US-Republikaner John Boehner nimmt lachend den Hut

25. September 2015, 21:36
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Nach Druck vom rechten Flügel der Partei – Boehner leitet seit 2007 die republikanische Fraktion im Repräsentantenhaus

Nachdem er den Papst verabschiedet hatte, lachte er noch, als ihn Journalisten nach Rücktrittsgedanken fragten. Er habe den Heiligen Vater zu einer Rede vor dem Kongress bewegen können und damit alles erreicht, was er erreichen wollte, sagte John Boehner.

Wie gerührt er war, konnte man sehen, als Franziskus sprach und er im Sessel des Speakers direkt hinter ihm saß, bisweilen zum Taschentuch greifend, um Tränen wegzuwischen. Dass sich der Katholik aus Ohio mit der päpstlichen Visite einen Lebenstraum erfüllte, veranlasste Reporter prompt zu der Frage, ob dies vielleicht bedeute, dass er nun seinen Hut nehme.

Rücktritt Ende Oktober

Das war am Donnerstag, und am Freitag wurde tatsächlich wahr, worüber man zunächst nur gescherzt hatte. Er fühle sich gut, sagte er zu seinem Rücktrittsentschluss – und zu einem möglichen Nachfolger befragt, meinte er, Kevin McCarthy wäre eine "exzellente Wahl". Der 50-Jährige ist Fraktionschef der Republikaner in der Kongresskammer.

Ende Oktober räumt Boehner den Posten des Speakers, des Vorsitzenden des amerikanischen Repräsentantenhauses. Es ist ein Paukenschlag, aber einer mit Ansage. Denn das Eis, auf dem sich der 65-Jährige bewegte, ein Konservativer alter Schule, wurde mit der Zeit immer dünner. Immer weniger hatte er die Rebellen in der eigenen Partei unter Kontrolle.

Jüngere Republikaner, mit der Tea-Party-Welle ins Parlament gekommen, halten den alten Hasen seit langem für zu kompromissbereit. Der Geist der Revolte gegen das politische Establishment, wie er die Seiteneinsteiger Donald Trump, Carly Fiorina und Ben Carson beim Kandidatenausscheid der Konservativen den Ton angeben lässt, weht auch durch die Legislative.

Gegen härteren Kurs

Im Ringen um staatliche Zuschüsse für "Planned Parenthood", eine Organisation, die für Frauen in Not Abtreibungen vermittelt, zeigte sich Boehner zuletzt nicht bereit, einen härteren Kurs zu fahren.

Einen Shutdown, eine Teilschließung der Bundesbehörden, will er nach der Blamage des Shutdown-Herbstes 2013 nicht noch einmal riskieren. Anders die Hardliner, die eine neuerliche Machtprobe mit dem Kabinett Barack Obamas regelrecht vom Zaun zu brechen versuchen.

Auf der Tea-Party-Welle

Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass Boehner – den Obama am Freitag als "guten Mann" und "Patrioten" würdigte – einst selbst auf der Tea-Party-Welle surfte, um es auf den Spitzenposten des Parlaments zu schaffen. Im November 2010 – die um sich greifende Angst vor einer Schuldenlawine ließ Radikalsparer im Aufwind segeln – holten sich die Republikaner die Mehrheit im Abgeordnetenhaus zurück. Boehner, der Strippenzieher aus der konservativen Mitte, war im Zenit seiner Macht angelangt, er hatte seinen Aufstieg aus einfachsten Verhältnissen gekrönt.

Als Kind, eines von zwölf Geschwistern, spülte er in der Kneipe seines Vaters Geschirr. Sein Studium finanzierte er sich, indem er nachts die Fußböden einer Pharmafabrik wischte. Später machte er als Manager Karriere und wechselte von den Demokraten zu den Republikanern, weil die niedrigere Steuern versprachen.

Parteiübergreifender Deal mit Obama

Im Sommer 2011, da stand Uncle Sam im Poker um die Schuldenobergrenze kurz vor der Bankrotterklärung, bastelte er mit Obama an einem Deal, der Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen auf zehn Jahre hinaus so kombinieren sollte, dass dem Land weitere fiskalische Gratwanderungen erspart blieben.

Weit kam er nicht: Die "Jungtürken" der konservativen Rebellenbewegung zogen ihm die Beine so gründlich weg, dass sich Boehner nie wirklich davon erholte. (Frank Herrmann, 25.9.2015)

  • John Boehner am Donnerstag, als der Papst seine Rede vor dem US-Kongress hielt. Boehner war maßgeblich daran beteiligt, dass der Papst eine Einladung in den Kongress akzeptierte. Boehner hatte auch eine kurze private Audienz, bevor Papst Franziskus vor den versammelten Kongress trat.
    foto: ap photo/susan walsh

    John Boehner am Donnerstag, als der Papst seine Rede vor dem US-Kongress hielt. Boehner war maßgeblich daran beteiligt, dass der Papst eine Einladung in den Kongress akzeptierte. Boehner hatte auch eine kurze private Audienz, bevor Papst Franziskus vor den versammelten Kongress trat.

  • Innerparteiliche Grabenkämpfe sollen zur Rücktrittserklärung geführt haben.
    foto: epa/jim lo scalzo

    Innerparteiliche Grabenkämpfe sollen zur Rücktrittserklärung geführt haben.

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