Massenpanik bei Hadsch: Mehr als 700 Tote und 800 Verletzte nahe Mekka

24. September 2015, 14:39
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Das Unglück ereignete sich in Mina, wo Gläubige symbolisch den Teufel steinigen

Mekka – Mehr als 700 Menschen sind bei einer Massenpanik während der muslimischen Pilgerfahrt Hadsch in Saudi-Arabien ums Leben gekommen. Bei der Panik während der symbolischen Teufelssteinigung in Mina seien zudem mehr als 800 Gläubige verletzt worden, teilte der Zivilschutz des Landes am Donnerstag mit. Es handelt sich um das schwerste Unglück während des Pilger-Großereignisses seit 25 Jahren.

Auslöser der Massenpanik unklar

Der Auslöser der Panik am Donnerstag gegen 9.00 Uhr (Ortszeit) in Mina in der Nähe von Mekka, wo sich hunderttausende Pilger versammelt hatten, war zunächst unklar. Laut einem Krankenhaus-Mitarbeiter kam es zu der Katastrophe außerhalb der Dschamarat-Brückenkonstruktion, wo die symbolische Teufelssteinigung stattfindet. Eine Pilgergruppe, die den Ort verlassen wollte, sei dort auf eine andere Gruppe getroffen, die entweder in die Gegenrichtung wollte oder in dem Bereich campierte. Dabei sei es zu Gedränge gekommen.

Die Zahl der Opfer mussten die Behörden, die anfangs von etwa einhundert Toten gesprochen hatten, mehrfach nach oben korrigieren. Am Nachmittag meldete der Zivilschutz über den Internet-Kurzbotschaftendienst Twitter mindestens "717 Tote und 805 Verletzte" aus verschiedenen Ländern.

Zahlreiche Leichen lagen bedeckt mit weißen Tüchern am Unglücksort auf dem Boden. Nach Angaben der amtlichen saudi-arabischen Nachrichtenagentur waren mehr als 220 Rettungsfahrzeuge im Einsatz. Einsatzkräfte würden daran arbeiten, den Pilgerandrang zu verringern und den "Gläubigen Zugang zu alternativen Wegen zu verschaffen".

Vorwürfe des Iran gegen Saudi-Arabien

Der Iran warf Saudi-Arabien schwere Fehler bei den Sicherheitsvorkehrungen vor. Nach Angaben des iranischen Hadsch-Organisators Said Ohadi wurden aus "unbekannten Gründen" zwei Fußwege in der Nähe des Unglücksortes gesperrt. "Das löste diesen tragischen Vorfall aus", sagte er dem iranischen Staatsfernsehen. "Die saudischen Verantwortlichen sollten haftbar gemacht werden." Mindestens 43 Iraner sind unter den Todesopfern. Der saudische Gesundheitsminister brachte die Katastrophe mit mangelnder Disziplin von Pilgern in Zusammenhang, die Anweisungen der Verantwortlichen ignoriert hätten. Der Unfall wäre andernfalls zu verhindern gewesen, sagte Khalid al-Falih im öffentlichen TV-Sender El-Ekhbariya.

Symbolische Teufessteinigung

Die Pilgermassen waren in Mina zusammengekommen, um Steine auf eine von drei Wänden zu werfen. Bei dieser symbolischen Teufelssteinigung, dem letzten großen Ritual vor dem Ende des Hadsch, hatte es in der Vergangenheit schon mehrfach hunderte Tote wegen einer Massenpanik gegeben. Die diesjährige Zahl der Todesopfer wird aber nur von einer Panik im Jahr 1990 übertroffen, als 1.426 Pilger offenbar wegen einer ausgefallenen Belüftungsanlage in einem Fußgängertunnel erstickten. Zuletzt waren im Jänner 2006 in Mina bei einer Massenpanik 364 Pilger getötet worden.

