Sanktionen treffen Russland härter als EU

25. September 2015, 14:10
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Gegenseitige Blockadepolitik wirkt als Krisenverstärker in der Rezession

Mehr als ein Jahr nach Einführung der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland sind die direkten volkswirtschaftlichen Auswirkungen der wechselseitigen Blockadepolitik nicht eindeutig messbar. Fest steht nur: Die Exportsperre, die unter anderem Rüstungsgüter und Ausrüstungsgegenstände für den Öl- und Gassektor umfasst, stellt nicht das größte Problem dar – weder für die EU noch für Russland.

Der Anteil der vom Embargo betroffenen Güter am gesamten Handelsvolumen ist relativ gering. Stärker ins Gewicht fallen die Finanzmarktsanktionen für die fünf größten russischen Banken, allesamt mehrheitlich in Staatsbesitz: Sie sind von günstigen europäischen und US-amerikanischen Krediten abgeschnitten. Das hemmt die Investitionstätigkeit, was für Russland als Krisenverstärker wirkt. Seit mehr als zwei Jahren steckt die Wirtschaft in einer Rezession, Rubel und Ölpreis sind am Boden. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass die russische Wirtschaft heuer um 3,4 Prozent schrumpft.

Wertvolle Fördertechnologie

Laut Johannes Pollak, Leiter der Abteilung Politikwissenschaft am Institut für Höhere Studien (IHS) ist Russland von den wechselseitigen Maßnahmen insgesamt stärker betroffen als die EU-Staaten. Wirksam seien die Sanktionen vor allem im Bereich Flüssiggastechnologie, bei der Russland auf das westliche Know-how angewiesen ist. "Alle anderen Technologieprodukte, die den Exportbeschränkungen unterliegen, sind ersetzbar", so Pollak. Viel schwerer wiege aber, dass Europa mittelfristig von russischem Gas abhängig ist. Unter anderem deswegen sei der Erfolg der Sanktionen von Anfang an fraglich gewesen.

Die heimische Wirtschaft ist aber auch direkt betroffen. Die österreichischen Ausfuhren nach Russland gingen im ersten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorjahr um rund 37 Prozent zurück. Im EU-Durchschnitt waren es 34 Prozent. Am stärksten betroffen sind Handel, unternehmensbezogene Dienstleistungen, Bauwesen, Maschinenbau und Tourismus. Bei russischen Gästen gab es einen Nächtigungsrückgang von 30 Prozent zu verzeichnen. Laut Dietmar Fellner, Österreichs Wirtschaftsdelegiertem in Moskau, ging auch das Auftragsvolumen von in Russland tätigen Unternehmen aus Österreich um 30 Prozent zurück.

Laut einer Wifo-Studie könnten russische Rezession einerseits, Sanktionen und Gegenmaßnahmen andererseits den EU-Staaten plus der Schweiz langfristig insgesamt bis zu 2,7 Millionen Jobs kosten. Allein in Österreich stehen demnach bis zu 40.000 Jobs auf dem Spiel. Das wäre allerdings ein Worst-Case-Szenario, betont Wifo-Ökonom Oliver Fritz. (Simon Moser, 25.9.2015)

  • Von den Russland-Sanktionen sind auch heimische Obstbauern betroffen: Die EU unterstützt sie mit Transfers.
    foto: apa

    Von den Russland-Sanktionen sind auch heimische Obstbauern betroffen: Die EU unterstützt sie mit Transfers.

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