Porsche-Chef Müller soll neuer VW-Chef werden

24. September 2015, 15:54
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Deutscher Verkehrsminister: Zahl der betroffenen Fahrzeuge steht noch nicht fest – Auch Seat- und Škoda-Modelle sind betroffen

Wolfsburg – Die Volkswagen-Affäre um Manipulationen bei der Abgasmessung an Dieselautos zieht weitere Kreise. Am Donnerstag wurde bekannt, dass auch Fahrzeuge in Europa betroffen sind. Nach dem Bekanntwerden des Skandals in den USA hatte Volkswagen bereits mitgeteilt, dass weltweit rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen seien, wie viele davon in Europa, ist bisher nicht bekannt. VW hat die Autos mit einer Software so manipuliert, dass sie bei Tests deutlich weniger gesundheitsschädliche Stickoxide ausstoßen als tatsächlich auf der Straße. Konzernchef Martin Winterkorn gab wegen der Affäre am Mittwoch seinen Rücktritt bekannt.

Porsche-Chef Matthias Müller wird einem Insider zufolge neuer Vorstandschef von Volkswagen. Der Aufsichtsrat werde den 62-Jährigen am Freitag zum Nachfolger Winterkorns bestellen, sagte eine mit den Beratungen vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. Müller soll den Skandal aufklären und Vertrauen für Volkswagen zurückgewinnen. Volkswagen wollte sich dazu nicht äußern. Die Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums hätten sich am Donnerstagnachmittag auf Müller geeinigt, berichteten auch "Handelsblatt" und "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Der VW-Aufsichtsrat tagt am Freitag, um die Personalie zu beschließen.

Auch Škoda-Chef Winfried Vahland wird als Nachfolger Winterkorns gehandelt. Der 58-Jährige steht seit 2010 an der Spitze des Autobauers aus Mlada Boleslav und war zuvor fünf Jahre lang für Volkswagen in China tätig.

Weitere personelle Konsequenzen

Nach Winterkorns Rücktritt wurde rasch der Ruf nach weiteren personellen Konsequenzen laut. In deutschen Medien wird bereits munteres Namedropping betrieben. Laut bild.de sollen der langjährige VW-Entwicklungschef und derzeitige Audi-Vorstand Ulrich Hackenberg sowie Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz ihre Posten räumen. Das will die Zeitung aus Unternehmenskreisen erfahren haben.

Wie spiegel.de berichtet, soll ein dritter Name auf der Rücktrittsliste stehen. Demnach soll auch VW-Entwicklungsvorstand Heinz Jakob Neußer vor der Ablöse stehen. Ebenfalls abgelöst werden soll der US-Chef von VW, Michael Horn, heißt es laut der Nachrichtenagentur Reuters. Eine Bestätigung steht bisher aus.

Auch Seat- und Škoda-Modelle sind betroffen

Von den Problemen mit manipulierten Abgaswerten bei VW sind neben Audi weitere Konzerntöchter betroffen. Innerhalb des Konzerns teilen sich die Unternehmen etliche Bauteile, darunter auch Motoren und Getriebe. Ein Sprecher der VW-Tochter Škoda bestätigte am Donnerstag, Modelle der Reihen Fabia, Roomster, Octavia und Superb aus den Jahren 2009 bis 2013 seien teilweise mit den betroffenen Dieselmotoren ausgerüstet worden. Bei aktuellen Modellen gebe es keine Probleme.

Škoda hat nach eigenen Angaben in Deutschland einen Marktanteil von knapp sechs Prozent. Das tschechische Verkehrsministerium hat eine Untersuchung eingeleitet und will bei einer eventuellen Rückrufaktion behilflich sein, teilte ein Sprecher mit.

Auch Seat bestätigte am Donnerstag, dass in dem Werk der spanischen VW-Tochter Fahrzeuge mit der manipulierten Dieseltechnologie montiert worden seien. Die genaue Zahl sei nicht bekannt, verlautete aus Unternehmenskreisen. Eine Untersuchung solle nähere Aufschlüsse bringen.

Die spanische Zeitung "El País" berichtete am Donnerstag, dass seit 2009 bei Seat eine halbe Million Autos mit der manipulierten Abgastechnologie montiert worden seien. Als Quelle wurden inoffizielle Kreise genannt, die mit dem Unternehmen in Verbindung stünden.

Zahl betroffener VW-Pkws in Österreich unklar

Die Anzahl der in Österreich von der VW-Abgasaffäre betroffenen Autos ist offen. "Die Zahl steht noch nicht fest", sagte ein Sprecher der Porsche Holding Salzburg, die hierzulande auch die Kommunikation für Volkswagen innehat, am Donnerstag. Wenn man die entsprechende Information vom VW-Sitz im deutschen Wolfsburg erhalte, werde man die Zahl kommunizieren.

