Zinsschraube und Wachstumsdelle bringen Anleger in Zwickmühle

25. September 2015, 13:11
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Für Anleger ist der globale wirtschaftliche Rahmen zwischen dem schwächelnden China und den wiedererstarkten USA widersprüchlich

"Die Börse folgt der Wirtschaft wie ein Hund seinem Herrchen. Mal geht sie voraus, mal hinterher – aber immer den gleichen Weg." Das wusste bereits André Kostolany, der Börsenaltmeister des vergangenen Jahrhunderts. Grund genug, um einen Blick auf die Weltwirtschaft zu werfen, schließlich definiert diese die Rahmenbedingungen für sämtliche Anlagen.

Ein höheres Wirtschaftswachstum begünstigt grundsätzlich sowohl Aktieninvestments, da die Unternehmensgewinne solide Steigerungen ausweisen sollten, als auch die Anleihenmärkte durch geringere Ausfallswahrscheinlichkeiten. Doch ganz so simpel sind die Zusammenhänge auch wieder nicht: Läuft die Konjunktur wie am Schnürchen, begünstigt dies höhere Zinsen, was wiederum bremsend auf die Aktien- und Anleihenmärkte abstrahlt.

Moderate US-Zinserhöhungen

Auf rasant steigende Zinsen deutet in den Industriestaaten derzeit ohnedies nichts hin, zumal die US-Notenbank Fed in der Vorwoche aus Sorge um Chinas schwächelnde Wirtschaft von einer Abkehr von der Nullzinspolitik Abstand genommen hat. Die meisten Analysten gehen nun von einer zarten Erhöhung im Dezember aus.

Der Zinspfad der Fed, der sich aus den Einzelprognosen der obersten US-Notenbanker zusammensetzt, deutet zu Jahresende einen Anstieg des Leitzinses auf 0,375 Prozent an. Zwölf Monate darauf soll er demnach bereits um einen Prozentpunkt höher liegen. In Europa steht ein höherer Leitzins hingegen nicht einmal zur Debatte, vielmehr steht sogar eine Ausweitung oder Verlängerung des laufenden Anleihenkaufprogramms im Raum. Bisher plant die Europäische Zentralbank (EZB) bis September 2016 durch Käufe an den Rentenmärkten insgesamt 1,14 Billionen Euro in Umlauf zu bringen.

Mehr Aktienrückkäufe und Dividenden

Für Anleger könnte sich alleine das jüngste Zaudern der Fed auszahlen: Anlagestrategen zufolge treibt die nun verlängerte Nullzinspolitik den Boom bei Aktienrückkäufen und Sonderdividenden kräftig an. Die Rechnung dahinter ist grundsätzlich einfach nachzuvollziehen: Auf Pump finanzierte Ausschüttungen sind billiger als herkömmliche Dividendenzahlungen. In diesem Jahr haben US-Firmen auf diesem Weg bereits Milliardensummen an ihre Anteilseigner ausgezahlt. Dazu kommen die knapp 900 Milliarden Dollar, die Unternehmen laut dem Analysehaus Birinyi Associates für Rückkäufe eigener Aktien aufwenden wollen. Damit wäre der bisherige Rekord aus dem Jahr 2007 übertroffen.

Just das Land des Lächelns könnte jedoch auch weiterhin Sorgenfalten bei den Börsianern nach sich ziehen. In einem sind sich Experten nämlich einig: China wird sich dauerhaft von Wachstumsraten von sieben Prozent oder darüber verabschieden. Da das Land zuletzt fast ein Drittel des Wachstums der Weltwirtschaft von rund 3,5 Prozent beigesteuert hat, wird Chinas Konjunkturflaute globale Auswirkungen haben. Besonders andere Schwellenländer werden leiden. Europa und die USA dürfte die China-Flaute weniger deutlich treffen.

Geldpolitik lenkt Kapitalströme

"China hatte zuletzt Investitionsquoten von 50 Prozent. Es ist nicht absehbar, dass die Nachfrage im Inland so stark ist, dass sie eine Anpassung auf ein übliches Investitionsniveau – rund 20 bis 30 Prozent – kompensieren kann", erklärt Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria.

"Der Kurssturz an den chinesischen Börsen im August war möglicherweise die antizipierte Reaktion der Märkte auf die Zinswende in den USA", sagt Mario Holzner, Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Die ultralockere Geldpolitik der Fed seit der Lehman-Krise hatte eine Flucht des Geldes in rentable Investments im Ausland – oft Staatsanleihen und Aktien in Schwellenländern – angefacht und dort Preisblasen begünstigt. Ein willkommener Nebeneffekt war, dass durch die Kapitalströme in die Schwellenländer dort die Importnachfrage stieg. So entstanden Absatzmärkte für amerikanische und europäische Exporteure.

China trifft vor allem Deutschland

In Europa ist Exportweltmeister Deutschland im China-Geschäft am stärksten exponiert. Unsere Nachbarn setzen rund 5,4 Prozent ihrer Ausfuhren im Reich der Mitte ab. Der Exportanteil der österreichischen Wirtschaft liegt zwar bei nur einem Prozent. Da viele deutsche Exporteure von österreichischen Firmen beliefert werden, erhöht sich der von China-Ausfällen betroffene Wirtschaftsanteil indirekt auf 1,7 Prozent, wie ein Stresstest der Bank Austria zeigt.

"Absatzausfälle dauerhaft zu ersetzen wird schwierig. Aber wenn China weniger Rohstoffe nachfragt, bleiben die Energiepreise niedrig. Das kann die europäische Wirtschaft ankurbeln", sagt Bruckbauer. Des einen Freud, des anderen Leid: Die meisten Emerging Markets werden durch Rohstoffexporte weniger einnehmen.

Mit der voraussichtlichen Abkehr von der Nullzinspolitik durch die Fed steht eine Aufwertung des Dollars kurz bevor. Das wird den Kapitalabfluss aus den Schwellenländern beschleunigen und durch zu erwartende Wechselkurseffekte Dollar-Anleihen und -Aktien für Investoren aus Euroland attraktiver machen.

Insgesamt schlägt 2016 laut OECD das Konjunktur-Pendel zugunsten der Industriestaaten aus. Für die USA wird eine Wachstumsbeschleunigung auf 2,6 Prozent und für Euroland auf 1,9 Prozent erwartet, während in China die Dynamik weiter nachlassen sollte. (Aloysius Widmann, Alexander Hahn, 25.9.2015)

  • Chinas Konjunkturschwäche belastet die Weltwirtschaft.
    foto: fabian bimmer

    Chinas Konjunkturschwäche belastet die Weltwirtschaft.

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