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Reportage2. November 2015, 07:07

Nur wenige Schritte, aber auch zwei Reihen Stacheldrahtzaun trennen die zwei Gebäude des "Registrierungszentrums für Ausländer" im litauischen Pabradė voneinander. Eines eint die Insassen: die Ungewissheit. Sie können sich nicht erklären, wieso sie hier gelandet sind, und sie wissen auch nicht, wie lange sie noch bleiben müssen.

Die Einrichtung, knapp zehn Kilometer von der Grenze zu Weißrussland entfernt, besteht aus zwei Häusern. Im einen, der sauberen und modernen "Unterkunft für Asylwerber", sind derzeit 36 Menschen untergebracht, die in Litauen um Asyl angesucht haben und auf ihren Bescheid warten.

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Einsatzkräfte des staatlichen Grenzschutzdiensts patrouillieren vor und innerhalb des "Registrierungszentrums für Ausländer" in Pabradė.

Im anderen, dem "Internierungszentrum für illegale Einwanderer", sind die 164 Insassen aus unterschiedlichen Gründen gelandet: Hier befinden sich jene, die einen negativen Asylbescheid erhalten haben und auf ihre Abschiebung warten. Menschen, die ohne gültige Papiere aufgegriffen wurden, aber nicht in Litauen um Asyl ansuchten. Menschen, die um Asyl ansuchten, dann aber aus der Asylwerberunterkunft geflohen sind. Sie wurden entweder auf litauischem Gebiet aufgegriffen oder aus anderen EU-Staaten nach Litauen zurückgeschoben, wo man laut Dublin-Abkommen für sie zuständig ist.

Wenige Informationen

Sie selbst wissen über ihren Aufenthaltsstatus nur wenig, Auskunft darüber gibt ihnen kaum jemand. Eine einzige Sozialarbeiterin ist für alle 200 Insassen beider Gebäude zuständig. "Natürlich ist das nicht genug", sagt Aleksandras Kislovas, stellvertretender Leiter und Personalchef des Zentrums, bei einem Rundgang durch die Einrichtung. "Aber es geht."

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Die Unterkunft für Asylwerber von innen. Derzeit sind dort 36 Menschen untergebracht, die auf eine Rückmeldung der Behörden warten.

Der 43-jährige Ismail, der aus der syrischen Stadt Hassakah vor der IS-Miliz geflohen ist, erzählt, dass es vor Ort keine Anwälte gibt, die ihn über seine Rechte informieren. Auch Übersetzer sind rar – jemand, der Arabisch kann, sei hin und wieder da, "aber Kurdisch spricht niemand", sagt der 25-jährige Aual aus dem Nordirak, der seit zwei Wochen in Pabradė ist. Er spricht zwar gut Arabisch, fühlt sich in seiner Muttersprache aber sicherer.

delfi/tomas vinickas
Aual aus Kirkuk (li.) und Ismail aus Hassakah.

Für Karolis Žibas, Migrationsexperte und Forschungsmitarbeiter des Instituts für ethnische Studien am litauischen Sozialforschungszentrum, entspricht das dem Normalzustand. "In der Regel erhalten sie zu wenige Informationen, und vor allem erhalten sie diese nicht in der Sprache, die sie sprechen." Und viele von ihnen wissen auch gar nicht, warum sie hier sind oder dass Litauen auf ihrem Weg nach Europa das erste EU-Land war, in dem sie registriert wurden. Aual wollte eigentlich nach Schweden, Ismail nach Norwegen. Beide sprechen von einer Flucht quer durch Europa – und sind nun in Pabradė gelandet, wo sie auf die Rückmeldung der Behörden warten.

Und das kann dauern: Die Verfahren sollten in durchschnittlich drei Monaten abgeschlossen sein – nicht aber, wenn Berufung eingelegt wird. "Wir haben auch Leute, die länger als zwei Jahre hier leben", erklärt der Leiter des Zentrums, Remigijus Volikas.

"Keine Fünf-Sterne-Hotels"

Im Internierungszentrum ist Platz für 98 Personen, mit 164 ist es momentan stark überbelegt. 130 Insassen kommen aus Vietnam, etwa 30 von ihnen sind bereits seit mehr als einem Jahr hier. Aus dem litauischen Innenministerium heißt es dazu, dass die Anzahl an Vietnamesen in Litauen bereits seit Februar stetig zunimmt. Viele von ihnen hätten sich vor ihrer Einreise in Russland aufgehalten, das Land nun aber wegen verschärfter Migrationsbestimmungen und der Wirtschaftskrise in Richtung Westen verlassen.

