Mutproben für Horrorfans: "Soma" und "Layers of Fear" im Test

26. September 2015, 11:00
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Herbst ist Gruselspielezeit mit zwei Indie-Schockern für einsame Abende

Der Reiz an Geisterbahnen, Horrorfilmen und -spielen ist doch der: Sie ermöglichen es ihren Besuchern oder Konsumenten, ganz ohne tatsächliche Gefahr den Adrenalinkick zu genießen, der mit einer gehörigen Portion Angst und Schrecken verbunden ist. Dabei ist der Grat zwischen wohligem Gruseln und unangenehmer Panik allerdings schmal und von Person zu Person unterschiedlich. Was bei abgehärteten Zeitgenossen höchstens müdes Grinsen oder anerkennendes Kopfnicken auslöst, mag für weniger Hartgesottene schon zu viel des Bösen sein. Gut, dass es auch im Horrorgenre höchst unterschiedliche Wege gibt, dem Publikum Angst einzujagen. "Layers of Fear" und "Soma", zwei aktuelle Indie-Horrorspiele, bieten für (fast) jeden Gruselgeschmack das richtige.

Bekanntlich schwingt ja nach Jahren der Actionlastigkeit auch im Spielemainstream das Pendel wieder in Richtung atmosphärischer Horror aus – lange Zeit hatten die großen Publisher ja durch Annäherungen an die Blockbusterrezepte aus dem Shooter-Genre eher auf dicke Wummen als auf psychologischen Schrecken gesetzt. Die Konkurrenz aus dem Indie-Sektor hat aber mit frischen Ideen spätestens seit "Alien: Isolation" auch den Hochglanzsektor inspiriert, im Horrorgenre eher auf schwache Spielfiguren zu setzen denn auf Action-Helden. So sind Spielerinnen und Spieler auch in beiden hier vorgestellten Spielen dem Bösen hilflos ausgeliefert: Das Grauen, es lässt sich nicht mit Gewalt bekämpfen – im besten Fall helfen Verstecken oder Flucht beim Überleben. Doch hier enden die Parallelen auch schon wieder: Diese zwei Indie-Schocker gehen unterschiedliche Wege in den Schrecken.

Horror wie gemalt

Eines vorweg: Das atmosphärische "Layers of Fear" (Windows, 9,99 Euro) ist noch im Early Access – und dennoch eine der Horror-Überraschungen des Jahres. Obwohl noch nicht zur Gänze spielbar, sind die knapp drei Stunden Spielzeit schon jetzt ohne Einschränkungen empfehlenswert. In der Gestalt eines von Alkohol und Wahnsinn umnachteten Malers wandern Spielerinnen und Spieler aus First-Person-Perspektive auf der Suche nach Erlösung durch dessen beeindruckend gestaltetes Horrorhaus.

Doch sowohl den eigenen Augen als auch der Architektur ist nicht zu trauen: Vertraute Räume ändern sich, sobald Spielerinnen und Spieler ihnen den Rücken zuwenden, die überall im Haus verstreuten klassischen Gemälde der gesamten europäischen Kunstgeschichte haben ein Eigenleben und die Suche nach Malutensilien deckt Stück für Stück die grausige Vorgeschichte des Hauses und seiner Bewohner auf.

bloober team

Das minimalistische "P.T.", jener inzwischen aus dem PS-Store verschwundene "Playable Teaser" zum eingestellten jüngsten "Silent Hills", ist "Layers of Fear" als Vorbild anzumerken – und das ist kein Nachteil. Wie in diesem außergewöhnlich furchterregenden Spaziergang durch ein immer ähnliches, aber sich immer wieder veränderndes Haus des Schreckens macht auch "Layers of Fear" die eigene Wahrnehmung zum unzuverlässigen Gewährsmann.

Wie das polnische Indie-Studio Bloober Team beeindruckende und originelle Halluzinationsmomente in schneller Abfolge aneinanderreiht, ist bemerkenswert: "Layers of Fear" ist ein Albtraumtrip mit unheimlicher Atmosphäre und reichlich Schrecksekunden. Ob sich diese Jump-Scares im fertigen Spiel irgendwann totlaufen, ist noch schwer zu beurteilen; im bislang spielbaren Stück, das geschätzt etwa zwei Drittel des gesamten Spieles bietet, werden Spielerinnen und Spieler aber mit ausreichend Abwechslung und einigen unvergesslich originellen Szenen überrascht.

