Raoul Schrott: "Die Kunst, an nichts zu glauben"

2. Oktober 2015, 10:46
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Der Autor legt nach zehn Jahren wieder einen Gedichtband vor. Ein Vorabdruck

Geografische, literarische, geistige und auch geistesgeschichtliche Suchbewegungen sind vielen Büchern der umfangreichen und für manche zu vielseitigen Publikationsliste des Schriftstellers Raoul Schrott eingeschrieben. Und einer Spurensuche gleicht in Teilen auch Die Kunst, an nichts zu glauben, der neue Lyrikband des 1964 geborenen, gegenwärtig im Bregenzerwald ansässigen Autors.

Alles beginnt mit den Mosaiken von Ravenna – und einem aus dem Latein ins Italienische übersetzten Text in der Biblioteca Classense. Sein Titel: Manuale Dell' Esistenza Transitoria (De Arte Nihil Credendi), zu Deutsch: Handbuch der transitorischen Existenz (Von der Kunst, an nichts zu glauben). Der Urheber des Textes ist unbekannt. Schrott nimmt die Fährte auf und wirft in einigen den Gedichten vorangestellten Seiten Licht auf ein paar berüchtigte Werke der frühen atheistischen Literatur, die dem Manuale Pate gestanden haben. Etwa Geoffroy Vallées Schrift De Arte Nihil Credendi aus dem 16. Jahrhundert oder das anonyme Traktat Von den drei Hochstaplern (es sind dies Jesus, Moses und Mohammed) aus dem 17. Jahrhundert sowie Texte eines gewissen Matthias Knutzen.

Schrott geht es nur zum Teil darum, Umrisse einer atheistischen Philosophie zu skizzieren, vielmehr stellt er Auszügen des Manuale eigene Gedichte gegenüber. Sie befassen sich mit Vorläufigkeit, Erinnerung, Vergänglichkeit, aber auch mit einem "dem Diesseits verhafteten Humanismus" des Da- im Sinne von Präsentseins, den Schrott in lyrischen Berufsporträts (etwa einer Kassiererin oder eines Richters) anklingen lässt. Andererseits thematisiert diese Lyrik, die vom Kleinen auf das Große, vom Besonderen auf das Allgemeine verweist, auch die Zufälligkeit des Lebens und die existenzielle Suche nach jenem Weg, der von der Ignoranz zum Wissen führen kann.

Gedicht für Gedicht, Silbe für Silbe entstehen so spielerisch, wobei es ein ernstes Spiel ist, mosaikhaft die Konturen einer Haltung, "die Schönheit zu finden sucht im Scheitern – und ihm eine Moral abzuringen". Die Kunst, an nichts zu glauben, woraus folgende Gedichte entnommen sind, erscheint nächste Woche bei Hanser (18,40 Euro).

foto: kaiser justinian und hand einer hofdame: "meister von san vitale in ravenna – the yorck project: 10.000 meisterwerke der malerei". dvd-rom. distributed by directmedia publishing gmbh

worte bedeuten nichts – >eitel< unterscheidet mit seinen buchstaben nicht zwischen vergeblichem und selbstverliebtem · zwischen zweifel und sicherheit: das unglück des einzelnen liegt in seiner unwissenheit darüber was mit ihm geschieht und wie es ihm in wahrheit geht II.3

CONDITIO HUMANA
ein leben im mittelfeld · laufarbeit um seinen mann
zu stehen · den ball annehmen und dann passen
damit andere es zum abschluss bringen
um es dennoch nur bei positionswechseln zu belassen
einem choreographierten misslingen:
>tor< heisst dass eine seite mit einem fehlschritt
gerade gescheitert ist · knapp am limit
schenkel knie und sprunggelenke nie gut genug
dich endlich freizustellen atmest du dir
die lunge leer – einjeder spielzug
rachegötter auf den rängen herausfordernd: grimmig
und unversöhnlich in ihrer gier
ebenso achtlos wie vielstimmig
je mehr man ihnen gibt desto rascher wird man
über das aschweisse der linie ins aus geholt – knochen
an knöchel schabend · die augen blank
vor adrenalin · im trotz hingegen ungebrochen
mit dem bisschen talent zwischen innenrist und spann
weiterzumachen – um abzugeben
vorzulegen · an all den vorlagen sich abzuleben
der sieg bleibt einer über die ersatzbank
stolz und selbstbetrug dabei der ewig selbe kontrahent
in dieser arena aus pisse und zement
2 IX 06

