Obama empfängt den Papst

23. September 2015, 19:04
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15.000 Menschen verfolgen den USA-Besuch des katholischen Kirchenoberhaupts

Es ist alles da, die Stars and Stripes, die historischen Uniformen, Dreispitz eingeschlossen, die Flötenklänge aus den Kriegen amerikanischer Rebellen gegen die britische Kolonialmacht, mit denen eine Kapelle über den Rasen marschiert.

Das Weiße Haus hat alle protokollarischen Register gezogen. Vor 15.000 Gästen bekommt der Papst einen Empfang wie ein Staatsoberhaupt, um den sich das politische Washington gerade besonders bemüht.

foto: epa/win mcnamee
Großer Empfang für den Papst.

Umso schöner wirkt die kleine Geste der Bescheidenheit, die Franziskus dem Pomp entgegensetzt. Der Fiat 500, in dem er vorfährt, dürfte eines der schlichtesten Autos sein, die jemals von einer Blaulichtkolonne aus mächtigen Geländewagen und blankgewienerten Motorrädern zur Pennsylvania Avenue eskortiert wurden. Während die amerikanische Hymne gespielt wird, steht er mit gesenktem Kopf inmitten von Menschen, die sich die Hand aufs Herz legen und so stolz in die imaginäre Ferne blicken, dass allein schon der Anblick landestypische Selbstsicherheit symbolisiert. Was für ein Kontrast! Als der Pontifex schließlich an einem Pult steht, spricht er Englisch, ein Englisch mit starkem Akzent. Es ist eine Verbeugung vor den Gastgebern, für die er lange geübt haben dürfte. Diese Sprache falle ihm schwer, er habe einfach kein Ohr für ihre Melodie, hat er einmal einem Biografen anvertraut.

foto: reuters/mike theiler
Der Papst im Fiat.

Alles Nebensache. Ohne Umschweife widmet sich der Papst dem inhaltlichen Kern, nämlich zwei Themen, die hierzulande gerade die Debatte bestimmen: Einwanderung und Klimawandel. Als Sohn einer Immigrantenfamilie sei er froh, in einem Land zu sein, das maßgeblich von ebensolchen Familien aufgebaut wurde, erinnert er die Amerikaner an ihre Geschichte. Dann lobt er Obama für den bislang ehrgeizigsten Klimaplan der Regierung, für das im August ausgegebene Ziel, die Treibhausgas-Emissionen einheimischer Kraftwerke bis 2030 gegenüber dem Stand des Jahres 2005 um 32 Prozent zu senken. Er finde die Initiative ermutigend. "Es scheint mir klar zu sein, dass der Klimawandel ein Problem ist, das man nicht länger einer künftigen Generation überlassen kann", sagt Franziskus und nimmt eine Anleihe bei Martin Luther King.

Der Bürgerrechtsprediger hatte sich 1963, in seiner legendären "I have a dream"-Rede, der Metapher des nicht eingelösten Schuldscheins bedient, vom gebrochenen Verfassungsversprechen gleicher Rechte für alle, auf dessen Erfüllung die Afroamerikaner der Südstaaten damals noch immer warteten. Franziskus wandelt das Motiv auf den Klimaschutz ab. Man habe die Schuld noch nicht beglichen, nun aber sei es an der Zeit, betont er, bevor er sich mit seinem Gastgeber zu einem Vieraugengespräch im Oval Office zurückzieht und anschließend im Papamobil durch ein Spalier jubelnder Menschen fährt.

foto: epa/michael reynolds
Herzlicher Händedruck.

Obama spricht von der moralischen Autorität eines Kirchenoberhaupts, dessen bescheidener, schlichter, gütiger Art. "Sie rütteln unser Gewissen wach!", sagt er, spricht vom Dienst an den Schwachen, ob im geschäftigen Buenos Aires oder in einem abgelegenen Dorf in Kenia, und blendet zurück auf seine eigene Lebensgeschichte. Bevor er in Harvard Jura studierte, war er Sozialarbeiter in den Armenvierteln der South Side, im afroamerikanischen Süden Chicagos, und zwar in Diensten einer katholischen Organisation. In dem Moment wirkt es, als habe er einen Bruder im Geist eingeladen. Und genauso soll es auch wirken. Themen, bei denen Welten zwischen dem Vatikan und dem Oval Office liegen – Abtreibung, die Schwulenehe –, werden nur am Rande gestreift.

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Obama sieht in dem Pontifex aus Argentinien, dem ersten aus der westlichen Hemisphäre, wie er betont, einen Verbündeten, der ihm kraft seiner moralischen Macht helfen kann, auf der Zielgeraden der Präsidentschaft noch ein paar Nägel mit Köpfen zu machen. Vielleicht Klimagesetze, die er bereits im Jubel des Wahljahrs 2008 anpeilte, ehe sie am Widerstand der Republikaner im Kongress scheiterten. Vielleicht eine Reform des Einwanderungsrechts. Beides läuft auf einen Kraftakt hinaus, allein schon angesichts der stabilen konservativen Mehrheit im Parlament. Egal. An diesem Tag geht es allein ums große Bild, um die kühne Vision, mit dem Papst als amerikanischem Hoffnungsträger. (Frank Herrmann aus Washington, 23.9.2015)

Papst Franziskus ist am Donnerstag im US-Kongress in Washington zu einer mit Spannung erwarteten Rede eingetroffen. Es ist die erste Ansprache eines katholischen Kirchenoberhaupts vor dem aus Abgeordnetenhaus und Senat bestehenden Kongress.

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