HCB-Richtwert bei Schaf aus Görtschitztal neunfach überschritten

24. September 2015, 12:55
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Die Aufhebung der verpflichtenden Untersuchung für Schlachttiere gefährdet die Gesundheit, warnt Global 2000

Wien/Klagenfurt – Global 2000 hat ein frisch geschlachtetes Schaf und ein fünf Monate altes Lamm an der Lebensmittelversuchsanstalt Klosterneuburg auf Hexachlorbenzol (HCB) untersuchen lassen. Der Hof, von dem die Tiere stammten, liegt sieben Kilometer vom Zementwerk Wietersdorfer im Kärntner Görtschitztal entfernt. Das ausgewachsene Tier wurde bis zum Bekanntwerden des dortigen HCB-Skandals im Freien gehalten, erhielt aber seit Dezember des Vorjahrs HCB-freies Austauschfutter. Es wies bei der Untersuchung eine HCB-Belastungen von 17 beziehungsweise 18 Mikrogramm pro Kilo im Faschierten beziehungsweise Schlögel sowie 107 Mikrogramm pro Kilo im Nierenfett auf.

Das Lamm hingegen, das im April geboren wurde und somit nie mit kontaminiertem Futter in Kontakt kam, wies lediglich geringe Spuren von HCB mit weniger als einem Mikrogramm pro Kilo auf. "Dieses Ergebnis ist in hohem Maß alarmierend", sagt Global-2000-Umweltchemiker Helmut Burtscher. Denn Tiere, die über einen längeren Zeitraum HCB-belastetes Futter erhielten, weisen demnach noch Monate nach der Futterumstellung eine hohe HCB-Belastungen auf. "Die von der Med-Uni Wien berechneten Maximalwerte für HCB sind um das Neunfache überschritten", so Burtscher.

Untersuchungen der Med-Uni Wien

"Unsere Blutuntersuchungen an 135 Personen aus dem Görtschitztal haben gezeigt, dass diese Menschen eine deutlich erhöhte HCB-Belastung aufweisen", sagt Hans Peter Hutter von der Med-Uni Wien. Die Uni wurde daher beauftragt, auf Basis dieser Blutwerte HCB-Grenzwerte zu berechnen. Das Ziel ist, damit sicherzustellen, dass belastete Personen weniger HCB aufnehmen als ausscheiden und daher eine Entgiftung stattfinden kann.

"Unsere Berechnungen zeigten, dass diese toxikologisch begründeten Maximalwerte zum Teil sehr deutlich unterhalb der geltenden EU-Grenzwerte für HCB liegen", sagt Hutter. "Jetzt geht es darum, für die belasteten Menschen im Görtschitztal sicherzustellen, dass diese gesundheitlichen Richtwerte nicht überschritten werden."

Kritik an Aufhebung der Untersuchungspflicht

"Der Bescheid des Landes Kärnten zur Aufhebung der HCB-Untersuchungspflicht ist wissenschaftlich nicht nachvollziehbar und prolongiert die Gefährdung der menschlichen Gesundheit im Görtschitztal", kritisiert Global-2000-Umweltchemiker Burtscher. Denn der EU-Grenzwert, auf dessen Einhaltung sich der Bescheid bezieht, ist nicht sicher. Darüber seien sich die Experten des Umweltbundesamts, der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit und der Med-Uni einig, sagt Burtscher. Ein Ersuchen des Gesundheitsministeriums an die EU-Kommission, den HCB-Grenzwert neu zu bewerten, hat die Kommission allerdings abgelehnt.

Halbwertszeit fragwürdig

Fragwürdig ist laut Burtscher auch die Annahme einer Halbwertszeit von 73 Tagen für den HCB-Abbau bei Nutztieren. Denn beim Menschen liegt diese Halbwertszeit bei durchschnittlich sechs bis sieben Jahren. So lange werde es dauern, bis die HCB-Belastung in Körperfett, Blut und Muttermilch der Görtschitztaler Bevölkerung auf die Hälfte reduziert sein wird.

Global 2000 fordert daher ein Bündel an Maßnahmen: eine umgehende schriftliche Information an alle Görtschitztaler Haushalte über die von der Med-Uni berechneten "Maximalwerte für HCB in Lebensmitteln", deren Einhaltung erforderlich ist, um eine Entgiftung der belasteten Bevölkerung zu ermöglichen; die sofortige Wiedereinführung der Untersuchungspflicht für Schlachttiere im Görtschitztal; und ein laufendes Lebensmittelmonitoring für Erzeugnisse aus dem Görtschitztal hinsichtlich der Einhaltung der HCB-Maximalwerte der Med-Uni und die Veröffentlichung aller Untersuchungsergebnisse.

Schließlich soll eine hundertprozentige Entschädigung der Bauern für all jene Produkte gewährleistet sein, die wegen Überschreitung der HCB-Maximalwerte nicht vermarktet werden können. Bis die Verantwortung für die Kontamination, also der Verursacher, rechtskräftig festgestellt ist, müsse das Land Kärnten im Interesse der öffentlichen Gesundheit dieses Geld vorstrecken, fordert die Umweltschutzorganisation. (july, 24.9.2015)

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