Heribert Sasse: "Wie konnte ich das nur streichen?!"

Interview25. September 2015, 05:30
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Sein "Werther"-Solo hat seit der Premiere 1974 die Welt umrundet. Zum 70. Geburtstag packt es der Kammerschauspieler für das Josefstadt-Theater noch einmal aus. Im Gespräch erklärt er, warum

Wien – Heribert Sasse ist ein Tierfreund. Zum Interview ins Theater in der Josefstadt begleitet ihn Jagdhündin Alma, die ihrem Bewegungsdrang glücklicherweise im Hochgebirge rund um Hinterstoder nachgeben kann. Dort wohnt Sasse, neben Wien, auch. Beim Gespräch klappt das Tier sogleich die Ohren zu. "Theater interessiert sie überhaupt nicht", so Sasse. "Wenn ich Texte probiere, steht Alma auf und geht". Geprobt muss derzeit intensiv werden, denn zum 70. Geburtstag am 28. September macht sich Sasse viel Arbeit und zeigt einmalig sein langgedientes "Werther"-Solo. Es umfasst 100 Manuskriptseiten. Dem Hund ist das schnuppe.

STANDARD: Haben Sie immer Hunde gehabt?

Sasse: Immer. Ich kann mir ein Leben ohne Tiere nicht vorstellen. Ich habe mich viel mit Tieren beschäftigt, hatte beispielsweise in Berlin einen Papagei. Der hat es bald spitzgekriegt, wie der Hund funktioniert und ihn herumkommandiert: "Dunja, sitz! Und Platz!" – mit Pause dazwischen!

STANDARD: Sie sollten ein Buch über Ihre Tiererlebnisse schreiben.

Sasse: Vor allem wäre eine Biografie fällig, aber ganz ehrlich: Wen interessiert das!? Nichts ist toter als ein toter Schauspieler. In zehn Jahren werden nur mehr ganz wenige wissen, wer Gert Voss war, und er war wirklich jemand. Außerdem: Man entkommt der eigenen Vergesslichkeit nicht. Und die Dinge, an die man sich ungern erinnert, lässt man bei einer Biografie doch eh weg.

STANDARD: Zu Ihrer Stimme. Sie hat auf der Bühne etwas Raues, Schredderndes. Wie eine männliche Sophie Rois.

Sasse: Danke für das Kompliment. Ich schätze Frau Rois auch sehr.

STANDARD: Ihr erster Berufswunsch wäre ja Sänger gewesen.

Sasse: Na, Sie sind ja fies. Also mein Urgroßvater Carl Luze war Erster Hofkapellmeister. Es wurde musiziert in unserem Haus. Ich wollte an der Volksoper unterkommen und mir so ein Studium sparen. Aber beim Vorsingen – ich war damals 16 und gab Lortzings Der Waffenschmied – "Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar" – haben sie sich natürlich zerbogen. Einer hat unter Tränen gesagt, ich solle lieber Schauspieler werden.

STANDARD: Ihre Rollen sind oft zwielichtig, windig. Schmierige Generäle, gruselige Friedhofswächter ...

Sasse: Na ja, am Anfang war ich ja ein Hering. Ich wog 50, 60 Kilo, da habe ich auch Liebhaber gespielt. Als die Schilddrüsenerkrankung dazukam, hat sich das geändert, da bin ich auf Regie umgestiegen, weil die Rollenangebote nachließen. Die Fantasie in Besetzungsfragen ist bei Produzenten und Intendanten ja begrenzt – so auch meine: Irgendwann fällt auch der Stärkste in eine Schablone.

STANDARD: Wie sind Sie eigentlich auf den "Werther" gestoßen?

Sasse: Ich sollte in Düsseldorf Die Leiden des jungen W. von Ulrich Plenzdorf spielen. Aber diese Berliner Sprache, das war ich nicht. Sprache hat etwas mit Seele zu tun. Ich habe aber Goethes Original immer wieder gelesen und bin draufgekommen, das ist doch mehr als nur eine Liebesgeschichte, es ist politisch, beschreibt die Auflehnung gegen ein Bürgertum, enthält Fragen zur Religion. Zwei Jahre lang habe ich das mit mir herumgetragen und dann, da war ich 27 Jahre alt, dem Intendanten unterbreitet, dass ich es im Großen Haus machen möchte. Irgendwie ist es mir gelungen. Es wurde ein Boom. Ich ging auf Tournee, wurde unter anderem nach Rom, Paris, Tokio, Moskau eingeladen.

STANDARD: Angeblich auch nach Kasachstan.

