Pläne für Stromzäune spalten Europa

23. September 2015, 17:56
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Rund um Deutschland entstehen künstliche Zäune. Nun soll der einzig noch freie Übergang zu Österreich dichtgemacht werden

Fuschl – Bis zu 300 Millionen Euro Mehrkosten pro Jahr könnten auf Österreichs Stromkunden zukommen, sollte wahr werden, was verschiedene Interessengruppen forcieren: das Erzeugen eines künstlichen Engpasses zwischen Deutschland und Österreich, der den Fluss der Elektronen bremsen würde. "Das wäre ein Rückschritt, ginge in die völlig falsche Richtung", sagte Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber am Mittwoch zum Auftakt der Energy 2050 in Fuschl. Bis inklusive Freitag diskutieren Vertreter der Branche in dem Salzburger Ort über die Verwerfungen, die in der Stromlandschaft wohl keinen Stein auf dem anderen lassen werden.

Am selben Tag hatte die Europäische Regulierungsbehörde Acer, in der von österreichischer Seite die E-Control Sitz, Stimme und mit Walter Boltz auch den Vizevorsitzenden hat, eine Aufteilung der gemeinsamen deutsch-österreichischen Preiszone empfohlen. Das Gutachten, das in den vergangenen Monaten auf Betreiben von Polen und Tschechien erstellt worden ist, sieht im Moment kein besseres Mittel, die in Deutschland und in den umliegenden Ländern immer gehäufter auftretenden Netzprobleme zu lösen, als durch Errichtung eines künstlichen Zauns. Das könnte zu Mehrkosten im Großhandel von 4,5 Euro je Megawattstunde (MWh) führen, was bei dem derzeitigen Preisniveau von rund 30 Euro je MWh einem Preissprung von 15 Prozent entspricht.

Drittbeste Variante

Die Länder Osteuropas haben dafür gestimmt, Deutschland auch. "Weil die froh sind, selbst nichts machen zu müssen", sagte ein Insider dem STANDARD. Die beste Lösung wäre der Bau zweier Stromtrassen in Deutschland, die es auf dem Papier schon lange gibt, aber speziell in Bayern auf massiven Widerstand stoßen. Eine würde vom Norden Deutschlands, wo an der Nord- und Ostsee sehr viel Windenergie geerntet wird, in die verbrauchsstarken Regionen Bayern und Baden-Württembergs führen, die andere vom Nordosten Deutschlands mit viel Solarstrom Richtung Süden.

Die zweitbeste Lösung wäre ein Stromzaun nördlich von Bayern, der sich aber politisch kaum umsetzen lässt. Ein Stromzaun an der deutsch-österreichischen Grenze ist die drittbeste Lösung. Österreich hat mit Nein gestimmt, hatte letztlich aber gut drei Viertel der Länder gegen sich.

Lösung bis Jahresende

"Wir werden mit Deutschland bis Jahresende eine Lösung für das Netzproblem finden, die kostengünstiger und für alle Beteiligten besser ist", sagte E-Control-Vorstand Walter Boltz. Auf die Verbund-Tochter Austrian Power Grid (APG), die für die Netzstabilität zuständig ist, würden zwar höhere Kosten zukommen, da sie mehr Kraftwerke unter Vertrag nehmen müsste. Verbund-Chef Anzengruber glaubt, dass dies zur Hälfte der sonst schlagend werdenden Zusatzkosten, also 150 Millionen Euro, möglich wäre.

Vom gemeinsamen Strommarkt mit Deutschland, den es seit 2002 gibt, hat insbesondere Österreichs Industrie profitiert. Den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland, die für den Preissturz an der Börse, aber auch für die Netzprobleme mitverantwortlich sind, haben überwiegend die deutschen Haushalte finanziert.

Warnung vor Jobverlusten

Siemens-Chef Wolfgang Hesoun warnt vor Arbeitsplatzverlusten und Stillstand bei Neuinvestitionen, falls es nicht gelingt, die gemeinsame Preiszone mit Deutschland zu halten.

Die Interventionen am Strommarkt haben deutlich zugenommen. Beliefen sich die Kosten für Interventionen zur Stabilisierung des Stromnetzes (Redispatch) in Österreich 2013 auf 12,8 Millionen Euro, waren es 2014 bereits 21,7 Millionen. Heuer gab es einen weiteren Sprung nach oben: Allein bis 7. September sind schon Redispatch-Kosten von 96,1 Mio. Euro angefallen. (Günther Strobl, 24.9.2015)

  • Über einen Ausbau der Stromleitungen führt nach Ansicht von Experten kein Weg vorbei.
    foto: dpa/haderthauer

    Über einen Ausbau der Stromleitungen führt nach Ansicht von Experten kein Weg vorbei.

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