Deutschland wurde hoch gelobt, jetzt schwer gerügt

24. September 2015, 18:02
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Zwischen Schadenfreude und Mitgefühl: Das Deutschlandbild der Franzosen hat durch den VW-Skandal schweren Schaden genommen

Frankreich, das sich gerne an Deutschland misst, musste in letzter Zeit neidlos zugeben: "Nachdem uns Deutschland in Sachen Wirtschaftspolitik erniedrigende Lektionen erteilt hat, zeigt es uns sogar, wie man es in Sachen Menschenrechte macht", schrieb etwa Franz-Olivier Giesbert noch vor kurzem im Magazin "Le Point". Kanzlerin Angela Merkel wurde in Paris wenn nicht mit Heiligenschein, dann zumindest mit einem Heldenstatus versehen. Wie ganz Deutschland: Peinlich berührt stellten die Franzosen fest, dass es die Flüchtlinge nicht in ihr schönes Land zieht, sondern in das große und plötzlich viel generösere Nachbarland.

Mit der Volkswagen-Affäre kehrt der Wind in Paris abrupt. Das französische Magazin "Capital", das sonst in jeder Ausgabe die Stärken und Tugenden der deutschen Wirtschaft lobt, erinnert daran, dass schon der deutsche Automobilverband Adac Ranglisten manipuliert habe.

Wenig Mitgefühl

Viel Mitgefühl schwingt dabei nicht mit. "Die deutsche Qualität stinkt und verschmutzt", kommentiert Linken-Chef Jean-Luc Mélenchon und verlangt ein vorübergehendes Verkaufsverbot für VW-Modelle in Frankreich. Nicht besser klingt es im konservativen Lager, wo der ehemalige Europaminister Laurent Wauquiez schimpft, Volkswagen verkörpere mit seinem Benehmen die ganze "Arroganz des Made-in-Germany".

Ist das auch eine Antwort auf die Werbung von Volkswagen, der sich in französischsprachigen Inseraten nur "das Auto" nennt? Schadenfreude gar? Jedenfalls nicht in der offiziellen Reaktion der Regierung: Finanzminister Michel Sapin verlangt eine gesamteuropäische Überprüfung, in die er ausdrücklich auch die "französischen Hersteller" einbeziehen möchte.

"Wie viele haben wohl noch gelogen?", fragen auch die französischen Grünen. Ihre Vorsteherin Emmanuelle Cosse verweist darauf, dass die fraglichen Dieselmotoren in Frankreich noch verbreiteter seien als in Deutschland – weil sie trotz ihrer hohen Schadstoffwerte fiskalisch begünstigt würden. (Stefan Brändle aus Paris, 24.9.2015)

  • Einen Heiligenschein dürfte Kanzlerin Angela Merkel im Lichte der VW-Affäre wohl niemand mehr verpassen.
    foto: jochen lübke

    Einen Heiligenschein dürfte Kanzlerin Angela Merkel im Lichte der VW-Affäre wohl niemand mehr verpassen.

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