Man habe aber im Internierungszentrum die Möglichkeit, "ein bisschen mehr Leute unterzubringen", sagt Kislovas. Es gebe dann zwar mehr Probleme in Sachen Hygiene, und man könne nicht mehr die vorgeschriebenen fünf Quadratmeter pro Person bereitstellen, aber "vielleicht drei oder dreieinhalb", schätzt der Vize-Leiter des Zentrums.

foto: delfi/tomas vinickas
Da es im Schlafraum für 25 Insassen auf 25 Quadratmetern (links) schnell eng wird, halten sich viele im "Gemeinschaftskorridor" auf.

Ein 25 Quadratmeter großer Raum, in dem 25 junge Männer in Stockbetten schlafen, vermittelt jedoch einen weitaus engeren Eindruck. Man kann zwar auch in den "Gemeinschaftskorridor" ausweichen, wo die meisten auf dem Boden sitzen, Karten spielen und rauchen, aber auch dort ist es eng.

Eine spärlich ausgerüstete Küchenzeile gibt es hier, es ist abgewohnt und dreckig. Auch die Waschräume sind verschmutzt. Einer der Insassen gießt gerade kochendes Wasser über ein Bettgestell aus Holz – vermutlich, um Bettwanzen loszuwerden.

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Waschraum im Internierungszentrum.

Angesprochen auf die hygienischen Zustände reagiert man im litauischen Innenministerium gelassen: Solche Zentren seien überall in Europa "keine Fünf-Sterne-Hotels", wendet Vizeinnenminister Elvinas Jankevičius ein. In den vergangenen drei Jahren wurde viel repariert und renoviert – unter anderem der zweite Stock des Internierungszentrums. Die Bedingungen hätten sich "stark verbessert" und seien derzeit "okay".

Nur zwei Stunden am Tag können die Flüchtlinge hinaus – auf die schmale Grünfläche zwischen Internierungszentrum und Stacheldrahtzaun. Ihre Energien können die jungen Männer so kaum abbauen: Bei so vielen Menschen auf so wenig Raum gebe es "viele Konflikte", sagt Jurate Guzevičiūtė vom Human Rights Monitoring Institute in Vilnius. "Es ist unvermeidlich, dass die Spannungen steigen"

Angst und Abschreckung

Direkt nebenan in der Unterkunft für Asylwerber ist das Bild völlig anders. Das dreistöckige, beigefarbene Gebäude wurde erst kürzlich renoviert und ist sauber. Derzeit sind dort 36 Menschen untergebracht, Platz wäre für 88. Wenn man aus dem Fenster blickt, sieht man jedoch auf das noch einmal extra von Stacheldraht umringte Internierungszentrum, viele haben Angst, einmal in den gefängnisähnlichen Bau verlegt zu werden. "Dort hört man nie wieder etwas von dir, sie vergessen dich", befürchtet Ismail aus Syrien.

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Hinter dem Stacheldrahtzaun: die Unterkunft für Asylwerber (links) und das Internierungszentrum.

Als Bestrafung werde man aber nicht hinübergeschickt, stellt Vize-Leiter Kislovas klar. Sollte es Probleme mit einzelnen Asylwerbern geben, werden entweder die zehn Euro monatliches Taschengeld gestrichen oder eine Ausgangssperre für 24 Stunden verhängt. Jedoch reicht der negative Asylbescheid, um von einem Tag auf den anderen die Unterbringung wechseln zu müssen.

Oder die Flucht aus der Unterkunft, weil man in einem anderen Land um Asyl ansuchen will. Mehr als 70 Menschen haben das im Jahr 2015 bereits versucht, die 17-jährige Tahmina aus Afghanistan ist eine von ihnen. Sie wollte mit ihrem Mann nach Deutschland, auf dem Weg wurden sie aber aufgegriffen und nach Litauen zurückgeschickt, das laut Dublin-Vereinbarung zuständig ist. Normalerweise müssten sie nun beide im Internierungszentrum ausharren. Da Tahmina aber schwanger und das Zentrum ohnehin überfüllt ist, kann sie in der Unterkunft für Asylwerber bleiben. Ihr Mann ist im Nebengebäude, sie sieht ihn nur einmal am Tag, wenn die Insassen dort Ausgang haben.

Kaum Beschäftigungsmöglichkeiten

Die Asylwerber im Aufnahmezentrum können sich mehr oder weniger frei bewegen. Bis zu 24 Stunden am Stück sei es möglich, sich außerhalb des Zentrums aufzuhalten, bei Verlassen und Rückkehr müssen sie sich aber registrieren lassen, zwischen Mitternacht und sechs Uhr Früh ist die Unterkunft geschlossen.

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Der dreijährige Sohn von Tarana aus Aserbaidschan in der Unterkunft für Asylwerber.

