"Life": Das offene Geheimnis der Ikone

25. September 2015, 09:00
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Anton Corbijn erzählt, wie es zu den berühmten James-Dean-Fotos auf dem Times Square kam, und zeigt das Verhältnis zwischen Fotograf und Schauspieler als erfolgreiche Belastungsprobe

Wien – Auch im Leben von James Dean gab es einmal eine Zeit, in der der nicht berühmt und noch keine Ikone des Kinos war. Irgendetwas muss irgendwann passiert sein, was den Umschlag brachte. Es zählt zu den schönsten Aufgaben des biografischen Genres, diesen Moment zu entdecken und herauszuarbeiten: Wo wurde zum ersten Mal deutlich, dass jemand "star quality" hat, zumal doch die meisten nur einen verkrachten jungen Mann sehen?

Der Fotograf Anton Corbijn hat sich schon in seinem ersten Kinofilm mit der eigentümlichen negativen Präsenz eines früh verstorbenen Idols beschäftigt: Control erzählte von Ian Curtis, der mit seiner Band Joy Division ein paar Hymnen für das desolate Land zwischen New Wave und Punk herausgebracht hatte. Corbijn ist ein Historist der Popkultur, das heißt, für ihn ist gleichsam immer schon alles Geschichte. Gegenwart interessiert ihn nicht, und wenn er zwischendurch einmal einen Agententhriller mit George Clooney macht (A Most Wanted Man), dann sieht der aus wie eine Postkarte von einem Agententhriller, die nach dem Versand verschollen ging.

In Life geht es nun um eine fotografische Mission, in der es ganz und gar auf den "entscheidenden Moment" ankam. Nicht in dem Sinn, dass es um das Drücken eines Auslösers geht, sondern darum, einem gefährdeten Menschen über die Schwelle zu helfen. Der Magnum-Fotograf Dennis Stock, aus dessen Perspektive in Life im Wesentlichen erzählt wird, ist selbst auf der Suche nach seinem kreativen, künstlerischen Durchbruch. Er begleitet den nicht zuletzt von sich selbst unverstandenen jungen Schauspieler James Dean auf einer Fahrt in die Heimat, in ein ländliches Amerika, in dem die Leute dem Glamour reserviert gegenüberstehen, und in dem sich der eine oder andere landwirtschaftliche Slapstickmoment ergibt.

Dean ist gerade zwischen zwei Filmen. Beide sind heute unumstritten, damals waren sie aber kontrovers und von kommerziellen wie künstlerischen Unsicherheiten umgeben: East of Eden und Rebel without a Cause.

Ohne Anstrengung

Dean bot eine neue Form von Schauspielerkult, die das orthodoxe Hollywood, verkörpert von dem Studioboss Jack L. Warner, nicht zu integrieren vermochte. Er wollte den eigenwilligen Star disziplinieren, das ging natürlich schief. Dennis Stock bietet dem Life-Magazin quasi eine ungedeckte Reportage an, von der das Publikum von Life allerdings schon weiß, dass sie auf Fotogeschichte hinausläuft. Denn es sind just die Bilder von James Dean, die ihn kanonisch werden ließen. Hinterher ist man immer klüger, und Corbijn ist einer der markantesten Hinterher-Künstler im gegenwärtigen Kino.

Das Ereignis von Life ist die Begegnung zweier Schauspieler. Dane DeHaan ist großartig als James Dean, er bringt die Zerrissenheit des genialischen Darstellers ohne Anstrengung nahe. Er verwendet das Prätentiöse an Dean weder für ein künstlerisch wertvolleres Spiel, noch instrumentalisiert er es gegen ihn. Ein verblüffender Effekt, der umso stärker wirkt, als Robert Pattinson in der tragenden Nebenrolle des Dennis Stock ziemlich stark die Register zieht und dabei fast unbehaglich wirkt.

Da Corbijn zudem eine sehr getragene Ästhetik bevorzugt, einen Stil, der eher auf Tableaus als auf Szenen hinausläuft, wird Pattinson immer steifer, während DeHaan fast schon den Eindruck erweckt, er (und er allein) wüsste um das Geheimnis des James Dean. Dieses liegt natürlich offen zutage, in den Filmen und auch in den Fotografien. Corbijn erhascht davon nur das, was sich aus dem – allerdings entscheidenden – Clou einer sensationell guten Besetzung der Hauptrolle ergibt. So ist Life in vielerlei Hinsicht ein wenig leblos, im Zentrum aber große Kunst. (Bert Rebhandl, 25.9.2015)

Ab 25.9. im Kino

  • Der Fotograf und sein Model: Robert Pattinson möchte den Durchbruch schaffen und weiß bereits,  wie und vor allem wo er den jungen James Dean (Dane DeHaan) in Szene setzen muss.
    foto: ascot elite

    Der Fotograf und sein Model: Robert Pattinson möchte den Durchbruch schaffen und weiß bereits, wie und vor allem wo er den jungen James Dean (Dane DeHaan) in Szene setzen muss.

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