Tumoren wegimpfen

28. September 2015, 09:00
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Krebs versteckt sich vor dem körpereigenen Abwehrsystem – mit den neuen Immuntherapien werden entartete Zellen enttarnt. Ein Überblick

Tübingen – Es gibt in der Medizin Worte, die man nur ungern in den Mund nimmt. Durchbruch etwa. Davon gibt es ausgesprochen wenige. In der Krebsmedizin – das Thema der ECC-Konferenz – gibt es einen solchen. Er ist seit der Entschlüsselung des Genoms das Resultat von 15 Jahren Forschung.

Ähnlich wie bei Aids könnte es nun auch bei Krebs neue Kombinationstherapien geben, die die Erkrankung in Schach halten. Und das nicht mehr nur für Monate, sogar Jahre könne man den Tumorenabtrotzen. Grund für den Optimismus ist die Immuntherapie. Sie ist wissenschaftlich ein Durchbruch, denn erstmals ist es gelungen, das körpereigene Abwehrsystem gegen die Tumoren scharfzumachen.

Und das nicht nur auf einem einzigen Weg. Im Prinzip gibt es drei Arten von Immuntherapien. Eine von ihnen, die Checkpoint-Inhibitoren, hat auch bereits das Leben einiger Patienten verlängert, vor allem die von schwerkranken Hautkrebs- und Lungenkrebspatienten. Die Checkpoint-Inhibitoren lösen die Bremsen des Abwehrsystems, die der Tumor zum Teil selbst aktiviert hat, und machen ihn für die körpereigenen zellulären Killerkommandos angreifbar. Etwa ein Fünftel der Patienten profitiert von dieser so neu entfesselten Abwehr.

Wie eine Tarnkappe

Allerdings klappt es nur dann, wenn der Krebs die T-Zellen zu sich vordringen lässt. Das ist in immerhin 50 bis 60 Prozent der Erkrankungen aber nicht der Fall. "Krebs versteckt sich hinter einer Art molekularer Tarnkappe", sagt Kees Meliefs. Sie gelte es aufzubrechen.

Der Niederländer ist ein Urgestein auf dem Gebiet der Tumorimmunologie. Über Jahrzehnte leitete er die Fachabteilung an der Universität Leiden. Inzwischen ist er Geschäftsführer von ISA Pharmaceuticals, einem Unternehmen, das Technologien anbietet, um individuell Impfstoffe gegen Tumoren zu entwickeln. Dazu aber muss das Immunsystem Krebszellen erkennen.

Um Tumoren zu demaskieren, suchen Mediziner Angriffspunkte: In der Vergangenheit hieß das oft, die Lebens- und Teilungsfähigkeit entarteter Zellen zu blockieren, um das Wachstum zu stoppen. "Das funktioniert auch", sagt Meliefs, "etwa bei Brustkrebs, aber gesunde Zellen wachsen und teilen sich, und sie tragen ebenfalls diese Merkmale", fügt er hinzu. Die besseren Angriffspunkte, sagt er, seien bösartige Mutationen.

Das sind winzige Veränderungen im Erbgut, die dafür sorgen, dass Zellen entarten, unkontrolliert wachsen und es schaffen, sich vor der Körperabwehr zu verstecken. Eine Mutation in dem Protein IDH1 etwa kommt ausschließlich im Gehirn vor. Die Veränderung lässt seltene Hirntumoren entstehen. Gliome heißen sie. Michael Platten, Neuroonkologe vom Deutschen Krebsforschungszentrum, ist auf diese Form von Krebs spezialisiert und sammelt Patienten. Es sind Menschen mit besonders schlechten Überlebenschancen.

An acht Zentren soll im Rahmen einer klinischen Studie ein kleines Stück des mutierten Proteins durch Patientenblut fließen. Wissenschafter aus Heidelberg und Tübingen haben es nachgebaut. Es ist nicht lang, aber gerade so, dass das Immunsystem das bösartige IDH1 erkennen kann. Und dann, so hofft Platten, sollten die Abwehrzellen im Körper den Tumor bekämpfen. Getestet haben die Mediziner das Prinzip in Mäusen. Dort hat es funktioniert.

