Forschung: "Gewaltige Erkenntnissprünge" bei manchen Krebsarten

Interview25. September 2015, 09:00
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Beim Krebskongress ECC steht die Immuntherapie im Mittelpunkt, sagt Kongresspräsident Christoph Zielinski

STANDARD: Was erwarten Sie vom Kongress?

Christoph Zielinski: Der ECC ist der größte Krebskongress. Wir erwarten zwischen 18.000 und 20.000 Teilnehmer aus allen Bereichen der Onkologie, sowohl aus Forschung als auch aus der Pflege. In den kommenden Tagen werden in Wien die neuesten Forschungsergebnisse präsentiert.

STANDARD: Was sind die großen Themen beim Kongress?

Zielinski: Ohne Zweifel die Immuntherapie. Es ist eine Herausforderung, die unterschiedlichen Mechanismen zu verstehen, mit denen sich Krebszellen vor der körpereigenen Abwehr verstecken. Wir stehen erst am Anfang.

STANDARD: Inwiefern?

Zielinski: Wir müssen herausfinden, welche Patienten von einer Immuntherapie profitieren und welche nicht, da gibt es noch viele Unklarheiten. Wir haben mittlerweile viele Medikamente, die Frage wird sein, welche Kombinationen in welcher Reihenfolge die besten Ergebnisse bringen. Die Resistenzen, die der Körper gegen Krebsmedikamente entwickelt, werden uns auch beschäftigen. Darüber wissen wir zu wenig. Zudem gibt es Patienten mit Tumoren, die auf keine Therapie ansprechen. Es sind viele Fragen.

STANDARD: Wo bringt die Immuntherapie heute schon eine signifikante Lebensverlängerung?

Zielinski: Beim Melanom, bei Lungenkrebs, Nierenzellenkarzinom und Blasenkrebs.

STANDARD: Vor sechs Jahren waren die zielgerichteten Therapien der große Hype. Immer noch?

Zielinski: Zweifellos, es gibt eine Reihe von Medikamenten, die Krebszellen auf unterschiedliche Weise angreifen.

STANDARD: Wie erfolgreich?

Zielinski: Die Möglichkeiten sind bei weitem nicht ausgereizt. Indem wir bestimmte Wachstumsfaktoren blockieren, beeinflussen wir einen Prozess und können daraus neue Erkenntnisse ziehen. Wir sind mittendrin, die genetischen Prozesse zu verstehen.

STANDARD: Bei welchen Diagnosen hat sich in den letzten fünf Jahren richtig viel getan?

Zielinski: Was das biologische Verständnis des Tumors betrifft, sicherlich beim Dickdarmkrebs. Auch beim Lungenkarzinom und Prostatakrebs gibt es gewaltige Erkenntnissprünge.

STANDARD: Was verbindet diese Tumoren?

Zielinski: Es geht darum, essenzielle Mechanismen eines Tumortyps zu verstehen. Es gibt zwei unterschiedliche Schienen bei der Krebsentstehung: die Driver- und Passenger-Mutationen. Die Driver-Mutation ist eine molekulare Veränderung, die für Entwicklung und Wachstum eines Tumors entscheidend ist. Wenn wir das mit einem Medikament hemmen, ist das ein starker Impact. Bei der chronisch myeloischen Leukämie, bei Weichteilsarkomen, auch bei Her-2 überexprimierendem Brustkrebs ist es gelungen.

STANDARD: Welche anderen Mutationen gibt es?

Zielinski: Passenger-Mutationen beeinflussen zwar das Tumorzellwachstum, sind aber nicht essenziell. Das wirkt sich dann so aus: Wenn wir solche Passenger-Mutationen mit Medikamenten behandeln, sehen wir anfänglich eine Reaktion, aber dann übernehmen andere Mechanismen, die das Wachstum ebenso anheizen.

STANDARD: Welchen Stellenwert hat die Chemotherapie noch?

Zielinski: Interessant scheint zu sein, dass chemotherapeutische Substanzen eine immunmodulierende Wirkung haben. Wir glauben, dass manche Antikörpertherapien nur in Kombination mit einer Chemo optimal wirken.

STANDARD: Wie steht es um metastasierte Tumoren?

Zielinski: Unangefochten bleibt, dass die möglichst frühe Erkennung die Heilungschancen massiv erhöht und wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln den Krebs hoffentlich besiegen. Das ist unser vorrangiges Ziel. Wenn es um die metastasierten Formen der Erkrankung geht, streben wir letztlich an, dass wir die Tumoren zu chronischen Erkrankungen machen können. Das versuchen wir mit molekularen Substanzen oder aber durch den Wechsel verschiedener Therapien hintereinander, um so die Resistenzen immer wieder zu umgehen.

STANDARD: Wo wird die Onkologie in 15 Jahren sein?

Zielinski: Wir werden es mit vereinten Kräften hoffentlich schaffen, Krebs zu einer chronischen Erkrankung zu machen. (Karin Pollack, 25.9.2015)

  • Präsident des diesjährigen European Cancer Congress, Christoph Zielinski: "Wir werden es mit vereinten Kräften hoffentlich schaffen, Krebs zu einer chronischen Erkrankung zu machen."
    foto: ccc/fotografie sabine gruber

    Präsident des diesjährigen European Cancer Congress, Christoph Zielinski: "Wir werden es mit vereinten Kräften hoffentlich schaffen, Krebs zu einer chronischen Erkrankung zu machen."

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