dem Krieg trat Rufeisen in den Karmeliterorden ein und nahm den Ordensnamen Daniel an, weil er wie der Prophet Daniel unversehrt die Löwengrube hatte verlassen können. Pater Daniel Oswald Rufeisen wurde katholischer Priester in Israel und führte seine Gemeinde im Sinne der Jerusalemer Urgemeinde, die die Verbindung zum Judentum nie aufgegeben hatte.

Mit dieser und anderen Biografien ist die kleine Reisegruppe konfrontiert, die aus verschiedenen Erdteilen nach Weißrussland gefunden hat. In jenes Land also, das als letzte Diktatur Europas bezeichnet wird und in dem auch noch 2015 an vielen Orten ein sowjetischer Geist zu spüren ist – aber auch ein Geist des Widerstands gegen das nationalsozialistische Morden.

Die Reisenden werden an Ort und Stelle mit dem Widerstand der Jüdinnen und Juden aus dem Ghetto in Novogrudok konfrontiert. Durch eine atemberaubende Aktion, einen geheim gehaltenen Tunnelbau, ist es vielen gelungen, dem Tod zu entkommen – und sich den Partisanen anzuschließen. Verfilmt wurde der spektakuläre Ausbruch dieser Unbeugsamen mit Daniel Craig und anderen Hollywood-Stars unter dem Titel Defiance – Für meine Brüder, die niemals aufgaben. Nicht nur die Jüngeren unserer Gruppe kennen ihn. Als ich meinem Sohn direkt aus Novogrudok den Film-Link nach London maile, wo er derzeit als Gedenkdiener am London Jewish Cultural Center arbeitet, erfahre ich, dass das LJCC in engem Kontakt mit Jack – Jidel – Kagan steht, jenem Holocaust Survivor, dem einst als Bub trotz der im Ghetto amputierter, weil erfrorener, Zehen die Flucht durch den Tunnel gelungen ist.

Bevor der Gedenkdienst meinen Sohn nach London geführt hat, ist er auch im vierten Bezirk Wiens aufgewachsen. Ein Wiedner Bub, dessen Lebensraum sich zwischen Belvedere und Karlsplatz erstreckt hat, der auf die Bäume in den Parks geklettert, hier zur Schule gegangen ist. (Doris Appel aus Maly Trostinec, 27.9.2015)


Waltraud Barton (Hg.): "Maly Trostinec – Das Totenbuch. Den Toten ihre Namen geben" (Edition Ausblick), wird am 1. Oktober im Jüdischen Museum Wien präsentiert.

Am 5. Oktober 2015, dem Jahrestag des letzten Transports, werden öffentlich alle Namen der aus Wien deportierten und ermordeten Menschen verlesen, an jenem Ort, an dem sich früher der Aspangbahnhof befand und der heute "Platz der Opfer der Deportation" heißt.

Link
www.IM-MER.at

  • Jeder und jede auf dieser Reise hat gelbe Namensschilder mit, einzeln und liebevoll laminiert von der Projekt-Initiatorin Waltraud Barton, versehen mit Geburts- und Todesdaten.
    fotos: manfred haselgruber

    Jeder und jede auf dieser Reise hat gelbe Namensschilder mit, einzeln und liebevoll laminiert von der Projekt-Initiatorin Waltraud Barton, versehen mit Geburts- und Todesdaten.

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