"Chucks": Auch Rebellinnen suchen Geborgenheit

24. September 2015, 09:00
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In dem österreichischen Spielfilm geht eine junge Frau unbeirrbar eigene Wege

Wien – Wenn sie nicht gleich zum erwünschten Ziel kommt, legt Mae, die eigentlich Maeva heißt, schnell ein paar Schäuferln nach. Dann wird sie unbeherrscht, gerne auch mal unflätig, bellt ihr Gegenüber an. Geduld ist keine Stärke der jungen Frau mit dem markant leuchtenden Rotschopf, und sie mag es auch nicht, wenn man ihr etwas anschafft. Mit dieser rebellischen Natur ist sie allerdings die umso gewinnendere Filmfigur – schließlich unterstützt man immer lieber jene, die Gründe haben, gegen etwas zu sein.

Mae ist die größte Stärke von Chucks, dem jüngsten Spielfilm des österreichischen Regie-Duos Sabine Hiebler und Gerhard Ertl. Verkörpert wird sie von der 23-jährigen Niederösterreicherin Anna Posch, die schon in Peter Kerns Diamantenfieber oder Kauf dir einen bunten Luftballon eine Kostprobe ihres Talents für impulsive Charaktere gegeben hat.

foto: stadtkino
Graffiti-Sprayer-Wohngemeinschaft: Mae (Anna Posch, li. auf dem Sofa) sucht in "Chucks" bald woanders ihr Glück.

In Chucks ist sie nun in fast jeder Szene zu sehen, ein bockiges Mädel, das sein bürgerliches Zuhause gegen schmuddelige Graffiti-Kumpels getauscht hat, mit denen es durch die Wiener Straßen zieht. Dass sich hinter Maes harter Schale ein feinfühliges Wesen verbirgt, gibt der Film erst sukzessive preis. Posch vermag dabei mit unaufwendigen Mitteln Akzente zu setzen.

Die einzige Figur im Film, die tiefer blickt, ist Paul (Markus Subramaniam). Mae stößt mit ihm bei der Aids-Hilfe eines Tages einfach zusammen. Sie muss dort strafweise Sozialarbeit ableisten, er sich behandeln lassen. Zwischen dem sanften Burschen und der so gegensätzlichen jungen Frau entwickelt sich eine Freundschaft, aus der Freundschaft wird ein Verliebtsein. Dass Paul nicht mehr lange zu leben hat, ist von Anfang an Thema – Hiebler und Ertl haben diesen Aspekt aus Cornelia Travniceks Romanvorlage übernommen und noch ein Stück stärker in den Mittelpunkt des Films gerückt.

Melo ums Sterben

Obwohl Chucks nicht übertrieben um Mitgefühl buhlt und das Miteinander zurückhaltend, humorvoll zeigt, wirkt die melodramatische Setzung etwas überzogen. Maes Wandlung in der Annäherung an Paul ist auch als Versuch zu verstehen, sich dem Tod ihres Bruders zu stellen – ein Ereignis, das einen Keil durch ihre Familie getrieben hat, im Film nur in kurzen Rückblenden erscheint und das Rätsel des Titels um die Turnschuhe enthält.

stadtkino filmverleih

Die innere Zerrissenheit glaubwürdig zu vermitteln erweist sich allerdings als etwas zu steile Aufgabenstellung für einen Film, der gerade in den konfrontativen Szenen etwas unbeholfen agiert, ja schematisch bleibt. Wiederholt setzen Hiebler und Ertl, die mit ihrem Liebesfilm unter Senioren, Anfang 80, einen Publikumserfolg landeten, auch auf musikalische Sequenzen (vor allem auf die verführerische Melancholie von Soap & Skin), um die Gemütslage ihrer Heldin vor urbaner Kulisse zu veranschaulichen.

Einnehmender sind jene Manöver, die aus Situationen heraus entstehen: wenn das Paar wie in Valérie Donzellis Das Leben gehört uns fremde Räume trotzig mit Lebenskraft füllt und zur Spielwiese macht; oder leise, private Momente wie jener, bei dem die nächtliche Kontrolle des Atems Auskunft über Ängste gibt. (Dominik Kamalzadeh, 24.9.2015)

Ab 25.9. im Kino

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