Bonsai: Vermögen, das in den Himmel wächst

30. September 2015, 09:00
15 Postings

Das Kindchenschema lässt sich nicht nur bei Menschen und Tieren anwenden, auch kleinwüchsige Bäume lösen bei Sammlern Liebe und Zuwendung aus

Es war einmal in China ein mächtiger Zauberer namens Jiang Feng, der verwandelte ganze Landschaften in Miniaturen und schenkte sie dem Menschen auf einem Tablett, berichtet ein chinesischer Mythos. Sie glauben nicht an Magier? Macht nichts. Die Wurzeln der Bonsai-Kunst liegen dennoch in China. So richtig groß gemacht aber haben die Japaner den "Baum in der Schale", so die schlichte Übersetzung. Sie optimierten die Technik, aus Samen oder Ablegern von "normalen" Bäumen durch Beschneiden der Zweige und Wurzeln Zwergengewächse zu gestalten.

Mit ihrer mannigfaltigen Erscheinung haben Bonsais das Zeug, den Puls ihrer Bewunderer in die Höhe zu treiben: Kein Bäumchen gleicht dem anderen, mit jedem Tag ändert es sich, wenn auch kaum merklich, rückt es einer Perfektion näher, zu der ein Menschenleben nicht ausreicht, sie zu begreifen. Überall auf der Welt finden sich heute Sammler, die in der Natur im Kleinen tiefe Wurzeln geschlagen haben. Die akzeptieren, "dass wir Menschen immer nur Diener der Natur, aber niemals deren Besitzer sein werden", wie es Günther Klösch vom Bonsaimuseum in Seeboden am Millstätter See formuliert.

Gar manche Pretiosen können im Laufe der Zeit heranwachsen. Zu den teuersten Bonsais zählen ein mehr als 250 Jahre alter Wacholder, der 1981 in Japan für zwei Millionen Dollar (nach heutigem Kurs 1,7 Millionen Euro) den Besitzer wechselte, sowie eine jahrhundertealte Kiefer, die vor wenigen Jahren für 1,3 Millionen Dollar auf der International Bonsai Convention in Takamatsu verkauft wurde.

Ausgestattet mit Mikrochip

Vom Wert der kleinen Bäume wussten offenbar auch jene Diebe, die 1993 in das Haus von Craig Coussins in Edinburgh einbrachen und dem seinerzeit größten Bonsai-Sammler Großbritanniens die meisten seiner mühsam gezüchteten Pflänzchen klauten. Wert: 250.000 Pfund (345.000 Euro). Danach pflanzte er seinen verbliebenen Miniaturgewächsen einen Mikrochip ein, damit sie jederzeit geortet werden konnten.

Dass vor allem japanische Sammler bereit sind, für Bonsai Geld, viel Geld auszugeben, hat aber nur wenig mit der Erwartung an eine "wachsende Anlage" zu tun. "Es ist eine Ehre, einen alten Baum kaufen zu dürfen", erzählt Experte Klösch. "Besonders, wenn man weiß, dass er 'gute' Vorbesitzer hat. Wenn ich den Baum erwerbe und pflege, bin ich Teil seiner Geschichte."

Die Pflege ist das Um und Auf bei Bonsais. Gar mancher von uns hat schon einmal aus einem Gartenmarkt eine der niedlichen Pflanzen für ein paar Euro mit nach Hause genommen. Ihr Schicksal mündete in vielen Fällen in einer Reinkarnation auf dem Kompost.

Klösch wundert das nicht. Denn zum einen brauchen Bonsais im Sommer viel Wasser, müssen regelmäßig gedüngt und vor allem: regelmäßig gedreht werden, um gleichmäßigen Wuchs und Form zu gewährleisten. Über die Angabe auf Verkaufsschildern "Können im Zimmer überleben", kann er nur den Kopf schütteln: "Kein Baum wächst dauerhaft in einem Zimmer." Manche Arten im Freien müssten lediglich vor Frost geschützt werden.

Der richtige Schnitt ist eine Kunst für sich. Selbst Sammler sind oft gar nicht in der Lage, die hohe Qualität angeschaffter Bäume zu erhalten. Viele Liebhaber bringen ihre lebenden Schätze deshalb zu einem "Meister". Für eine Stunde Styling verlangen Bonsai-Gestalter Preise, die einem durchschnittlichen Friseurbesuch entsprechen. Der 2011 verstorbene japanische Geschäftsmann Daizo Iwasaki, der die größte Bonsai-Sammlung besaß, beschäftigte für seine 30.000 Exemplare 15 Baumpfleger.

Worauf es ankommt

Zeit, die entscheidende Frage zu stellen: Eignen sich Bonsais als Kapitalanlage? "In Europa definitiv nicht", sagt Klösch, der in seinem Museum auf einem Areal von 30.000 Quadratmetern zwischen 3000 und 4000 Bäume beherbergt. "Das mag vielleicht in Japan funktionieren, wo Bonsais einen anderen Stellenwert haben, uns fehlen mindestens 200 Jahre Geschichte."

Gewiss, im Grunde wachsen die Pflänzchen von allein gen Himmel. Doch definiert man Wertanlage als etwas, bei dem es darum geht, Kapital einzusetzen, das sich dann ohne weiteres Zutun vermehren soll, sind Bonsais wenig ersprießlich. Prachtexemplare der nach japanischer Tradition aufgezogenen Miniaturbäumchen können allein für Pflege, Schnitt und Verdrahtung im Jahr mehrere Tausende Euro verschlingen.

Das Vermögen der grünen Zwerge liegt in einer ganz anderen Dimension. "Mit Bonsais lernt man begreifen, dass man im Leben nichts beschleunigen kann", sagt Klösch. Schon gar nicht den finanziellen Reichtum. (Karin Tzschentke, 30.9.2015)

  • Wer Geld in Bonsais investiert, sollte nicht nur einen mehr als grünen Daumen haben und sehr geduldig sein, sondern sich  auch damit  auseinandersetzen, was Wertschöpfung abseits der rationalen Logik noch bedeuten kann.
    foto: reuters/wermuth

    Wer Geld in Bonsais investiert, sollte nicht nur einen mehr als grünen Daumen haben und sehr geduldig sein, sondern sich auch damit auseinandersetzen, was Wertschöpfung abseits der rationalen Logik noch bedeuten kann.

Share if you care.