fragen wir nach der essenz der materie oder welt fragen wir uneingestanden danach was sie sein könnte in abwesenheit aller wechselwirkungen denen sie ausgesetzt ist – all der beziehungen in der sie steht · doch ist nichts wahr ausser den beziehungen und verwandtschaften der dinge untereinander · manches mal erscheint mir diese idee zwingend dann wiederum absurd: sie gibt keine antwort darauf was die dinge wirklich sind · macht es sinn dass zwei dinge zueinander in bezug stehen und aufeinander einwirken ohne für sich zu bestehen? vielleicht ist alles was existenz ausmacht nur dieses wechselwirken XIII.2

DER REISENDE
tote zeit · das sind jene filmszenen in denen nichts geschieht
niemand erzählt · es keinen dialog gibt
stunden in einem flug- oder zugterminal · im transit
werden mir die menschen intim: frauen
in deren blick und gang man sich zwei minuten lang verliebt
in den wartereihen die sich beim einstieg aufbauen
gesichter an denen man facetten seiner selbst wiedererkennt
das kunstlicht zu fahl die goldene meile
mit dem pappbecher kaffee abgelaufen um in der eile
eine sonnenbrille zu kaufen einen ungelebten erfolgsroman
tritt nichts hervor bleibt alles bloss latent
auf der anzeigentafel steht zwar: rom an
um soundsoviel uhr – aber man liest nur und sieht
dass man auch auf einer reise noch irgendwoanders sein will
ohne anzukommen · jeder sein eigener kosmopolit
es rauscht in diesen hallen ist so fahrig still
wie die schwebe in der wir leben · doch was uns aufrecht hält
ist unerfülltes – es bohrt sich wie kupferdraht
durch die knochen · gehen heisst dass man vorwärts fällt
um sich wieder aufzufangen wie ein automat
beständig den unvermeidlichen sturz hinausziehend
sich fortwünschend · und sich selber fliehend
14 VIII 14

vieles hängt daran ob man liebt oder geliebt wird · und auch die nacht vergeht: dann ist arbeit zu tun VI.10

DER FORSTARBEITER
ich arbeite nicht im forst sondern an meinem wald
fälle bäume um ihn zu lichten
und räume windwürfe · anders als tanne und ahorn
brauchen buchen den schatten um sich aufzurichten
aus dem lehm hier · und an der sonnseite wuchert schwarzdorn
schmetterlinge werden daran blühen – alsbald
astpflöcke für die riese in die erde geschlagen
bräu ich die stämme von hand
oder mäule sie am schnittrand
dass sie beim treiben nicht splittern und aufschragen
eine braue und ein maul von holz aus denen harz hervorsickert
geschälte rinde die aufflickert
wie silbrige haut · während der arbeit redet keiner
man schaut auf seine finger und dass die säge sich nicht festfrisst
das nutzholz kommt in die fabrik oder zum schreiner
der es rotdämpft · stühle biegt · kochlöffel drechselt
und die blätter kann man kauen wenn einem der mund wund ist
die bedeutung des waldes wechselt
früher verschmolz man ihn mit sand zu grünem glas
jetzt ist er etwas stummes geworden das mich ansieht
besser man misst sich nicht an der langsamkeit mit der er geschieht
die regentiere graben sich ein · sind die eckern einmal aufgegangen
stecken samen drin wie ich – immer noch – in den augen thusneldas
dreht sie sich mir zu im bett · umfangen
haben wir den baum dort damals mit vier armen
leben ist auch fleiss · jeder macht sich sein eigenes gotterbarmen
22 X 14

foto: kaiser justinian und hand einer hofdame: "meister von san vitale in ravenna – the yorck project: 10.000 meisterwerke der malerei". dvd-rom. distributed by directmedia publishing gmbh

(steg, Album, 2.10.2015)

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