Messerstiche bei AMS-Kurs: 17-Jähriger vor Gericht

24. September 2015, 13:06
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Angeklagter machte widersprüchliche Angaben und sprach von Todesangst

Wien – Ein 17-Jähriger, der im März bei einem Deutschkurs des AMS einen 31-Jährigen mit einem Messer getötet haben soll, hat sich am Donnerstag wegen Mordes vor einem Wiener Schwurgericht (Vorsitz: Norbert Gerstberger) verantworten müssen. Beim Prozess machte der junge Mann völlig andere Angaben als noch vor der Polizei. Er will vor dem 31-Jährigen Angst gehabt haben: "Ich wollte ihn nicht umbringen."

Der Mann, den er bei dem Kurs kennengelernt hatte, habe ihn mehrfach mit dem Tode bedroht, er habe Angst um sein Leben gehabt. Deshalb habe er die Messer zur Verteidigung eingesteckt. "Ich möchte mich entschuldigen. Ich bereue es, dass ein Mensch getötet wurde", sagte der Beschuldigte. Aber er habe seinen Kontrahenten nicht töten wollen. Er bekannte sich nur teilweise schuldig.

Holte Hauptschulabschluss nach

Der 17-Jährige kam Ende 2013 gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester aus Afghanistan nach Wien. Um in Österreich seinen Hauptschulabschluss nachzuholen – der Jugendliche war Analphabet –, besuchte er ab Dezember 2014 nebenbei einen Deutschkurs beim AMS in Liesing. Dort traf er auf sein späteres Opfer, einen 31-jährigen Afghanen, der leidenschaftlich gern Musik machte.

Im Zuge einer Aufgabenstellung innerhalb des Deutschkurses kam das Thema auf Musik und der 31-Jährige erzählte von seiner Leidenschaft. Da meinte der 17-Jährige, er höre keine Musik, da ihm das der Koran nicht erlauben würde. "Ich habe gehört, dass das nicht richtig ist", meinte der junge Mann vor Gericht. Beim folgenden Streit kamen sich die beiden bedrohlich nahe, wurden jedoch von ihren Kollegen und dem Kursleiter zurückgehalten und zunächst beruhigt. Der 31-Jährige, ebenfalls Muslim, erklärte laut Anklageschrift, "dass er eine Religion, die Musik verbieten würde, ficken würde".

Diese Aussage erzürnte den Jüngeren laut Staatsanwaltschaft dermaßen, dass er noch am Nachhauseweg darüber nachdachte, dass er den 31-Jährigen "fertig machen würde". In seiner Wohnung holte er heimlich zwei Messer, eines davon ein Keramikküchenmesser. Er steckte sie in die Innenseite seiner Jackentasche, um sie am nächsten Tag mit in den Kurs zu nehmen.

Tags darauf besuchte er seine Hauptschule, ging in die Moschee und dann zum Deutschkurs im AMS. Dort traf er auf seinen Kontrahenten, der gerade am Gang ein Telefonat führte. Wie die Staatsanwaltschaft darlegte, zückte der 17-Jährige ohne ein Wort zu sagen das Messer und stach auf den 31-Jährigen ein. Dieser sprang nach dem ersten Stich auf und versuchte, sich zu wehren, doch der junge Mann ließ nicht von ihm ab.

Mit dem Tod gedroht

Der Angeklagte widersprach dieser Tatversion, das Polizeiprotokoll sei falsch und seine Unterschrift gefälscht worden. Die Beleidigungen – nach seiner Aussage Sätze wie "Ich scheiße auf Mohammed, den Propheten und den Koran" sowie der 17-Jährige sei ein "Zuhälter" und ein "Ehrenloser" und seine Familie bestünde aus "Eseln" – hätten ihm nämlich gar nichts ausgemacht. Vielmehr hatte er vor dem 31-jährigen Kurskollegen Angst, da er ihn im Zuge des Streits um die Musik auch mit dem Tod bedroht habe.

Als er am nächsten Tag in den Kurs kam, sei der 31-Jährige auf ihn losgegangen, habe ihn gestoßen und gewürgt. "Aus Angst hab' ich große Augen bekommen. Ich hab' gedacht, dass er mich umbringt." Damit der 31-Jährige loslässt, habe er auf seine Hand stechen wollen, habe aber seinen Bauch erwischt, erklärte der Beschuldigte.

Der 17-Jährige selbst wurde durch den von ihm nun berichteten Angriff nicht verletzt. Vielmehr fügte er seinem Opfer 17 Schnitt- und Stichverletzungen zu, wobei das Messer bei einem Stich in die Schulter stecken blieb und abbrach. Sein Kontrahent starb noch am Gang des AMS, da laut Anklage Lunge, Leber und Magen angestochen und das Zwerchfell durchstochen worden waren.

Der 17-Jährige flüchtete daraufhin mit dem zweiten Messer. Er wurde eine Woche später beim Knoten Vösendorf in unmittelbarer Nähe der Südautobahn (A2) festgenommen. Mitarbeiter der Asfinag holten den Jugendlichen, der dort zu Fuß unterwegs war, aus dem Gefahrenbereich und übergaben ihn der Polizei. Dem Beschuldigten drohen im Fall eines Schuldspruchs bis zu 15 Jahre Haft. (APA, 24.9.2015)

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