Das österreichische Spätsommermärchen

Userkommentar25. September 2015, 12:33
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Die Hilfe für Flüchtlinge zeigt, zu welchen Taten eine Gesellschaft imstande ist, wenn sie zusammenhält. Solche Momente sind auch identitätsstiftend

Es war schwierig, in den vergangenen Wochen über ein anderes Thema zu sprechen oder gar nachzudenken als über die gegenwärtige Flüchtlingskrise in Europa. Der Zustrom tausender Flüchtlinge wird zum Nährboden für Diskussionen, die sich lange mehr oder weniger verborgen in vielen Menschen aufgestaut haben. Sind wir fremdenfeindlich oder nicht? Besitzt unser Land eine Willkommenskultur? Viele Menschen können diese Frage nicht klar beantworten. "Wir wollen nicht Fremde im eigenen Land werden": Diese Parole, die FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in seinen Slogans zur Wien-Wahl im Oktober wie ein Gebet aufsagt, ist manchen zu widerwärtig, um sie auch nur zu beachten. Für manche ist sie aber das, was sie seit Jahren, nein, Jahrzehnten denken.

Ich bin gebürtige Wienerin – mit Migrationshintergrund. Meine Familie stammt aus Polen. Als Österreicherin habe ich mich nie wirklich gefühlt. Feste feiere ich nach polnischer Tradition, mit meinen Söhnen spreche ich Polnisch. Mein Mann ist Deutscher, ich lebe in Berlin.

Der Sommer 2015

Doch im Spätsommer passierte etwas Seltsames. Ich besuchte meine alte Heimatstadt. Es war eigentlich alles wie immer – wie es in Wien eben immer ist. Und plötzlich ging es los: Das Unglück auf der Autobahn bei Eisenstadt – 71 Flüchtlinge tot in einem Schlepper-Lastwagen. Der Grenzzaun zwischen Ungarn und Serbien. Tausende Flüchtlinge zuerst an den Budapester Bahnhöfen, dann an den Bahnhöfen in Wien und so weiter.

Und es passierte etwas, was ich nie erwartet hätte: Hunderte Wienerinnen und Wiener strömten zu den Bahnhöfen. Sie verteilten Essen, Kleidung, Hygieneartikel. Privatpersonen brachten Sachspenden, so viele, dass es nach fünf Tagen hieß: "Bitte nur noch auf Zuruf spenden. Unsere Lager sind voll." Menschen gingen nach der Arbeit zum Bahnhof, redeten mit den Flüchtlingen, leisteten ihnen Gesellschaft, während diese auf den nächsten Zug nach München warteten. Firmen ließen ihre Mitarbeiter in der Arbeitszeit zu den Bahnhöfen fahren, um zu helfen. Alte Leute steckten Flüchtlingsfamilien einfach so 100 Euro zu, ohne ein Dankeschön zu erwarten oder jegliche Gegenleistung.

Identitätsstiftende Momente

Die Geschichten, die plötzlich im Internet kursierten, waren nicht nur herzzerreißend, sondern vor allem wahr und ein Zeichen der Barmherzigkeit einer Stadt, die eigentlich für ihren Pessimismus, ihre Starrheit und ihren Hang zur Fremdenfeindlichkeit bekannt ist. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, und so ging es wohl auch vielen anderen, die plötzlich auf Facebook und Twitter posteten, dass sie "noch nie so stolz" darauf gewesen seien, Wiener zu sein.

Auch mich erreichte dieses Pathos. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich so etwas wie das Gefühl der Zusammengehörigkeit in Wien erlebt – und zwar unter Wienern, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Man zog gemeinsam an einem Strang. Hier war er – der Beweis, zu welchen Taten eine Gesellschaft imstande ist, wenn sie zusammenhält, und dass genau solche Momente identitätsstiftend sind. Österreicherin sein bedeutete für mich in diesem Moment auch deshalb so viel, weil mich die Haltung meines eigentlich identitätsstiftenden Vaterlandes Polen zur Flüchtlingskrise so stark abstieß, dass ich das erste Mal in meinem gesamten Leben stolzer darauf war, Österreicherin zu sein, als Polin.

Nicht mehr fremd im eigenen Land

Als ich diesen Gedanken einem Freund – einem Österreicher – gegenüber äußerte, erwiderte der: "Anna, ich bin nicht stolz darauf, Österreicher zu sein. Denn ja, diese Hilfsaktionen und diese Offenheit und Willkommenskultur sind zwar super. Aber in Wien werden aller Voraussicht nach mehr als 30 Prozent der Wähler die FPÖ wählen. Darauf kann ich nicht stolz sein." Am kommenden Tag eröffnete die FPÖ ihren Wahlkampf zur Wien-Wahl. "Wir dürfen nicht zulassen, dass wir Fremde in unserem Land werden", tönte es aus den Lautsprechern. Die Massen applaudierten. Doch ich wusste, dass ich mich in diesem Spätsommer – in diesen drei Wochen, die ich in Wien verbrachte – zum ersten Mal nicht fremd in meinem eigenen Land gefühlt habe. (Anna Seidel, 25.9.2015)

  • Freiwillige Helfer Anfang September am Wiener Westbahnhof – ein Zeichen der Barmherzigkeit einer Stadt, die eigentlich für Pessimismus, Starrheit und ihren Hang zur Fremdenfeindlichkeit bekannt ist.
    foto: apa/roland schlager

    Freiwillige Helfer Anfang September am Wiener Westbahnhof – ein Zeichen der Barmherzigkeit einer Stadt, die eigentlich für Pessimismus, Starrheit und ihren Hang zur Fremdenfeindlichkeit bekannt ist.

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