Seit fast einem Jahrzehnt war es wegen verbesserter Sicherheitsvorkehrungen zu keinen größeren Unglücken mehr gekommen. In diesem Jahr aber war die Pilgerfahrt schon vor ihrem Beginn von einem verheerenden Unfall überschattet: Ein Baukran stürzte am 11. September auf einen Innenhof der Großen Moschee von Mekka, 107 Menschen starben und etwa 400 weitere wurden verletzt. Dennoch entschieden die Behörden, den Hadsch stattfinden zu lassen.

Die weltweit 1,5 Milliarden Muslime feierten am Donnerstag das Opferfest Eid al-Adha, der wichtigste Feiertag für Muslime. Der Tag gilt traditionell als der gefährlichste während der Hadsch, da Zehntausende Pilger auf engstem Raum ihre Rituale vollziehen.

Der Hadsch ist das weltweit größte muslimische Pilgerereignis, an dem jährlich rund zwei Millionen Menschen teilnehmen. Gemäß dem Koran muss jeder Muslim, ob Mann oder Frau, der gesund ist und es sich leisten kann, einmal im Leben zur heiligsten Stätte des Islam in Mekka pilgern. Der Hadsch, an dem an diesem Jahr nach offiziellen Zahl 1,95 Millionen Pilger teilnahmen, geht offiziell am Sonntag zu Ende. (APA, 24.9.2015)

Wissen: Unglücke in Mekka

Die Toten in einem Massengedränge sind nicht die ersten Katastrophenopfer in der Pilgerstadt Mekka. Frühere Unglücke:

11. September 2015: Etwa 107 Gläubige sterben und mehr als 230 werden verletzt, als ein Kran im Sturm auf die Große Moschee in Mekka stürzt.

12. Jänner 2006: Ein fatales Gedränge entsteht, als Pilger über mitgebrachte Gepäckstücke auf der Dschamarat-Brücke in Mina stolpern. Nachfolgende Pilger trampeln die Gestürzten zu Tode. 362 Muslime kommen ums Leben.

5. Jänner 2006: Ein Pilgerhotel in der Nähe der Großen Moschee stürzt ein, 76 Menschen sterben.

1. Februar 2004: Während der Hadsch-Wallfahrt in Saudi-Arabien werden in Mina 251 Menschen zu Tode getrampelt.

5. März 2001: Mindestens 35 Pilger werden im Getümmel in Mina getötet. Das Unglück ereignet sich bei der rituellen "Steinigung des Teufels".

9. April 1998: Ebenfalls bei der symbolischen Satanssteinigung sterben in der Ebene von Mina 118 Pilger.

15. April 1997: Bei einem Großbrand in einem Zeltlager kommen mehr als 300 Pilger ums Leben. Das Feuer wird offenbar von explodierenden Gasflaschen ausgelöst, wie sie zum Kochen benutzt werden.

23. Mai 1994: Auf der Dschamarat-Brücke in Mina werden 270 Menschen zu Tode gedrückt.

2. Juli 1990: In einem Tunnel zwischen Mekka und Mina entsteht ein tödliches Gedränge. Vermutlich war die Belüftungsanlage ausgefallen. Mehr als 1.400 Pilger ersticken oder werden zu Tode getrampelt.

  • Rettungskräfte versorgen Verletzte.
    foto: directorate of the saudi civil defense agency via ap

    Rettungskräfte versorgen Verletzte.

  • Immer wieder kommt es zu Unglücksfällen bei der Pilgerreise in Mekka.
    foto: ap photo/mosa'ab elshamy

    Immer wieder kommt es zu Unglücksfällen bei der Pilgerreise in Mekka.

  • Zwei Millionen Pilger werden dieses Jahr erwartet.
    foto: reuters/ahmad masood

    Zwei Millionen Pilger werden dieses Jahr erwartet.

  • Gläubige im Gebet in Mekka.
    foto: reuters/ahmad masood

    Gläubige im Gebet in Mekka.

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