Pabradė hat nur ein paar tausend Einwohner, die Arbeitslosenrate ist hoch. Viel zu tun gibt es für die Flüchtlinge nicht, "in fünf Minuten ist man durch die Stadt durch", erklärt Menschenrechtlerin Guzevičiūtė. In die etwa 60 Kilometer von Pabradė entfernte Hauptstadt Vilnius zu reisen kostet in eine Richtung rund zwei Euro.

Kinder im schulpflichtigen Alter können in der Stadt zur Schule gehen. Tarana aus Aserbaidschan ist mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen Sohn in der Asylwerberunterkunft – im Caritas-Zentrum in Pabradė befindet sich zwar ein Spielplatz für Kleinkinder, sonst gibt es für ihn aber kaum Möglichkeiten zu Kontakt mit Gleichaltrigen.

"Man begegnet ihnen mit Augenrollen"

Zu Problemen mit Unterbeschäftigung und schlechten hygienischen Bedingungen kommt aber noch eine wesentliche Erschwernis hinzu: die Einstellung der dort Beschäftigten. "Die Flüchtlinge werden wie Kriminelle behandelt, als kämen sie aus einer niedrigeren Klasse", sagt Menschenrechtlerin Guzevičiūtė. Man würde ihnen ständig "mit einem Augenrollen" begegnen und ihnen vorwerfen, dass sie "das System ausnützen".

foto: delfi/tomas vinickas
Die Aussicht der Insassen des Internierungszentrums.

Auch innerhalb der Zentrumsleitung scheint man die Menschen nicht immer ernst zu nehmen. Vize-Leiter Kislovas erzählt, dass die Flüchtlinge bei Besuchen der Krankenstation "alles übertreiben". Meistens würde es sich um "keine echten Probleme" handeln, mit denen sie zum Arzt kommen.

Im Jahr 2014 gab es Aufregung darüber, dass alle Flüchtlinge im Zentrum das gleiche Essen, das auch Fleisch beinhaltete, bekommen würden. "Vom Gesetz her" sei man nicht verpflichtet, den religiösen Glauben bei der Essensverteilung zu beachten, erläutert Zentrumsleiter Volikas die damalige Entscheidung. Außerdem habe es "nie öfter als 30 Prozent der Zeit Schweinefleisch gegeben". Nun steht neben den "traditionellen Speisen" auch eine vegetarische Option zur Auswahl, im Speisesaal hängt das tägliche Menü – allerdings in den Sprachen Litauisch und Russisch.

Mit Waffen und scharfen Hunden

Im Jahr 2015 stellten in Litauen bis inklusive September 205 Menschen einen Asylantrag, einen positiven Bescheid erhielten 53. Litauen soll zudem im Rahmen der EU-Verteilungsquote 1.105 weitere Flüchtlinge aufnehmen. Sie werden aber, wie alle bereits anerkannten Flüchtlinge in Litauen, im Aufnahmezentrum in Rukla und nicht in Pabradė untergebracht. "Es ist in einem kleinen Dorf mitten im Wald, weit und breit gibt es nichts", beanstandet allerdings Menschenrechtlerin Guzevičiūtė. "Das hat mit Integration nichts zu tun."

delfi/tomas vinickas
Auch Wachhunde werden rund um das Registrierungszentrum eingesetzt.

Migrationsexperte Žibas glaubt, dass im Registrierungszentrum in Pabradė Menschenrechte eine viel geringere Rolle spielen als der Sicherheitsaspekt: "Die Tatsache, dass die Angelegenheiten, die Asyl betreffen, beim staatlichen Grenzschutzdienst oder der Polizei liegen, zeigt, dass wir uns in Litauen in Richtung Absicherung vor Migration befinden." Das bekräftigt auch das äußere Erscheinungsbild des Personals in Pabradė: In Uniform und bewaffnet patrouillieren Einsatzkräfte des staatlichen Grenzschutzdiensts – zum Teil mit Wachhunden – vor und innerhalb des Zentrums.

"Menschenrechte müssen bei der Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen bedacht werden", fordert Žibas deshalb. Um das zu bewerkstelligen, sollte vor allem in die Ausbildung der Beschäftigten investiert werden, um den Flüchtlingen auch mit Verständnis und Empathie zu begegnen. "Ob Asylwerber oder Migranten – das sind Menschen wie wir," sagt Žibas, "mit den gleichen Erwartungen und Bedürfnissen, die wir in ihrer Lage auch hätten." (Noura Maan aus Pabradė, 01.11.2015)

Titelbild: Delfi/Tomas Vinickas

Die Reise nach Litauen wurde durch das Eurotours-Projekt finanziert.