Unter Wasser

Wer von modernem Indie-Horror spricht, spricht auch von jenem Spiel, das als legendärer Vater des Genres gelten muss: Das auch heute noch uneingeschränkt empfehlenswerte "Amnesia: The Dark Descent" (Windows, Mac, Linux, 17,49 Euro) aus dem Jahr 2010 wird auch heute noch von Kennern als eines der furchterregendsten Spiele aller Zeiten beschrieben. Seine DNA hat es sowohl in unzähligen Indie-Schockern von "Slender" über "Outlast" bis hin zu "Layers of Fear" als auch im Hochglanzspiel "Alien: Isolation" hinterlassen.

Mit dem Science-Fiction-Horrorspiel "Soma" (Windows, Mac, Linux, PS4, ab ca. 27 Euro) versuchen sich die "Amnesia"-Schöpfer Frictional Games in völlig neuem Setting und mit großer Ambition an einem weiteren Albtraum zum Spielen. Nach einem Gehirnscan erwacht der Protagonist in einer halb zerstörten Tiefseestation, in der offenbar Furchtbares geschehen ist – die Aufklärung dieses Rätsels führt Spielerinnen und Spieler in beeindruckend spannenden acht Stunden Spielzeit durch ein Abenteuer, das viel mehr will, als nur zu erschrecken.

frictionalgames

Wohl hat das schwedische Studio wieder verlässlich grauenhafte Gestalten aufgeboten, die auf dem Weg durch das unterseeische Abenteuer lauern, und ja, die wiederkehrenden Konfrontationen mit diesen Albtraumwesen sind intensiv und schreckenerregend wie im indirekten Vorgänger. Doch im Unterschied zu "Layers of Fear" und zahllosen "Amnesia"-Epigonen ist "Soma" keine Geisterbahn, die uns an vorbestimmten Stellen mit lautem "Booo"-Ruf zu Tode erschrecken will. Stattdessen verlässt sich das Horror-Abenteuer auf seine meisterhaft unheimliche Atmosphäre, seine liebevoll und ungemein detailreich gestaltete, glaubwürdige Welt – und eine Story, die bedeutend mehr Tiefgang bietet als die meisten anderen Spiele.

Nach "The Talos Principle" ist "Soma" bereits das zweite Indie-Spiel innerhalb eines Jahres, das sich auch an ein erwachsenes Science-Fiction-Publikum richtet. Wer Horrorspielen skeptisch gegenübersteht, versäumt mit "Soma" eines der narrativ gelungensten First-Person-Abenteuer aller Zeiten, das sich auf seine Weise durchaus auch neben der "System Shock"-Reihe,d den jeweils ersten Teilen von "Bioshock" und "Dead Space" sowie "Alien: Isolation" gut behaupten kann.

frictionalgames

Schöner Gruseln

Was in Zeiten großer Hochglanzproduktionen auch im Indie-Sektor nicht mehr extra betont werden muss, ist die grafische und soundtechnische Brillanz beider Spiele: Sowohl "Soma" als auch "Layers of Fear" bestechen durch ungemein stimmungsvolle Optik und tolles Sounddesign. Während "Layers of Fear" als psychedelische Geisterbahn mit viel Abwechslung und frischen Ideen auf Schreckmomente und geschickte Wahrnehmungsverwirrungen setzt, bietet "Soma" ein wahres Geisterschloss am Meeresgrund, in dem sich ein spannendes Abenteuer mit bedrohlicher Horroratmosphäre und hintergründiger Story entfaltet – zwei ganz unterschiedliche Schreckenserfahrungen, die Spieler beide auf ihre Weise das Fürchten lehren.

Neugierige "Let’s Play"-Fans seien zum Abschluss vorgewarnt: Bei beiden Titeln nimmt man sich viel der Erfahrung, wenn man sie nur als passiver YouTube-Konsument auf sich einrieseln lässt. Der Spaß am Horror lässt sich eben am besten am eigenen Leib erfahren. (Rainer Sigl)

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