Individuelle Cocktails

Die Gliome, die Platten bekämpfen will, tragen ihre Veränderung nur an einer einzigen Stelle. "Das macht es einfacher", sagt er selbst. Die meisten anderen Tumoren hingegen zeichnen sich durch vielfältige genetische Veränderungen aus. Der Niederländer Kees Meliefs verfolgt eine fast unvorstellbare Idee: eine individuelle Impfung. Er will mithilfe von Gentests Tumoren nach charakteristischen Veränderungen absuchen. "Mutationen sind besonders geeignet", sagt er. Denn auf diese Weise könne man sicher sein, dass das Abwehrsystem nicht die gesunden Körperzellen bekämpft.

Er ist mit dieser Idee nicht allein. In Tübingen etwa, beim Unternehmen Immatics, hat man ein Verfahren entwickelt, das innerhalb kurzer Zeit aus einer Tumorprobe Mutationen aufdecken kann. Anhand dieser Merkmale bauen die Wissenschafter kurze Eiweißstränge zusammen. "Und diese werden vom Immunsystem erkannt, wenn sie ins Blut gespritzt werden", sagt Meliefs.

Sogenannte dendritische Zellen wandern mit ihnen in die Lymphknoten, wo sie dann die kämpferischen T-Zellen aktivieren sollen. Mit einer Krebsform, den Nierenzellkarzinomen, sind die Tübinger bereits weit vorangeschritten. In Kürze, so heißt es, sollen die Daten in einer Zulassungsstudie vorgestellt werden. Prinzipiell aber sollte sich das Verfahren auf andere Krebsformen anwenden lassen.

Das aber stellt die Zulassungsbehörden vor neue Herausforderungen. Wie sollen Therapien geprüft werden, die auf jeweils einen Patienten ausgerichtet sind? Das Genehmigungsverfahren für solche Tumorimpfungen ist aufwendig. "In solchen Fällen kann nicht mehr das Endprodukt, also die Impfung, sondern es muss der gesamte Prozess von der Feststellung der geeigneten Mutationen bis zur Herstellung des fertigen Impfstoffs zugelassen werden", sagt Michael Platten.

Und die Nebenwirkungen? Bislang werden sie in großen Patientengruppen gesammelt. Gerade die Aktivierung des Immunsystems kann auch mit erheblichen Risiken verbunden sein, wie Onkologen von den Checkpoint-Inhibitoren gelernt haben. Sowohl Platten als auch Meliefs halten das Risiko für ausgesprochen gering. "Wir gehen Strukturen an, die sonst im Körper nicht zu finden sind", sagt Meliefs, fügt aber hinzu, dass die Patienten einer strengen Kontrolle unterliegen sollten.

Work in Progress

Doch es bleiben Fragen: Gerade an der Wandelbarkeit der Tumoren scheitern bisherige Therapien, weil sie mit der Zeit wirkungslos werden. Wie also können Impfungen, die einige wenige Merkmale erkennen, aggressive Tumoren vollständig bekämpfen? "Hier kommt die Kombinationstherapie ins Spiel", sagt Meliefs.

Von den Checkpoint-Inhibitoren weiß man inzwischen, dass abwehrende Tumoren etwa durch eine Strahlentherapie angreifbar gemacht werden. Ähnliches glaubt Meliefs von den Impfungen. "Wir werden künftig zwei, drei oder vier Wege haben, die Krebsgeschwüre zu bekämpfen", sagt er. (Edda Grabar, 28.9.2015)

PatientInnen-Tag beim ECC 2015:

Am letzten Kongresstag findet ein Informationsnachmittag für Patienten statt. Di, 29.9.2015, 15.45 Uhr bis 18.30, Messe Wien. Link zum Programm.

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