Sammelklagen stehen an

Auf den VW-Konzern rollt laut Medienberichten eine Welle von Sammelklagen in den USA und Kanada zu. Nach Recherchen des NDR und der "Süddeutschen Zeitung" sind seit Freitag 37 Klagen bei US-Gerichten eingereicht worden, zwei in Kanada. Zahlreiche Anwaltskanzleien hätten zudem Aufrufe an VW-Käufer gestartet, sich den Klagen anzuschließen.

Kläger sind den Berichten zufolge zumeist private Autokäufer, in einem Fall auch ein Autohändler. Die Käufer sehen sich in Sachen Umweltfreundlichkeit von VW getäuscht. In den Klagsschriften werfen sie dem Konzern Betrug, Vertragsbruch und weitere Gesetzesverstöße vor. "Der Grund, warum sie das gemacht haben, ist: Die Leistung des Autos verringert sich, wenn die Abgasreinigung arbeitet", sagte der Anwalt Steve Berman aus Seattle im Bundesstaat Washington in einem Video, mit dem er um weitere Mandanten wirbt. Das aber sei nicht gewollt gewesen, "weil niemand Autos mit einer geringeren Leistung kaufen würde".

Schadenersatz für Wertverlust gefordert

Berman hatte den Angaben zufolge vergangenen Freitag für einen VW-Fahrer aus Kalifornien die erste Klage dieser Art eingereicht. Die Kläger verlangen Schadenersatz für den Wertverlust ihrer Fahrzeuge und die durch den Rückruf entstehenden Kosten. Nach Angaben von Anwälten könnte sich die Zahl der Kläger noch massiv erhöhen. Von den Rückrufen sind in den USA 482.000 Autos betroffen, weitere 100.000 in Kanada. Dabei handelt es sich um Dieselfahrzeuge der Baujahre 2009 bis 2015.

Aufklärung gewünscht

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) kündigte rückhaltlose Aufklärung an. Im ARD-Morgenmagazin sagte das VW-Präsidiumsmitglied am Donnerstag: "So etwas darf sich bei Volkswagen nicht wiederholen." Es werde lange dauern, bis das Unternehmen das verlorengegangene Vertrauen wiederherstellen könne. "Der erste Schritt dazu ist, klipp und klar die Dinge auf den Tisch zu legen. Und dazu sind wir entschlossen."

Auch BMW-Geländewagen mit auffälligen Werten

In der Affäre rücken nun weitere Autobauer in den Fokus. Auch der BMW X3 xDrive 20d habe bei Straßentests des Forschungsinstituts ICCT auffällige Stickoxidwerte produziert, berichtete "Auto-Bild" am Donnerstag. Das Dieselfahrzeug habe die europäische Abgasnorm um mehr als das Elffache überschritten.

"Alle Messdaten deuten darauf hin, dass das kein VW-spezifisches Problem ist", sagte ICCT-Vertreter Peter Mock der "Auto-Bild". Bei BMW gebe es "keine Funktion zur Erkennung von Abgaszyklen", betonte ein Sprecher des Herstellers laut dem Bericht. "Alle Abgassysteme bleiben auch außerhalb des Abgaszyklus aktiv." Als Reaktion auf den Bericht gab die BMW-Aktie zeitweise um fast zehn Prozent nach.

Managerversicherungen stellen sich auf hohe Kosten ein

Die Affäre ist derzeit auch bei vielen Versicherungen Gesprächsthema Nummer eins. Denn auf sie könnten wegen des VW-Skandals Belastungen von mehreren hundert Millionen Euro zukommen, sagten wie mehrere Branchenmanager der Nachrichtenagentur Reuters. Zittern müssen aus ihrer Sicht vor allem die Konzerne, die bei Schadenersatzforderungen gegen Vorstände und Aufsichtsräte einspringen. Die größten Anbieter solcher Versicherungen für Directors & Officers (D&O) in Deutschland sind Zurich, Allianz, Talanx und AIG.

D&O-Versicherungen kommen in der Regel für Schadenersatzansprüche gegen Manager sowie für Gerichts- und Anwaltskosten auf – allerdings nur bis zu einem bestimmten Betrag. Bei einem Unternehmen wie VW liege die Obergrenze vermutlich bei 500 Millionen Euro, sagten mehrere D&O-Experten. Den Großteil der Belastungen, die im Milliardenbereich liegen dürften, müsste der Konzern somit selbst schultern (APA, 24.9.2015)

  • Nach dem Abgasskandal dürften bei Volkswagen weitere personelle Konsequenzen anstehen.
    foto: apa / fredrik von erichsen

    Nach dem Abgasskandal dürften bei Volkswagen weitere personelle Konsequenzen anstehen.

  • Porsche-Chef Matthias Müller soll neuer VW-Chef werden.
    foto: ralph orlowski / reuters

    Porsche-Chef Matthias Müller soll neuer VW-Chef werden.

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