Im Nebel navigieren geht nur gemeinsam

30. September 2015, 09:00
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Die Bewältigung von Unsicherheit gelingt nur als gesamtbetriebliche Aufgabe

Einzige Gewissheit heutiger Unternehmensführung ist das Fehlen von Gewissheit. Über allen Entscheidungen hängt nämlich das Damoklesschwert der Prognoseunsicherheit. Dafür sollten Entscheider vorbereitet sein, um aus dem Unvorhergesehenen auftauchende Chancen zu nutzen und Risiken früh zu erfassen. In dieser wenig zuverlässig interpretierbaren, turbulenten Welt wird die Führung eines Unternehmens ohne Strategie schnell zu einem Hasardspiel. Die Strategie ist, um mit Helmuth von Moltke zu sprechen, ein "System von Aushilfen" oder (in heutiger Diktion) ein System von Wenn-dann-Überlegungen: Was würden wir tun, wenn uns der Konkurrent mit einem besseren Produkt zu einem niedrigeren Preis zuvorkommen würde? Wie gehen wir mit einer neuen Technologie um? Wie verhalten wir uns, wenn sich zwei Konkurrenten zusammenschließen?

Transparenz und Einladung

Die strategischen Überlegungen sollten aber nicht mehr nach dem Top-down-Modell erfolgen, das durch die Geschwindigkeit des Wandels, komplexe Zusammenhänge und die neuen Informationstechnologien überholt ist. Den Handlungsbedingungen der Zeit Rechnung tragende Unternehmer geben ihren Führungskräften Einblick in ihre strategischen Absichten. Sie legen ihnen offen, was das Unternehmen will und warum es das will.

Sie laden zur kreativen Mitarbeit und Weiterentwicklung ein und eröffnen den Freiraum, mit den verfügbaren Ressourcen die Aktionspläne auszuarbeiten. Diese Einbindung der Führungskräfte ist schon deshalb von großer Bedeutung, weil sie sicherstellt, dass die Aktionspläne mit auf der Grundlage von Kenntnissen formuliert werden, die der Unternehmensführung im Detail kaum bekannt sind und die sie häufig nicht einmal beurteilen könnte. Führungskräfte wie Mitarbeiter für die fortwährende Auseinandersetzung mit den sich laufend veränderten Wirklichkeiten zu sensibilisieren, sie darauf einzustimmen und sie zur Mitarbeit an den sich daraus ergebenden Forderungen an das Unternehmen zu animieren, ist eine der zentralen Aufgaben der fortschrittlichen Unternehmensführung.

Welche Ziele, von wem?

Das Arbeiten für ein gemeinsames Ziel unter Unsicherheitsbedingungen setzt voraus, nicht dem Druck ausgesetzt zu sein, sich laufend unmittelbar beweisen und am Erreichen stetig emporgeschraubter Zielen messen lassen zu müssen. Das führt auch Eigeninitiative auf ihre ursprüngliche Bedeutung zurück: als Teil des Ganzen Initiative für das Wohl des Gesamten zu entwickeln. Hat sie sich doch unter dem persönlichen Erfolgsdruck zu oft in die Suche nach Gelegenheiten und Möglichkeiten entwickelt.

Das bringt ein anderes, strapaziertes Wort zurück ins Spiel: Unternehmenskultur. Betriebliches Denken wie Handeln aus der Wir- anstatt aus der Ich-Perspektive braucht einen Wurzelgrund: das von der Unternehmungsleitung und jeder einzelnen Führungskraft Verkörperte und Vorgelebte. Empirische Studien zeigen, dass Unternehmen mit klaren, von der Unternehmensleitung, den Führungskräften und den Mitarbeitern gelebten Werten erfolgreicher sind.

Daraus erschließt sich: Die Bewältigung von Unsicherheit gelingt nur als gesamtbetrieblich aufgefasste Aufgabe. Einstellungen und Haltungen, ausgedrückt in Verhaltensweisen, spielen dabei die Schlüsselrollen. Ist dieser mentale Rahmen nicht gegeben, entsteht schnell das Gefühl von Sinnlosigkeit.

Nicht ohne Disziplin

Auch die Muster, die die betriebliche Zusammenarbeit in der Vergangenheit strukturiert haben, sind dem heute zu Bewältigenden nicht mehr dienlich. Das erste Gebot der betrieblichen Organisation muss heute lauten, zuverlässig ebenso weitsichtig wie situativ spontan reagieren zu können. Die Hierarchie wird dadurch nicht verschwinden. Sie wird nach wie vor eine gewichtige strukturierende Kraft jeder Organisation sein. Überholt aber hat sich ihre tiefe Staffelung.

Prozessorientiertes Zusammenarbeiten verlangt andere Verantwortungsebenen mit durch lässigeren Grenzziehungen. Bei all dem aber bleibt die Rolle der Routine, der Disziplin und der Systematik eine gewichtige. Eine falsch verstandene Unternehmenskultur bewertet in europäischen Unternehmen die (scheinbare) Kreativität höher als Arbeitsdisziplin und Systematik.

So sicher wie der erfolgreiche Umgang mit Unsicherheit neue Muster in den betrieblichen Organisations- und Verhaltensweisen erfordert, so sicher ist aber auch, dass ohne routiniertes, diszipliniertes und systematisches Arbeiten all diese Veränderungen für die Katz sind. (30.9.2015)

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