Sasse: Ja. Dort gibt es ein Deutsches Theater. Die Leute sprachen mich auf der Premierenfeier herzhaft an: "Hearst, des host super gmocht, wos mogst denn trinken". Eine Frau sagte: "Det is so wunderbar jewesen". Die waren aber nie woanders als in Kasachstan! Sie haben die Dialekte von Tonbändern ihrer Eltern gelernt.

STANDARD: Sie haben den Abend über die Jahrzehnte immer wieder modifiziert. Wie denn?

Sasse: Man hat mich oft gefragt, ob mich das nicht langweilt, 1800 Mal das Gleiche. Aber einen Pianisten langweilt es ja auch nicht, wenn er die Appassionata zum tausendsten Mal spielt. Das ist ja dann ein ganz anderes Eintauchen. Irgendwann fängt man mit so etwas zu leben an. Es ist in dir.

STANDARD: Und was ist modifiziert?

Sasse: Ich habe die ganzen Auseinandersetzungen mit dem Klerus hineingenommen. Schon bei Erscheinung 1774 stellte sich der Bischof dagegen: Selbstmord könne nicht verherrlicht, die Kirche und die Obrigkeit könnten nicht so dargestellt werden. Goethe wusste, er hatte etwas gelandet, und da es so viele Vorbestellungen gab, hat er drei oder vier brisante Briefe selbst rausgenommen. Das blieb bis 1970 gedeckelt. Durch die Düsseldorfer Goethe-Gesellschaft habe ich aber die Urfassung erhalten.

STANDARD: Hat sich über die Jahre das Publikum geändert?

Sasse: Die Seh- und Hörgewohnheiten sind sicher anders. Ich bemerke, dass die Bereitschaft, durch Sprache Bilder entstehen zu lassen, geringer ist. Die Menschen haben heute nicht mehr den Atem, langen Beschreibungen zu folgen. Da habe ich gekürzt. Die Verarmung des sprachlichen Ausdrucks ist seit der Erfindung des Mobiltelefons – ich hab selber eines – rapide vorangeschritten.

STANDARD: Haben Sie denn noch einen Koffer in Berlin?

Sasse: Ich habe viele Freunde in Berlin. Aber man wird im Alter bequem. Ich will es anders beantworten: Wien war für mich in meiner Jugend schwer zu ertragen, und ich bin sehr, sehr froh, dass ich den Großteil meines Berufslebens in Berlin verbringen konnte. Diese Stadt war wacher. Heute bin ich froh, in Wien zu sein.

STANDARD: Sind Sie in Berlin auf den Wiener reduziert worden?

Sasse: Nein, ich hatte Glück. Ich habe zwar die großen Horváths und Schnitzlers gemacht, aber war nie nur der Österreicher. Berlin ist eine harte Stadt. Bei einem Gastspiel aus Wien fing das Publikum zu poltern an: "Menschenskind, raus hier! Schmierist, nimm den Zuch!" Das gab und gibt es in Wien nicht.

STANDARD: Sie haben viele Leitungspositionen innegehabt, kennen die Sicht als Schauspieler. Wie soll Theater heute weitermachen?

Sasse: Ich sag es Ihnen ganz offen und meine das wirklich nicht kokett: Ab einem gewissen Alter fallen Sie aus der Zeit. Ich atme diese Zeit nicht mehr so, wie sie sich für die Jungen darstellt. Deshalb lasse ich auch größtenteils das Inszenieren.

STANDARD: Konnten Sie am "Werther" stets Neues entdecken?

Sasse: Absolut. Man durchwandert ja verschiedene Lebensalter, hat andere Fragestellungen. Wenn ich gewisse gekürzte Stellen lese, frage ich mich manchmal: Wie konnte ich das nur streichen?! Deshalb finde ich den Begriff Werktreue mehr als fragwürdig. Sie lesen ein Buch, ich lese ein Buch. Und wenn wir gemeinsam darüber sprechen, werden wir sehen, dass wir gewisse Erkenntnisse nicht teilen können. (Margarete Affenzeller, 25.9.2015)

Heribert Sasse, geboren 1945 in Linz, aufgewachsen in Wien, reüssierte ab den 1970er-Jahren als Schauspieler und Regisseur. Sasse war 1985 bis 1990 Generalintendant der Preußischen Staatstheater, Intendant des Berliner Renaissance- sowie des Schlossparktheaters. Seit 2006 ist er Ensemblemitglied im Theater in der Josefstadt.

"Die Leiden des jungen Werther", Theater in der Josefstadt, 28. September, 19.30 Uhr

  • "Wien war in meiner Jugend schwer zu ertragen": Heribert Sasse hat in Jagdhündin Alma eine treue Begleiterin gefunden.
    foto: andy urban

    "Wien war in meiner Jugend schwer zu ertragen": Heribert Sasse hat in Jagdhündin Alma eine treue Begleiterin gefunden.

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